Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergischen naLnrforschenden Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 4. November 1899.

Der 1. Direktor, Herr Dr. A u g u st Knoblauch, gedenkt zuerst der am 8. d. Mts. stattfindenden Eröffnung des-König!. Instituts für experimentelle Therapie, durch welches den naturwissenschaftlichen und medizinischen Schöpfungen Senckenbergs ein engverwandte Ziele erstrebendes Institut angefügt wird. Der ver­dienstvolle Leiter desselben, Herr Geheimer Medizinal- Rath Professor Ehrlich, ist wegen seiner bahn­brechenden Untersuchungen überdas Sauerstoffbedürf- niß des Organismus" am 10. März 1887 mit dem Tiedemannpreise ausgezeichnet worden. Seither korrespondirendes Mitglied der Gesellschaft, ist Herr Geh. Rath Ehrlich nunmehr als arbeitendes Mitglied in die Ver­waltung derselben eingetreten.

Es ist beabsichtigt, in der nächsten wissenschaftlichen Sitzung, am 25. d. Mts., eine Gesammtausstellung der in der letzten Zeit erworbenen und geschenkten Gegenstände zu veranstalten. Aus diesem Grunde hat man es dieses Mal unterlassen, einzelne dieser Tage eingegangene Ge­schenke vorzulegen.

Herr Professor Dr. L. E ding er spricht hierauf über Das Gedächtnis; der Fische.

Die wissenschaftliche Psychologie hat bisher, weil sie wesentlich von der Selbstbeobachtung des Untersuchenden oder von de.m an anderen Menschen Beobachteten ausging, bekanntlich sehr wenig Gewicht aus die entsprechenden Er­scheinungen gelegt, welche die niederen Thiere darb'ieten. Wo es geschah, ist es mit unglaublicher Verkennung der Beurtheilungs- und Beobachtungsmethoden geschehen. Man verurtheilt jetzt mit Recht den Standpunkt der Romanes, Büchner, Brehm, welche überall menschliche Triebe, Ver­anlassungen, Ueberlegungen sehen. Auch der alte und immer wiederkehrende Versuch, eine scharfe Grenze zwischenVer­stand" undInstinkt" zu ziehen, hat der Entwicklung einer , wirklich wissenschaftlichen Thierpsychologie mehr geschadet i als genützt. Dazu kommt noch als drittes Schadenmoment, 'daß viele Derjenigen, welche Psychologie trieben, von der Thierbeobachtung nichts verstanden und daß die meisten der Thierbeobachter den wissenschaftlichen Fragestellungen zu fern standen., So konnte es einerseits zu einem anscheinend ausgebauten Stückchen Thierpsychologie kommen, mit dem kaum etwas anzufangen ist, wenn man nach der Sicher­heit der Unterlagen sich umthut, und andererseits zu einer jetzt schon sehr großen Sammlung von Thierbeobachtungen, welche von jenen Psychologen beeinflußt, also nicht objektiv sind. Die experimentelle Physiologie des Nerven­systems ist jetzt in mancherlei Hinsicht gut ausgebaut, von der Anatomie des Thiergehirns wissen wir ebenfalls jetzt viel mehr als früher, so viel, daß man wohl einmal den Versuch wagen könnte, zu untersuchen, wie weit die Leistungsmöglichkeit der einmal bekannten Apparate geht, welche Funktionen möglich werden, wenn zu einzelnen Hirn- theilen neue hinzutreten. Es liegt eine große und heute schon zum Theil lösbare Aufgabe für Diejenigen vor, welche, das Bekannte beherrschend, an die Thierbeobachtung ohne Voreingenommenheit herantreten.

Glücklicherweise hat die Beobachtung an Menschen und Säugern, die anatomische und die physiologische Beobacht­ung, wenigstens soviel uns schon gelehrt, daß wir einen festen Ausgangspunkt haben, daß wir an unsere Beobacht­ungsobjekte Fragen stellen können. Zunächst wissen wir, daß einzelne Hirntheile bestimmten Thieren fehlen und bei anderen, gewöhnlich höheren, erst auftreten und wir nehmen wahr, daß mit diesem Neuauftreten ein vergrößertes Können nach bestimmten Richtungen hin verbunden ist. Ja, man kann schon heute im Gehirn für einzelne Ganglien und Faserzüge Nachweisen, daß sie wohl geeignet sind, be­stimmten seelischen Thäiigkeiten als Unterlage zu dienen.

Der Vortragende erläutert das näher an dm Sehbahnen, die in der Gesellschaft schon mehrfach besprochen worden sind. Der Sehnerv endet in bestimmten Zentren des Ge­hirnes und mit diesen verbindet sich ein Theil der Hrrn- rinde, die Sehrinde. Ueber die Rindensunktion sind wir ziemlich gut unterrichtet, aber sehr wenig wissen wir über die Leistungsfähigkeit der primären Zentren., Können auch diese Eindrücke zurllckhalten, gehen auch von ihnen Bahnen aus, welche die Verwerthung erhaltener Eindrücke zu späteren Thätigkeiten ermöglichen? Ist das Gedächtniß nur

eine Funktion der Rinde oder kommt es auch tieferen Hirntheilen zu? Falls die letztere Frage bejahend gelöst werden kann, erhebt sich sofort die neue, was an Mehr durch das Auftreten der Hirnrinde für das Seelenleben gewonnen wird.

Diesen Fragen sollte eine Enquete näher treten, welche der Vortragende im Laufe des Jahres 1897 angestellt hat. Es kam darauf an, ein möglichst reiches Beobachtungs­material zu erhalten, und deshalb wurde ein entsprechender Aufruf an eine Anzahl von Fischerei- und Aquarien- Zeitungen, auch an einige naturwissenschaftliche Blätter des In- und Auslandes versendet. Aus diesen übernahm ihn erfreulicherweise die politische .Presse.

Derselbe hatte einen überaus erfreulichen Erfolg. Binnen weniger Monate erhielt der Vortragende aus allm Theilen der Erde, aus Deutschland, England, Frankreich, aus Nordamerika, Canada, Siam, Indien, von überall her reichliche Zuschriften. War einmal das große Interesse überraschend, das von Fischzüchtern, Anglern, Natur­forschern und Naturliebhabern an der Beantwortung der 'Frage genommen wurde, so war auch besonders über­raschend und erfreulich der Umstand, daß nur relativ wenige ganz unbrauchbare Zuschriften einliefen, daß vielmehr die Mehrzahl der Korrespondenten gut und einwurfsfrei zu beobachten und zu berichten wußten.

Wir kennen das Gehirn der Knochenfische bereits ziem­lich genau. Die Sinnesnerven münden da alle nur in ihre primären Endstätten, ganz die gleichen, in welche sie auch bei den höheren Thieren reichen. Von diesen End­stätten führt aber nicht die feinste Bahn zu irgend etwas, das einer Hirnrinde ähnlich wäre. Die Rinde fehlt ganz. Diese Thiere sind also auf das Arbeiten mit den primären Endstätten angewiesen.

Wenn wir nun ermitteln wollen, was dieser Apparat etwa leisten kann, so müssen wir zunächst feststellen, welche Sinneseindrücke von der Außenwelt her überhaupt von Fischen rezipirt werden können. Sehen diese Thiere, hören sie, fühlen sie, besitzen sie etwa Sinnesqualitäten, welche anderen Thieren fehlen?

Auf eine Rezeption von Reizen kann nur aus den Be­wegungen hin, welche auf sie erfolgen, geschlossen werden. Dabei kann zunächst völlig außer Betracht bleiben, wie weit solche Reize . auch perzipirt, d. h. wahrgenommen werden. Bekanntlich nimmt auch der Mensch, der doch mit einem feinen Wahrnehmungsvermöaen ausaeüattei. vielfach Reize auf, die er nicht wahrnimmt, wenn seine Aufmerksamkeit nicht speziell darauf gerichtet ist, ja er vermag gar nicht alle von ihm rezipirten Reize zu er­kennen.

Gewisse nur anscheinend seelische Erscheinungen müssen bei der Untersuchung von der Betrachtung ausgeschlossen werden, weil es sich dabei nie um Lernen handelt, vielmehr im Bau des Körpers begründete Eigenschaften vorliegen. Es gibt nämlich eine ganze Reihe von Erscheinungen in der Thier- und Pflanzenwelt, welche beiden völlig ge­meinsam sind und jedenfalls ohne Mitwirkung irgend eines nervösen Apparates zustande kommen. Nicht nur die Pflanze wendet sich dem Licht zu oder von ihm ab, sondern auch bei den Thieren kommen die Erscheinungen des Photo­tropismus, wie man dies Verhalten nennt, ganz ebenso zur Erscheinung, selbst bei Thieren, welche noch nicht die Spur eines nachweisbaren Nervensystems haben. Aehnliche Erscheinungen sind für die Wärme, für chemische Reize und für die Ausrichtung zur Schwerkraft allen niederen Thieren und Pflanzen gemeinsam. Eine Grenze nach oben hin, also aufsteigend in der Thierreihe, kennen wir nicht. Wir haben aber keinen Grund zur Annahnie, daß das Spielen der lustigen kleinen Fischlein im Sonnenlicht" etwa auf anderen Prozessen beruhen sollte als das Auf­steigen der Larven niederer Seethiere an die besonnte Meeresoberfläche oder als das Verhalten einer bestimmten Bakterienart, welche sich immer nur nach dem belichteten Theil ihres Aufenthaltsortes hinzieht. Das Verhalten ge­rade dieser niedersten Lebewesen zum Licht ist so charak­teristisch und gesetzmäßig wie dasjenige des Magnets zum Eisen.

Zweifellos bringt die jüngste Brut der Fische, welche mit anhängendem Dottersack noch umherschwimmt, ihr Ver­halten zum Licht, zur Wärme des umgebenden Mediums und wohl zu mancherlei anderen Verhältnissen der Außen-