Wissenschaftliche Sitzung Der Sencken- bergischen Naturforschenden Gesellschaft.

_ Frankfurt a.

Zunächst begrüßt der erste Direktor, Herr Dr. A u g u st K n o b I a u ch , im Namen der Gesellschaft Herrn Major a. D. Dr. Lucas von Heyden mit herzlichen, Worten zu seinem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum als Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn. Am 23. Februar 1875 ist dem Jubi­lar in seinen jungen Jahren diese höchste akademische Würde verliehen worden, in gerechter Werthschätzung seiner hervorragenden Verdienste um die e n t o m o - logische Forschung, welche in den wissenschaft- lichen Kreisen aller Erdtheile anerkannt sind. Uner­müdlich hat seitdem der verdiente Gelehrte in seiner >L>pezialwissenschaft weiter gearbeitet, durch zahlreiche Ehrungen ist er ausgezeichnet worden, und auch die Philosophische Fakultät in Bonn hat in dankbarer 2ln- 1 erkennung der seltenen Verdienste des Jubilars am gest.ri-, gen Tage sein Ehrendoktordiplom untrer herzlichen Glückwünschen erneuert.

Nachdem Herr Major Dr. von Heyden in beweg-' ten Worten gedankt, verkündet der Vorsitzende den Be- ; sschluß der Direktion bezüglich der diesmaligen Ertheil- ung desvonReinach-Preises. Ueber vier Preise verfügt die Senckenbergische Natucfor-. sichende Gesellschaft, welche periodisch für dieI ausgezeichnetsten Leistungen auf den verschiedenen Ge-' chieten der naturwissenschaftlichen Forschung zur Ver­leihung kommen. Es sind der v. S o e m m e r r i n g-, Tiedemann-, Stiebel- und v. Reinach- Preis. Der letztere, 1892 gestiftet und für hervor­ragende Arbeiten in der Geologie, Paläontologie und Mineralogie der weiteren Umgebung Frankfurts be­stimmt, ist in den Jahren 1893 und 1895 an die Herren Mof. F. K i n k e l i n - Frankfuri (Geologie) und Prof.

!A. A n d r e a e - Hildesheim (Paläontologie) verliehen ^worden und diesmal für das Gebiet der Minera­logie ausgeschrieben gewesen. Auf Vorschlag der Preis-Kommission, welche aus den Herren Prof. H.

V ü ck i n g - Straßburg, Geh. Oberbergrath Prof. R. Lepsin s-Darmstadt und A. von Reina ch-Frank- furt zusammengesetzt gewesen ist, sind diesmal zwei Arbeiten, welche in gleicher Weise hervorragende Bei­träge zur Mineralogie der weiteren Umgegend Frank­furts liefern, mit dem aus 1000 Mark bestehenden Preise, und zwar jede mit der Hälfte desselben, gekrönt worden, die Arbeiten der Herren Oberlehrer Dr. W. S ch a u f - FrankfurtUeber Sericitgneiße im Taunus mit beson­derer Berücksichtigung der Vorkommnisie in der Sektion-' v . Platte" (Bericht der Senckenberg. Naiurf. Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1893) und Prof. Dr. C. C h e I i u s - DarmstadtUeber die krystallinen Gesteine des Oden­waldes" (Erläuterungen zur geolog. Karte des Groß­herzogthums Hessen, Blatt Brensbach. Darmstadt, 1898).

Hierauf hält Herr Hosrath Dr. med. Bernhard Hagen einen außerordentlich interessanten, anthropolo­gischen Vortrag unter

»Vorführung von Gesichtsthpen ostastatischer und melanesischer Völker in Lichtbildern.«

Ein reines, unvermischtes Volk wird man heutzutage auf der ganzen Erde vergebens suchen. Mischung Kreuzung überah^ wohin wir blicken. Das zeigt sich nicht nur bei uns in Europa, wo wir sogar im Schooße der einzelnen Familien schon die bedeutendsten Verschieden­heiten in Bezug auf Körper- und namentlich Ge­sichtsbildung treffen, sondern auch bis herab zu den allerniedersten Naturvölkern. Einen Beweis dafür liefern die vorgeführten Lichtbilder, welche durchweg nach eigenen Aufnahmen des Redners hergestellt sind und demnächst in einem besonderen Album zur Veröffentlich­ung gelangen sollen. Der Beobachtungskreis, dem die- 'elben entstammen, umfaßt, zoologisch gesprochen,

M., den 24.(Februar 1900.

die indo - malayische und australische Region im Wallace'schen Sinne, also etwa das Gebiet vom Himalaya an bis zu den Salomonsinseln und Australien.

Gerade hier treffen wir eine Durcheinanderwürfelung der verschiedensten Rassen und Völker in so unentwirrbarer Kreuzung und Vermischung, daß die Anthropologie bis­her an der Lösung der hier sich bietenden Probleme fast verzweifelt ist.

Die Aufgabe der heutigen Demonstration und Be­sprechung ist es, zu zeigen, daß bei aller Verschiedenheit der Völker in diesem Theil der Erde in ihren Gesichts­formen dennoch bei näherem Zusehen ein gewisser ein­heitlicher Zug, oft allerdings nur in minimalem Pro­zentsatz, überall hindurchleuchtet, so daß, wie dies be­reits von Seiten der Sprachforschung geschehen, auch von Seiten der somatischen Anthropologie ein gewisser Zusammenhang über das ganze vorgenannte Areal nach­zuweisen ist. Dieser einheitliche Zug besteht in einem sehr charakteristischen breiten niederen Gesicht mit breiten und vorstehenden Backenknochen, in welchem eine kurze, platte, breite, eingedrückte Nase sitzt. Dabei findet sich meistens ein mehr oder minder starker Grad von Prognathie (Schiefzähnigkeit). Der Schädel selbst ist vorwiegend meso- oder dolicho-, nur selten brachycephal. Am stärksten tritt dieser Typus auf bei den malayischen Urvölkern im Innern Sumatras, Malakkas und Bor­neos, so daß man ihn geradezu als den eigentlichen ur- oder prämalayischen Gesichtstypus bezeichnen kann. Bon hier strahlt er nach allen Richtungen aus, nach Südindien, Ceylon, Hinterindien, nach Südchina und , sogar nach Melanesien bis hin zu den Salomonsinseln, ja selbst bis Australien. Bei genauerem Nachforschen können wir diesen Typus sogar noch viel weiter ver­folgen, bis nach Süd- und Mittelafrika und auf der anderen Seite durch Polynesien nach Südamerika hin. Wir stoßen dabei auf die Thatsache, daß dieser Gesichts­typus in auffallendem Grade nur bei solchen Völkern, auftritt, welche wir als natürlich nur verhältniß- mäßig reine und primitive Urvölker aufzufassen und zu bezeichnen pflegen, sowohl in Afrika (Hottentotten,, Buschmänner, Akkas), wie in Indien (die Bergstämme Südindiens, die Weddas in Ceylon), sowohl im malayischen als im papuanischen Archipel.

Es drängt sich sonach von selbst der Gedanke auf, dass wir hier vor den Resten einer alten, einst Uber das ganze Areal der altweltlichen Südhemisphäre verbreiteten Ur- rasse stehen, die ch ihren Zügen einen den kindlichen ! Formen umstehenden und darum als höchst primitiv zu ,-bezeichnenden Gesichtstypus bewahxt hat. Interessant und von Bedeutung ist ,es.,i<'dieser Hinsicht, daß die Frauen, welche nach V i r ch o w s Zeugniß dem kindlichen Typus im Allgemeinen am nächsten stehen, sich die in Rede stehende Gesichtsform durchschnittlich in viel bedeu­tenderem Grade bewahrt haben als die Männer.

Ferner sehen wir, daß die Gebiete, auf welchen diese alten Rassenreste zerstreut sich finden, so hübsch um das vielpostulirte, versunkene S c l a t e r' sche Lemurien herumliegen, daß ein Wiederauftauchen desselben alle diese heute durch weite Meere getrennten Gebiete verbin­den und so auch sie geographische Unterlage für diese Urrasse abgeben würde. Da aber nun leider ein tertiäres Lemurien nach Kobel ts zoogeographischen Unter­suchungen nicht existirt haben kann, so müßten wir schließlich auf der Suche nach Landverbindungen auf das alte paläozoische Gondwanaland zurückgreisen; wir kämen aber damit in Zeiträume hinein, die für die Exi­stenz des Menschen als solchen unmöglich sind.

Reicher Beifall lohnte den gewandten Redner für seinen interessanten Vortrag. welchem durch die wir­kungsvolle Vorführung vortrefflicher Lichtbilder ern be­sonderer Reiz verliehen wutde.