toelt gesetzmäßig geordnet, also in ihrem Organismus be- grundet, mit zur Welt. Sehr wahrscheinlich gehört Hierher auch baS,. was man gewöhnlich „Flucht" nennt. Es ist schon zu einer Zeit vorhanden, wo von einem ausgebildeten Nervensystem nicht die Rede sein kann. Fertig mit zur Welt gebracht wird auch die Zusammenordnung vieler Bergungen, welche im Vau der Muskeln ebensoviel begründet ist wie in der Anlage des Nervensystems.
Von einem Erlernen der Schwimmbewegung kann nicht die Rede sein, wenn wir auch auf höheren Stadien der Threrreihe wahrnehmen, daß derartiges, der Gang, das Fliegen «., anscheinend erlernt werden müsse. Uebrigens kommt auch ein großer Theil dieses letzteren „Lernens" nur auf die Kräftigung der noch unzureichenden Muskulatur heraus, denn die mikroskopische Anatomie des Rückenmarks lehrt, daß alle Fasern und Zellen, welche dem Geh- mechanismus zu Grunde liegen, um die Zeit, wo der M-nsch . laufen lernt, längst vorgebildei sind.
Es gibt nur wenige Untersuchungen über die Sinnesrezeption der Fische. Aus diesen geht hervor, daß diese Thiere chemische Reize empfinden — Geschmack-, Geruchsinn —, daß sie Licht rezipiren und auch durch die Augen optische Bilder bekommen, daß sie sehen, daß es fraglich ist, ob sie überhaupt hören, daß aber kräftigere Erschütterungen des Wassers, selbst solche durch Schallwellen, von ihnen wahrgenommcn werden. Schließlich hat man erkannt, daß in den Kopskanälen und der Seiienlinie nach Sinnesorgane gegeben sind, welche Druckschwonkungen des umgebenden Mediums wahrzunehmen gestatten. Für alle diese Sinnesapparate kennen wir heute nicht nur die Enden an der Körperoberfläche, sondern auch die Nerven und deren Ende im Gehirns Wir wissen, daß nicht ein einziger dieser Nerven weiter als bis zu seinem ersten Endganglion reicht, aber wir kennen Faserzügej welche diese ersten Endganglien in bestimmter, immer wiederkehrender Weise untereinander verknüpfen. Ist dieser Apparat geeignet, Eindrücke, die ihm zugeführt werden, irgendwie festzuhalten, existirt eine Nachwirkung einmal stattgehabter Reize?
Eine Eigenschaft, welche schon an der kleinsten Fischbrut wahrgenommen wird, ist das Zurückweichen vor Plötzlich auftretenden optischen oder anderen Lichteindrücken.
Dieser „F l u ch t r e f l e x" besteht nun bei allen Fischen fort in das reife Leben hinein, er kann gesteigert werden — „die Fische sind scheu" —, er kann herabgemindert werden — „die Fische werden zahm". Daß Fische zahm werden, ist in mehr als hundert Briefen berichtet. In den meisten Fällen handelt es sich um Goldfische- die im Aquarium gelernt haben, vor ihnen bekannten Fütterern nicht zu fliehen. Das Gleiche wird aber auch von Forellen und anderen Fischarten, ja sogar von Selachiern berichtet. Vielfach wurden Fische so zahm, daß sie sich von der ihnen bekannten Person mit der Hand ergreifen, aus dem Wasser nehmen und wieder hineinsetzen ließen. Redner gab hierzu zahlreiche Beispiele. Gewöhnlich werden die Fische wieder scheu, wenn die Verhältnisse, unter denen dieselbe^ den „Fluchtreflex" verloren haben, geändert werden. Auch dafür sind zahlreiche Beispiele berichtet. So hat Herr Wallau in Mainz eine Regenbogenforelle so gezähmt, daß sie das Futter aus der Hand nahm: wenn er sie dabei am Schwanz aus dem Wasser hob, kam sie auf drei Tage nicht heran. Viele Beobachter sahen Goldfische, die schon ganz zahm waren, wieder scheu werden, wenn sie, etwa durch Katzen oder Amseln, gejagt worden waren. Ueberhaupt scheint das Gejagt- und Gestörtwerden die Fische, auch die vorher nicht gezähmten, besonders scheu zu machen.
Eine bekannte Erfahrung der Fischer ist es auch, daß einmal ausgefischte Plätze für längere Zeit von den Fischen gemieden werden.
Die oben gemeldeten Erfahrungen über die Zähmung von Fischen beweisen vielleicht schon, daß einmal erlangte Eindrücke zurückgehalten werden können. Viel klarer aber geht das aus den zirka 150 Briefen hervor, welche sich ausschließlich mit dem Verhalten der Fische bei Fütterungen, sei es in Teichen oder Flüssen, sei es im Aquarium, beschäftigen. Das gleichmäßige Einerlei der Angaben in allen diesen Briefen ist so groß, daß man die berichteten Thatsachen wohl als den Ausfluß der Gesammt- erfahrungen aller Fischbeobachter wird ansehen dürfen.
Lange gefütterte Goldfische werden so zahm, daß sie jedesmal an die Stelle herankommen, an welche der Fütternde tritt. Auch wenn in dem Füttern eine Pause von Monaten eintritt, verlieren sie nicht diese Gewohnheit. Das Gleiche wird berichtet von Barsch, von Scaphirhyn- chns, von Ellritzen, Bitterlingen, Schleien, Welsen, von Forellen und von diversen Karpsenarten. Vielfach folgen
in Teichen die Fische dem Fütternden aus eine Strecke nach. Es scheinen gewisse Merkzeichen optischer Art zu sein, welche die Fische an Fütterer knüpfen. Viele Korrespondenten glauben, daß aus dem Verhalten des Fisches zur Angel Schlüsse auf das Vorhandensein etwaigen Gedächtnisses gezogen werden können.
Wenn wir auch noch lange nicht alle Momente übersehen, welche ein höheres Thier zur Nahrungsaufnahme bewegen, so wissen wir doch schon jetzt, daß sich diese Momente analysiren lassen und daß es sich im Wesentlichen darum handelt, wie stark der optische, chemische rc. Reiz ist, welcher von der Speise ausgeht, in welcher Disposition er den Körper trifft und welche Einflüsse hemniend eintreten.
Fische gehen nur dann an die Nahrung heran, tvenn andere Sinneseindrücke von besonderer Lebhaftigkeit ausgeschlossen sind, wenn sie „disponirt" (Hunger, Luft- und Wasserbeschaffenheit, vielleicht auch die Elektrizität der Luft und des Wassers spielen eine Rolle) sind und vor Allem, wenn das Gesammtverhalten der Nahrung einen zum Auslösen des Freßreflexes genügenden, vor Allem einen entsprechenden Reiz bietet. Ist das nicht völlig der Fall, sieht z. B. ein künstlicher Köder in einer wichtigen Beziehung dem natürlichen nicht genug ähnlich oder sind die Bewegungen des schlecht aufgespießten Wurmes andere als die des normalen oder aber ist durch die Hand des Fischenden dem Köder eine andere als die natürliche Witterung gegeben, dann löst eben der unangemessene Reiz die entsprechende Bewegung nicht aus. Die Auslösung erfolgt auch nach dem Artcharakter verschieden; es gibt Fische, welche bedächtig langsam an die Nahrung Herangehen, und andere, welche direkt auf sie losstürzen. Die trägen Karpfenarten und die lebhaften Salmoniden bilden hier zwei gute Prototype. Die Gierigkeit, mit der Thiere, wenn sie hungrig sind, anbeißen, ist selbst für nahe verwandte Arten sehr verschieden. Salmo Salvelinus und Salmo trutta beißen gelegentlich in den bewegten Finger, Salmo fario nie. Sättigung oder Hunger erschweren, respektive erleichtern ebenfalls das Zustandekommen der Reflexreihe. Wir können uns auch denken, daß bestimmte sensible Reize, Verwundungen z. B., die Thiere schwieriger bei der Nahrungsaufnahme machen. Daß sie andererseits durch Temperatur- vnd andere Witterungseinflüsse besonders leicht zum Fressen kommen, weiß jeder Angler. Zirka 30 Mal ist mitgetheilt, daß Raubfische, welche eben eine Angel abgerissen hatten und sie im Munde trugen, gleich darauf oder auch später von einer neuen Angel gefaßt wurden. Diese Fälle beweisen nicht, wie die Korrespondenten meinen, daß die Thiere kein Gedächtniß hätten. Die Thiere können ja dem zweiten Köder ebensowenig als dem ersten ansehen, ob ein Angelhaken darin verborgen ist. Auch Menschen lassen sich durch den gleichen Trick mehrfach täuschen. Dann wissen wir nicht, ob Fische überhaupt Schmerzen von einem Anstechen der Mundhöhle empfinden, za es gibt eine Anzahl von Thatsachen, welche Zweifel darüber aufkomen lassen, ob überhaupt das, was wir Menschen Schmerz nennen, sehr weit hinab in die Thierreihe reicht. Raubfische, bei denen der Trieb zur Nahrungsaufnahme, wie es scheint, immer ein lebhafterer ist, können ganz kolossale Verletzungen ertragen, ohne daß sie deshalb aufhören zu fressen.
Sehr vielfach wird hier auch ein, wie es scheint, zuerst von Möbius angestellter und berühmt gewordener Hechtversuch mitgetheilt, welcher nach Ansicht der Korrespondenten gar nicht anders als durch die Annahme von Gedächtniß zu erklären ist. In einem Aquarium wird ein Hecht von kleinen Futterfischen durch eine Glasscheibe getrennt. Angeblich fährt er anfangs auf diese los und verletzt sich die Schnauze. Wird nach einiger Zeit die Glasscheibe weg- . genommen, so geht das Thier an die kleine Beute nicht mehr heran.
Dieser Versuch ist nicht ohne Weiteres beweisend. Zunächst ist mir zweifelhaft, ob wirklich der Hecht, welcher sonst, von seinen Seitenorganen geschützt, jede Glaswand "außerordentlich geschickt zu meiden weiß, gerade auf die trennende so losfährt, daß er sich verletzt. Und dann haben zahlreiche Personen versichert, daß in den belichteten Glasaquarien Hechte überhaupt nur sehr selten an Futterfische Herangehen. Ein großer Fischhändler hier hält seit Jahr und Tag in den Aquarien seines Schaufensters Hechte mit anderen Fischen zusammen, ohne daß er je einen der Be- gleitfische verloren hätte. Um seine Hechte zu füttern, muß er sie in das Dunkel des Kellers bringen. Ist es also zunächst unwahrscheinlich, daß der Hecht überhaupt eine schlechte Erfahrung beim Losschießen auf die Futterfische gemacht hat, so ist andererseits nur schwer zu behaupten, daß die auf Ausstellungen mit Futterfischen zusammen