WissettschüftLiche Sitzung der Sencken- bergischerr Ratnxfor-chenden GeseAschast.

Frankfurt a. M

Nachdem de; 1. Direktor, Herr Dr. A u g u st Knoblauch, auf die hervorragende wissenschaftliche und nationale Bedeutung der Deutschen Tiefsee- Expedition an Bord derValdivia" hingewiefen, begrüßt er mit warmen Worten den Vortragenden, Herrn Fritz Winter, einen Sohn unserer Vater­stadt, welcher als Mitglied der Expedition sich an den wissenschaftlichen Arbeiten derselben als Zeichner in her­vorragender Weise betheiligt hat, und dessen Ausführ­ungen darum ein besonderes Interesse verdienen.

Hierauf spricht Herr Fritz Winter, z. Z. «tust.

! rer. nat. in Leipzig,

Ueber die Deutsche Ticfsee-Cxpcdition".

Der Redner führt als Einleitung seines Vortrages aus, daß die Erforschung der Tiefste erst dem 19. Jahr­hundert Vorbehalten war, indem das Interesse für die abyssische See wesentlich durch die transatlantischen Kabellegungen wachgerusen wurde. Nachdem mait er­kannt hatte, welch ein ergiebiges Arbeitsfeld die Er-! schließung jener Regionen dem wissenschaftlich strebenden Geiste eröffnen würde, wetteiferten verschiedene Nationen nacheinander mit der Lösung jener Aufgabe. So sandte auch das Deutsche Reich die erste große Expedition dieser Art hinaus, zu deren Leiter der geistige Urheber derselben, Professor Carl Chun in Leipzig, ein Frankfurter und korrespondirendes Mitglied der Sencken- bergischen Naturforschenden. Gesellschaft, ernannt wurde.

Am 1. August 1898 verließ die Deutsche Tiefsee- Expedition auf dem SchiffeValdivia" den Hafen von Hamburg. Ihre neunmonatliche Fahrt erstreckte sich durch den Atlantischen Ozean nach Kapstadt, von hier im iveiten Bogen in das südliche Eismeer und zurück durch den indischen Ozean nach Sumatra, dann längs des Aequators nach Ostafrika und durch das Rothe Meer! j heimwärts wieder nach Hamburg. j

Eingehender schildert der Redner die von der Ex­pedition neu erschlossenen Gebiete der Antarktis und des indischen Ozeans. Beim Eintritt in das südliche Eis­meer hatte dieVal di via" heftig gegen die gewal­tigen Westwinde zu kämpfen, die einer Breitenausdehn­ung von 40 bis 50 Grad Süd eigenthümlich sind. Süd­lich dieser ungastlichen Zone war ein ruhiges Arbeiten möglich und besonders erfolgreich war es auf der unter­seeischen Erhebung, welche der von der Expedition wieder neu aufgefundenen Bouvetinsel zum Sockel dient.

Den weiteren südlichen Kurs hemmte schon nach einigen Tagen das Auftreten größerer Treibeismasscn.

In vielfachen Zickzackwindungen, stets begleitet von einer größeren Anzahl verschiedenartigster Sturmvögel, schlängelte sich die Fahrt der Packeisgrenze entlang, zwischen mächtigen Eisbergen hindurch von mannig­fachster Gestalt und oft beträchtlicher Höhe. Großes Er­staunen erregte, daß statt des bis jetzt vermutheten seichten Polarmeeres ein gewaltig tiefes Becken konstatirt wurde, dessen Bodenrelies bis zu 5700 Meter unter den. Meeresspiegel sinkt. In Folge zu großen Anstauens des Packeises mußte die Expedition am 16. Dezember nach Erreichen des 64 Grades südl. Br. umkehren, sie machte jedoch vorher nahe des südlichsten Punktes einen Zug. mit dem Grundnetz in 4636 Meter. Während die noth- wendig vorausg^hende Lotung bei dieser Tiefe hinunter und wieder herauf nur Itz Stunde gebraucht, nimmt ein Zug mit dem Bodennetz, der Dredge oder dem Trawl bei gleicher Tiefe 10 bis 12 Stunden in Anspruch. Zu­weilen kann der Oberfläche eine erstaunliche Fülle Material zugeführt werden, sodaß das Netz, welches zu Zeiten bis 20 Zentner wog, nur mit äußerst kräftigen Dampfwinden emporgehvbrn werden kann. Nach weiterem Verlauf der Fahrt nach Norden nahm die Expedition einen dreitägigen Aufenthalt auf den Kergueleninseln, die in ihrer wilden Schönheit mit hohen schneebedeckten Bergen und der eigenartigen Thierwelt den Besuchern einen unvergeßlichen Eindruck hrnterließen.

Den zweiten Theil des Vortrages widmet Redner ausschließlich der seltsamen Thierwelt der Tiessee und schließt daran einige hochinteressante biologische Be­trachtungen. Eine Fülle kostbaren Materials fiel der Expedition im Indischen Ozean zu, besonders in der Nähe Sumatras und an der Somaliküste. In der Tiefsee führt eine Fauna, seltsam und fremdartig, unter

., den 10. Februar 1900.

merkwürdigen Existenzbedingungen bei kärglicher Nahr­ung um so energischer den Kampf ums Dasein.

Mit schön gefärbten Korallen wechseln auf dem Boden des Ozeans reizvolle und zierlich gebaute Glas­schwämme (Hexaettnellicken). Die Expedition hatte Gelegenheit, deren gigantische Formen aufzufinden mit bis 1^ Meter langen glashellen Kieselnadeln bis zur Dicke eines Fingers. Langarmige Seesterne, Stachel­häuter und Secwalzen kriechen phlegmatisch umher. Durch ihre Eleganz zeichnen sich meterhohe Seelilien aus, zum Theil Formen, in denen der Geologe den letzten Enkel eines einst zahlreichen Geschlechtes erkennt, das in Jura oder Kreide seine Grabstätte hat. Zwischen und über diesen sessiken Formen tummelt sich eine Welt farbenprächtiger Krebse, Fische von bizarrer Gestalt, theils mit riesigen Rachen, theils mit monströsen Augen, die oft noch auf langen Stielen sitzen. Mit Hülfe der Vertikalnctze, die zum Fange freischwimmender oder pelagischer Thiere bestimmt sind, hat die Expedition nach­gewiesen, daß alle Schichten des Meeres vom Boden bis hinauf zur Oberfläche belebt sind. Die Ernährungs- srage wird gelöst dadurch, daß an der Oberfläche uns eine Schicht reich entwickelten Pflanzenleb-ns entgegen^ tritt. Schließneße, die mittelst eines sinnreich konstruirten Mechanismus sich nur in bestimmten Tiefen öffnen und dann nach kurzer Zeit wieder schließen, vermitteln uns reine Proben aus gewünschten Regionen. Diese Netz­züge haben dargethan, daß eine üppig entwickelte Pflan­zenwelt nur bis 80 Meter Tiefe gedeiht. Einige wenige i Pflanzensormen können noch bis 350 Meter assimiliren. Unterhalb dieser Grenze zeigen alle Pflanzen patho- ! logische Charaktere, da die zu ihrer Erhaltung noth- wendiae Lichtmenae fehlt. Die oberflächliche Schicht bis 350 Meter ist also die unvarsiegliche Quelle der Nahr­ung; von ihr ernährt sich die untere Schicht und so geht es stufenweise hinab bis auf den Boden der Tiefsee.

Da das Licht in seiner Intensität so rasch abnimmt, wozu finden wir selbst in den tiefsten Regionen noch Organismen mit so mächtig entwickelten Augen? Hier hat sich die Natur selbst gebolsen, indem sie ibre Ge­schöpfe mit eigenen Leuchtauellen ausrüsteie. An bizarren Fortsätzen des Körpers hängen Laternen, die in phos- phorischem Scheine erglühen. Kommen Fische, Krebse, Cephalopoden noch lebend aus größerer Tiefe an di« Oberfläche, so ist es stets ein überwältigend prächtiaer Anblick, dieselben im Dunklen ein bläulich - grünliches Licht ausstrablen zu sehen. Das in der Tiessee immer­bin schwache Lickst ist vielen Formen zum Erkennen von Bewegungen genügend, wenn auch kein detaillirtes Bild zu Stande kommt. Und daß es sich in vielen Fällen darum bandelt, erbringt der phpsiologische Nachweis des Befundes der Teleskopaugen; Augen, die, wie die Expe­dition nachwies, bei einer größeren Anzahl von Orga­nismen in der Tiefsee eine ausgedehnte Verbreitung finden. ___

Durch zahlreiche Demonstrationen wird der hoch­interessante Vortrag erläutert; prachtvolle Original­photographien des Redners geben ein anschauliches Bild der pittoresken Formen der besuchten Landschaften, während die ausgestellten Instrumente und Apparate (Schließnetze, Tirfsee-Thermometer, Lotapparate rc.), welche von der Expedition aus ihrer Fahrt benützt worden sind, und eine große Anzahl von zoologischen Präparaten und von überlebensgroßen Zeichnungen einen inter­essanten Einblick in die Vielseitigkeit der wissenschaft­lichen Tiefseeforschung und in das reichhaltige, bunte Thierlcbcn der Tiefen des Ozeans gewähren. Lebhafter Beifall lohnte den jugendlichen Redner, welchem der Vorsitzende in seinem Schlußwort den herzlichsten Dank der Gesellschaft aussprach.

Die anläßlich des Vortrags veran­staltete Ausstellung im großen Hör­saale des Senckenbergischen Bibliothek­gebäudes ist noch am Sonntag, den 11. Februar von 11 bis 1 Uhr dem Publi­kum unentgeltlich zugängig und wird gewiß das Interesse weiterer Kreise! finden.