höheren Kryptogamen und schließlich den Phanerogamen. Doch stehen an der unteren Grenze des Pflanzenreiches noch einige andere Gruppen, vor Allem die Schleimpilze, zu denen die sogenannte Lohblllthe gehört, die einen nackten Protoplasmaleib und kein Chlorophyll haben, aber wenn sie zur Sporenbildung schreiten, ganz als Pflanzen er­scheinen. Es gibt auch noch andere kleine Familien, die wegen des Chlorophyllmangels zu den Pilzen gerechnet werden, aber sich wohl direkt von den einfachsten Urformen ableiten, wie die einzelligen Chytridiaceen, die wir an die untere Grenze des Pflanzenreiches setzen. Die Haupt­masse der Pilze leiten wir aber von Fadenalgen ab und erklären ihre abweichende Entwicklung durch die abweichende Ernährung, in der sie auf abgestorbene oder lebendige orga­nische Körper angewiesen stnd.

Nach dieser kurzen Betrachtung -er an der unteren Grenze des Pflanzenreiches stehenden Gruppen sehen wir also, daß die meisten derselben sich nicht nach oben fortsetzen, sondern nur eine derselben, die Protococcaceen, wonach also das Bild von dem Stamm, der sich in zwei Aeste theilt, etwas Zu modifiziren wäre. Ueber die Art und Weise, wie die Entwicklung der Organismen, die Entstehung der Arien vor sich geht, wissen wir nichts, wir können nur innere Gesetze vermuthen und deren Ergebnisse zu erkennen suchen; die Erklärung, welche Darwins Selektionstheorie bietet, wird von den meisten Botanikern heute als unhaltbar erachtet.

Der Vorsitzende drückt dem Redner für seine klaren Aus« einandersrtzunLeNi den Dank der Gesellschaft aui.

Wissenschaftliche Sitzung der Senckenvergische» naturforschenden Gesellschaft.

Frankfurt a.

Der Vorsitzende, Herr Dr. med. Aug. Knoblauch, begrüßt die zahlreich erschienenen Mitglieder zum neuen Jahre und theilt alsdann mit, daß am Ende des Jahres 1898 der erste Direktor. Herr Oberlehrer I. Blum, und der erste Sekretär, Herr Dr. med. E. Roediger, aus der Direktion auszutreten hatten. Letzterer konnte wieder­gewählt werden und verblieb auch im Amte. Zum ersten Direktor wurde der heutige Vorsitzende, Herr Dr. A. Knoblauch, für die nächsten zwei Jahre gewählt.

Ferner theilt der Vorsitzende mit, daß am 6. Dezember Herr Jakob Heimpel gestorben ist. Er war über ein Vieteljahrhundert ein treues Mitglied der Gesellschaft. Diese wird ihm stets ein freundliches Gedenken bewahren.

Das verstorbene korrespondirende Mitglied, Herr Konsul! Karl Ebenau, dem die Gesellschaft viele und werth­volle Sendungen aus Madagaskar verdankt, ist auf Ver­anlassung der Familie in die Zahl der ewigen Mitglieder eingereiht worden.

Herr Professor Dr. L. E d i n g e r hielt hierauf feinen angekündigten Vortrag:

Der heutige Stand unseres Wissens von den Hrnnd- ekementen des Nervensystems.

In allen Theilen des Nervensystems, von den Würmern hinauf bis zum Menschen, findet man außer den Nerven­fasern und ihren Verzweigungen rundliche oder vieleckige Zellen, die Ganglienzellen. Nur wenn sie lebend bestehen, kann das Nervensystem fungiren und nur wenn ihr Zu­sammenhang mit den Nervenfasern gewahrt bleibt, behalten diese ihren normalen Aufbau. Trennt man die Nerven­fasern von den Ganglienzellen, so zerfallen sie. Vernichtet eine Krankheit, z. B. die Kinderlähmung, einzelne Gruppen von solchen Ganglienzellen im Rückenmarke, so werden die daher innervirten Glieder völlig gelähmt. Viele Thatsachen sprechen dafür, daß die Ganglienzellen die eigentlichen Träger der nervösen Funktion sind. Es ist deshalb von nicht geringem Interesse, daß im Laufe der letzten Jahre eine Anzahl Arbeiten erschienen sind, welche über den Bau und die Beziehungen der Ganglienzellen zum Nerven­systeme neues Licht verbreiten.

Der Vortragende beabsichtigte das Wesentliche von dem mitzutheilm, was sich heute feststellen läßt und eine kritische Uebersicht über dasjenige zu geben, was sich über die Funktion und Bedeutung der einzelnen Theile der Nerven­zellen heute aussagen läßt.

Schon bald nachdem im Jahre 1836 Valentin die Ganglienzellen als spezifische Bestandtheile des Nerven- systemes kennen gelehrt hatte, fand man, daß aus ihnen die Nervenfasern entspringen. Indem man sie genauer untersuchte, entdeckte man, daß die früher für rundlich ge­haltenen Gebilde allerlei Fortsätze hatten, welche sie in ihre Umgebung hinaussenden. Auch wurde es immer wahr­scheinlicher, daß mindestens einer dieser Fortsätze zu einer Nervenfaser wird. Viele Forscher nahmen aber an, daß auch die anderen Fortsätze in der Weise Nervenfasern Ursprung geben, daß sie sich sein aufzweigten, verästelten, mit benachbarten Fortsätzen verbänden, ein Netzwerk mit ihnen herstellten. Aus diesem Netzwerke sollten dann erst wieder Nerven stammen. So intensiv war das Interesse

M., den 7. Januar 1899.

an diesen Fragen, daß im Jahre 1887 Nansen, der bekannte Polarfahrer, welcher auch hier tüchtig gearbeitet hat, schon 341 Arbeiten zusammenstellen konnte. Seitdem dürfte die Zahl noch um zirka 300 Einzelarbeiten gewachsen sein, so daß also zirka 640 Arbeiten über die Elemente des normalen Nervensystemes bekannt sind.

Drei Fragestellungen waren es vornehmlich, die man zu beantworten versuchte. Die Frage nach dem Verhalten des Nerven zur Ganglienzelle, .die nach dem inneren Bau der Zelle selbst und die Frage nach dm Verhalten der Nerven, welche einer einzelnen Zelle entstammten, zu denen aus anderen Zellen.

Auf alle haben die letzten Jahre soweit Antwort gegeben, daß wir heute wahrscheinlich das Wesentliche übersehen und dadurch ein Bild vom feineren Ausbau des Nervensystemes gewinnen können.

Schon seit den 40er Jahren glaubte man annehmen zu dürfen, daß feine Längsstreifungen, die man mit hohen Vergrößerungen an dm Ganglienzellen fand, der Ausdruck des sich da auflösenden Nerven seien, aber diese Bilder waren durchaus anzweifelbar und blieben angezweifelt, bis es in den letzten Jahren A p a t h y gelang, in der That feinste Fäserchen zu färben, welche aus den Nervm in die Zellen hineintreten. Sie mußten, weil sie in allen Nerven und Nervenzellen vorhanden sind, und weil sie eine spezifische Färbung geben, als ein dem Nervensystem eigen­artiges Element angesehen werden. Der Vortragende legte eine große Zahl von Apathy gewonnener Bilder vor und zeigte, wie es jetzt möglich ist, geradezu zu sehen, wie in dm Ganglienzellen die von allen Seiten ankommenden Leitungsfasern umgelagert, zu einzelnen Strängen ge­sammelt, zu Geflechten aufgelöst und wieder gesammelt werden. Auch wie jene Fäserchen in die Sinneszellen der Haut, wie sie in die Netzhaut eindringen und wie sie sich da verhalten, das hat Apathy gezeigt. Es ist ihm ge­lungen, bei niederen Thieren eine Uebersicht fast des ge- sammten peripheren und zentralen Nervensystemes zu gewinnen, das Fibrillennetz, welches beide durchzieht, überall zu demonstriren. Dieses Fibrillensystem, welches nun bei Wirbelthieren und Wirbellosen nachgewiesen ist, war bisher unbekannt. Sein ganzes Verhalten spricht dafür, daß wir in den Fibrillen das eigentlich leitende Element des Nervensystemes endlich erkannt haben. Auch die längst erschlossene Natur der Ganglimzellen als Zentralorgane des Nervenapparates ist hier endlich anatomisch bewiesen.

Daß in den Ganglienzellen feine Körnungen sind, war schon dm älteren Anatomen bekannt, aber es haben erst die vortrefflichen Untersuchungen des früheren Oberarztes der Frankfurter Irrenanstalt, Dr. N i ß l, uns gezeigt, wie diese Körnungen von dm Lebensverhältnissen der Zelle abhängig sind. Eine ganz neue Aufklärung hat sich durch fortgesetzte Untersuchungen über die Nißl'schen Körner für viele wichtige Prozesse, besonders auch für die Auffassung mancher Geisteskrankheiten, gewinnen lassen. Es ist, nach­dem heute zirka 200 Arbeiten über dieselben in allen Kulturländern erschienen sind, am Wahrscheinlichsten ge­worden, daß wir in ihnen die Kraft st offe erblicken dürfen, welche in der Zelle für