! Wissenschaftliche Sitzung der Senckenberg- ischen Naturforschenden Gesellschaft.

Samstag, den 20. Januar 1900.

i Ter 1. Direktor. Herr Dr. August Knoblauch/ legt das soeben erschienene 1. Heft des XXVI. Bandes derAbhandlungen" vor. besten ausführliche Be­sprechung einer spateren Sitzung Vorbehalten bleiben fulL Das umfangreiche und prachtvoll ausgestattete Heft ent­hält Zwei Arbeiten von Mitgliedern der Gesellschafrr ..Beitrage zur Entwicklungsgeschichte der Reptilien" von Dr. A. Boeltzkow undDer Uterus gravi du» von Galago agisymbanus" von Prof. H. Strahl.

Hierauf spricht Herr Professor Dr. Hermann Klactsch aus Heidelberg über

Das Problem der Abstammung des Mensche».

Für alle Forschungen über die Frage nach der .Her­kunft des Menschen müssen die bahnbrechenden Arbeiten. Darwins als Grundlage dienen, welche- den Anfang einer neuen, richtigeren Erkenntniß, aber keineswegs den Abschluß derselben bedeuten. Wohl hatten schon vor Darwin hervorragende Geister die Idee der Gemein­samkeit des Menschen und der übrigen belebten Schöpf­ung so Goethe, der diesen Anschauungen durch spezielle anatomische Untersuchung des Kopfskelets, wie in hochpoetischen Stellen seiner Werke, namentlich des Faust Ausdruck verlieh aber erstDarwin führte dem exakten Nachweis dafür, daß sich der Mensch aus eine« niedern Form" entwickelt habe. Es ist sehr wichtig, diesen Ausdruck zu beachten und zu betonen, datz D a r w i n niemals von den Affen speziell als den Vor­jahren des Menschen spricht, oder gar auf bestimmt,?, lebende Affenformen als ein Abbild unferer Großväter hinweist. Durch allzu einseitige Fortführungen des; Darwin'scheu Werkes von Seiten mancher begeister­ter Anhänger des großen Forschers ist später seine Lehre entstellt und das große Publikum zum Theil irregeleitet" worden. Sogar die Kunst hat sich herbeigelassen. daK Trugbild eines Affen-Vormenschen auf die Leinwand- zu bannen. Das berühmte oder besser berüchtigte Ge­mälde von Gabriel Max zeigt uns ein Wesen, das in unglückseliger Mischung die Eigenschaften eines Gorilla ^und eines Menschen miteinander so paart, als ob man ' es mit einem Kreuzungsprodukt beider zu thun habe. So kann der Vorfahr. des Menschen nie ausgesehech haben; dieses Max'sche Phantasie-Ungeheuer könnte, höchstens für einen Vorfahren des Gorilla gelten.

Ein großer Theil des gebildeten Publikums hat irr richtigem Instinkte gegen diese Annahme einer direkten! Affen-Abstammung Front gemacht; bedeutende Gelehrte, wie R u d o l f V i r ch o w haben geschickt die Schwächen der H a e ck e l'schen ultradarwinistischen Richtung benützt, um die ganze Abstammungslehre überhaupt ~ zu ver ­dächtigen. In unberechtigt erscheinender Zweifelsuckr wurde die Frage nach der Herkunft des Menschen von V ir ch o w und Andern in ein Dunkel gehüllt, in welches erst neuere Forschungen Licht getragen haben, indem sie zu dem gemäßigten Standpunkte Darwins zurück- kchren und seine Lehre aus Grund der zahlreichen neuen Errungenschaften der für das Problem in Betracht kommenden Wissenschaften svrtzubilden suchen.

Dies ist einmal die Lehre von der Entwicklung des Einzelwesens dieEmbryologie", sodann die Lehren vom Bau der lebenden Wesen und von der Vergleich-! ung derselben miteinander, dieVergleichende Anatomie"' oderMorphologie (Gestaltenlchre)". Drittens kommen! die zahlreichen neuen Einblicke hinzu, welche man ig die Vorgeschichte unserer Mutter Erde und der Thier- und Pflanzenwelt grthan hat, die Lehre von den aus­gestorbenen Wesen, diePalaeontologie", und endlich die Atenschenkunde selbst, dieAnthropologie", die Praehistorie des Menschen und die Lehre von den ver­schiedenen Rassen desselben.

Eine sachgemäße Vereinigung der Resultate aller dieser Disziplinen gestattet eine viel schärfere Beantwortung der Frage nach den Vorfahren des Menschen und ihrer Stellung zu denen anderer Wesen, als man von einein einseitigen Standpunkte aus erwarten sollte. Mit voller Sicherheit können wir die verschiedenen Möglichkeiten abgrenzen, welche für die Beschaffenheit der Vorfahren ces Menschen gegeben find, und ebenso können wir die Unmöglichkeit gewisser bisher geltender Annahmen dar- rhun. Nicht auf dem Wege der Spekulation, sondern auf dem der vorsichtigen Kombination und Abwägung fest begründeter Thatsachen erfassen wir scharf die that- iächlich bestehenden Lücken in der Vorfahrenreihe des

Menschen und gewinnen ein Urtheil über die Bedeutung von Funden, die alsBindeglieder" gelten sollen!

Wenn sich beweisen läßt, daß dieniedere Form", von der Darwin spricht, gar nicht einAffe" im heutigen Sinne ist, so hat natürlich auch der schönste, Affen-Mensch" gar keine Bedeutung für unsere Ab-, stammung. Das kann ja auch ein von dem mensch-i lichen Vorfahrenzustande aus sich entfernendes Geschöpf, gewesen sein, das dieAffenbahn" betreten hat, auf' welcher der Vormenfch gar nicht gewandelt zu sein- braucht. So war auch Darwins Standpunkt,' daß Mensch und Affe zwei neben einander her gehende Zweige eines gemeinsamen Stammes repräsentiren.

Indem der Vortragende sich dem Thema selbst zu- toendet, bespricht er Zunächst die Frage nach der Zu­gehörigkeit des Menschen zum Thier- r e i ch im Allgemeinen. Die Annahme einer solchen ist natürlich die Grundlage für die Untersuchung darüber, mit welchen thierischen Formen der Mensch näher oder entfernter verwandt fei. Wer diese allgemeine Zusammengehörigkeit von Mensch und Thier negirl, mir dem ist jede weitere Diskussion eine verlorene Liebes­mühe. Die Wissenschaft steht hier auf völlig gesichertem! Boden. Die Entwicklung eines jeden menschlichen Jndi-! viduums folgt denselben Gesetzen wie die der Thiere. Auch der Mensch geht aus der befruchteten Eizelle her­vor, die in rascher Theilung die zahlreichen Zellen und Elemente liefert, aus denen sich Gewebe und Organ: des Körpers aufbauen. Die Ausbildung der ernährenden und schützenden Hüllen, welche im Mutterleib für den menschlichen Keim gebildet werden, stimmt überein mit den Vorgängen bei den anderen Säugethieren, und zwar speziell mit solchen, welche sich in ihrem Bau als sehr niedrig-organisirte primitive Formen offenbaren. Die Lebensvorgänge spielen sich beim Menschen in derselben Weise ab, wie bei den Thieren. Sein Bau zeigt den allgemeinen Grundplan der Wirbelthicre und bis in alle Einzelheiten hinein den des Säugethiers. Mehr viel­leicht als der normale Bau dürften manche gelegentlich vorkommenden Abweichungen an Skelet, Muskulatur usw. die Neberzeugung von der Uebereinstimmung d:s Menschen mit niedrig-organisirten Säugethieren be­festigen. Auch hat der Mensch an seinem Körper eine größere Anzahl von Einrichtungen, die lediglich als Zeugnisse seines Hervorgehens aus einer niederen Form verständlich sind, ohne diese Annahme aber völlig räthsel- haft bleiben.

Sich der Frage nach der thierischen Verwandtschaft des Menschen im Speziellen zuwendend, entwickelt der Vortragende die Grundsätze, nach denm die Säuge- thiere in größere Gruppen, Ordnungen, Klaffen und Familien eingetheilt werden. Die Hauptrolle spielen hierbei das Gehirn und die Gliedmaßen, Hand und Fuß. Der Stammbaum der jetzt lebenden Säugethiere ist durch die Ergebnisse der vergleichenden Anatomie und Palaeontologie in seinen Grundzügen aufgeklärt. Jede Gruppe derselben hat ihre Besonderheit, welche das Prin­zip darstellt, durch das eine bestimmte Säugethierform ihren Platz im Kampfe ums Dasein behauptet. Die mäch­tige Ausbildung gewisser Theile des Gebisses verhilft den Raubihiercn, die eigenihümliche Umbildung der Glied- !maßen zu vorzüglichen Lauforganen den Hufthieren zur Fortführung ihrer Existenz. Spezielle Anpassungen an das Leben im Wasser oder an die fliegende Lebensweise haben große Säugethiergruppen umgestaltet. Alle diese einseitig ausgebild-wn Säugethiergruppen weisen uns auf eine gemeinsame Grundform hin, in welcher Gliedmaßen und Gebiß einen noch nicht spezialisirten Typus aufwcisen. Die Palaeontologie hat diese ursprüng­lichen Wesen, die Vorläufer der Raubthiere, Hufihiere usw. in der Erdrinde aufgedeckt. Sie stimmen unter­einander ausfällig überein in dem Besitz eines Gebisses, bei welchem Schneide-, Eck- und Mahlzahne von gleich­mäßigen Dimensionen sind, und indem bei ihnen Hand und Fuß als fünffingrig und fünfzehig erscheinen mit einem Daumen, respektive einer ersten Zehe, welche den anderen Fingern und Zehen entgegengestellt wird.

Von solchen primitiven kletternden Formen müssen wir alle jetzt lebenden Säugethiere herleiten, und wir haben noch jetzt Thiere, welche sich ganz direkt an diese Wurzel des Säugethierstammes anschließm, es sind die sogenann­ten Halbaffen, die Affen und der Mensch. Gerade der Mensch hat sich die alten und ursprünglichen Eigen-