Schlangen in zwei große Abtheilungen, in Giftschlangen und giftlose Schlangen zu rechtfertigen. Es gibt nämlich sowohl in der Bezahnung, wie in der Giftführung alle denkbaren Uebergänge, wie der Redner an Beispielen erläutert.
So kommen wir denn zu der auffallenden Erscheinung, daß die neuere Schlangensystematik unbedenklich glatt- schuppige Arten Westafrikas mit unsrer kielschuppigen Ringelnatter in die nämlich? Gattung Tropidonotus stellt, daß die noch so häufig als Pelias berus von Vipera äbgetrennte Kreuzotter in nichts Wesentlichem sich von den andern Vipera-Arten unterscheidet und daß die giftige Korallenschlange (Elaps) des tropischen und subtropischen Amerika neben der friedlichen Ringelnatter in eine und dieselbe Familie zu stehen kommt!
Früher und auch oft heute noch hielt man die Giftwirkung der Schlangen für eine relgtiv neu erworbene Eigenschaft. Seit aber Professor Fr. Kinkelin gezeigt hat, daß im Untermiocän der hiesigen Gegend echte Giftschlangen vorgekommen sind, die ihre nächsten Verwandten
unter den Klapperschlangen im heutigen Nordamerika haben, kann man umgekehrt sogar die Ausbildung von Giftzähnen als ein alterthümliches Merkmal bezeichnen. Es stimmt dies gut mit einer aus der geographischen Verbreitung der lebenden Schlangen zu erschließenden That- sache überein. Australien, das sehr reich an Schlangen ist, besitzt darunter % Giftschlangen gegen % giftlose, unter denen namentlich viele Riesenschlangen sind. Da der Kontinent, wie wir wissen, überreich ist an alterthüm- lichen Thierformen — an Kloakenthieren, Beutelthieren, Kasuaren, Kiwis, dem Lurchfische 6sratodu8 u. s. w. —, so ist auch die Existenz der Giftnattern neben den erwähnten Riesenschlangen, deren Vorfahren schon auS der Kreidezeit bekannt find (Cimoliophis), mit mehr Recht als ein alterthümlicher Zug in der dortigen Fauna m besei Mren. und die Wahrscheinlichkeit ist nicht, W-iM
daß wir in der Folgrz.sst auch nach in d:n Krüde'.chichien Giftschlangen entdecken werden.
Der Vorsitzende dankt dem Redner für seine schönen Mittheilungen und schließt alsdann die Sitzung.
Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergifcherr rmturforfcherrdsn Gesellschaft.
Frankfurt a. M., den 10. Dezember 1898.
Der Vorsitzende, Herr Oberlehrer Blum, macht auf die Ausstellung im Vogelsaale des Museums aufmerksam, in der auch diesmal wieder sonst in Mappen und Kästen verborgene interessante Gegenstände — Aquarelle von Pflanzen und Landschaften aus Surinam, exotische Schmetterlings und Käfer — zur Anschauung gebracht werden und ertheilt alsdann das Wort Herrn Professor Dr. M. Möbius zu seinem angekündigten Vorträge:
Die «nkere Grenze des H^ssanzen eichs.
Wie jeder Organismus eine gewisse Entwicklung durchläuft, so zeigen auch die beiden großen Reiche der Organismen, der Thiere und der Pflanzen, eine Entwicklung von niederen zu höheren Formen, und wie jedes höher organi- sirte Thier und jede höher stehende Pflanzenform in letzter Instanz von einer Zelle aus sich entwickelt, die gewöhnlich als das Ei bezeichnet wird, so leiten sich auch in der Entwicklung der Reiche alle Thier- und Pflanzenarten von einzelligen Urorganismen ab. Diese bilden also den gemeinsamen Stamm für die nach verschiedenen Seiten abgehenden und sich weiterhin verästelnden Hauptzweige, das Thier- und Pflanzenreich. Da sich diese Aeste an ihrer Basis vereinigen, so ist es nicht möglich, eine scharfe Grenze zwischen ihnen selbst und zwischen dem gemeinsamen Stamm zu ziehen: es gibt bekanntlich keine scharfe Grenze zwischen den einfachsten Thieren und Pflanzen. Früher hat man Alles, was sich selbstständig bewegte, für ein Thier gehalten und so sind in Ehrenbergs Atlas der Jnsusionsthierchen eine Menge Formen abgebildet, die nach heutiger Anschauung unzweifelhafte Pflanzen sind. Als solche erweisen sie sich dadurch, daß sie nach Art der pflanzlichen Zellen organisirt sind und sich ernähren, wenn sie nämlich eine besondere, aus einem celluloseartigen Stoff bestehende Zcllhaut und einen grünen oder braunen, an besondere plasmatische Organe gebundenen Farbstoff besitzen, durch den sie die Kohlensäure der Luft zersetzen und öl- oder stärkeartige Assimilationsprodukte bilden. Aber auch diese Eigenschaften finden sich keineswegs überall an den Organismen, die wir doch für Pflanzen halten müssen: dann sind es eben deutliche Uebergänge zu unzweifelhaften Pflanzen, nach denen wir uns in der Bestimmung richten. So ist es bei den kleinsten und am einfachsten organisirten Lebewesen, die wir kennen, den Bakterien. Sie besitzen keine pflanzliche Zellmenibran, keinen Farbstoff, nicht einmal einen richtigen Zellkern; viele bewegen sich lebhaft mit Hülfe von Geißeln. Außer den einzelligen und einzeln lebenden kennen wir aber auch vielzellige, fadenförmige, die in ihrer Wachsthumsweise gewissen grünen Algenfäden äußerst ähnlich sind. Die Bakterien stehen also jedenfalls an der unteren Grenze des Pflanzenreiches. Die zweite Gruppe, die wir neben ihnen an dieser Stelle finden, sind die Spaltalgen (im
Gegensatz zu den Spaltpilzen oder Bakterien so genannt); sie haben bereits eine pflanzliche Zellmembran, aber noch keinen Zellkern und keine besonderen Organe, an die ihr blau- oder braungrüner Farbstoff gebunden wäre; sie vermehren sich wie die Bakterien ganz ungeschlechtlich, durch einfache Zelltheilung (Spaltung) oder Zerfall gewisser Zellen in mehrere. Von den einfachsten einzelligen Formen führt bei ihnen eine ganze Stufenfolge zu den höher organisirten, die aus verzweigten Zellfäden mit lokalisirten Wachsthumsregionen bestehen. Drittens stehen an der unteren Grenze die Flagellaten. Von diesen werden gewöhnlich die mit grünen oder gelben Farbstoffen versehenen in der Botanik, die farblosen in der Zoologie behandelt, jedenfalls ist hier dis Grenze am schwierigsten zu ziehen. Von durchaus pflanzlicher Organisation sind die sogen. Dinoflagellaten, die jetzt näher bekannt gewordenen und gewöhnlich Peridineen genannten einzelligen, meist braun gefärbten Organismen, und doch ist bei einer Form derselben eine thierische Ernährung durch Aufnahme fester Stoffe in den weichen, membranlosen Zellleib beobachtet worden. An diese Peridineen schließen sich an die kiesel- schaligen, ebenfalls braungefärbten Diatomeen, deren Ursprung vermutlich bei den Flagellaten zu suchen ist, obwohl sie keine Geißeln oder Flagellen besitzen. Andererseits sind mit den Diatomeen verwandt die neben ihnen stehenden Desmidiaceen, einzellige grüne Algen ohne Geißeln. Bei ihnen finden wir eine Fortpflanzung, die insofern als geschlechtlich zu bezeichnen ist, als zwei Zellen zur Bildung einer Spore copuliren; die Geschlechter sind hier aber noch nicht unterschieden, erst bei den sich an die Desmidiaceen anschließenden fadenförmigen Algen tritt ein solcher Unterschied hervor; die ganze Familie der Conjugaten aber, zu denen elftere und letztere gehören, entwickelt sich nach oben hin nicht weiter. Bei den Volvo- cineen, die sich ebenfalls von den einfachsten Flagellaten ableiten und die sich durch den Besitz einer pflanzlichen Zell- Haut und des Chlorophylls als echte Pflanzen zu erkennen geben, sehen wir dann die geschlechtliche Fortpflanzung sich entwickeln, zuerst in der Paarung von zwei gleichen, mit Geißeln sich bewegenden Zellen, sogenannten Schwärm- sporen, dann in der Befruchtung eines unbeweglichen Eies durch eine kleine, männliche Schwärmspore. Diese Art der Fortpflanzung erhält sich bis zu den Moosen und Farnen» ja sogar bis zu den Cycadeen und Koniferen heraus: in der beweglichen männlichen Fortpflanzungszelle, den, Spermatozoid, erkennen wir noch die Schwärmspore der Algen; erst bei den meisten Koniferen und bei den übrigen Blllthenpflanzen büßt sie ihre Beweglichkeit ein. Von den erwähnten Volvocineen und anderen unbeweglichen einzelligen grünen Algen, den Protococcaceen, führt dann nun auch in anderer Hinsicht die Stufenleiter weiter zu den grünen Fadenalgen, von diesen zu den Moosen und anderen