Herr Prof. Dr. O. Boettger macht hierauf
Mittheilunge» über Vau, Lebensweise ünd Unterscheidung der Schlangen.
Anknüpfend an die Worte des Vorsitzenden über die Reichhaltigkeit der herpetologischen Sammlung des Museums, insbesondere an Schlangen aller Länder, zngt der Vortragende, daß die äußere Tracht dieser Thiere in SSdrbuna und Zeichnung sich weit mehr an die Umgebung, in der sie leben, angepaßt hat, als bei vielen anderen Thiergruppen. Die Formen der Wüste zeigen das Gelb des Sandes, die des Waldbodens das Braun des abgefallenen Laubes, die der Baumkronen und der Wiesen das Grün der Blätter und des Grases, die des Süßwassers das Grau des Schlammes, die des Meeres das Blau und Weißgelb der schäumenden Woge des tropischen Ozeans.
Aber die grellen Farben und die komplizirten Zeichnungen mancher Schlangen spotten einer solchen einfachen Regel. Lassen wir z. B., wie wir es gethan haben, im mittleren Brasilien größere Aussammlungen von Schlangen machen, so fällt uns sofort auf, daß eine erhebliche Anzahl von Stücken die deutschen Farben „leuchtendes Korallenroth, hervorstechendes Milchweiß oder Weißgelb und tiefes Schwarz" in eigenthümlicher Anordnung zeigt, und daß die Muster, in denen diese Farben auftreten, sich auf drei Grundformen zurückführen lassen. Die erste Zeichnungsform bieten uns rothe Schlangen mit zahlreichen schwarzen Vollringen, die vorn und hinten weiß «ingefaßt sind und in gleichweiten Abständen von einander den Körper umziehen. Die zweite Zeichnungsform sst von dieser nur dadurch verschieden, daß die schwarzen, weiß gesäumten Ringe in regelmäßigen Abständen zu zwei und zwei stehen. Bei der dritten Zeichnungsart bilden ebenfalls in gleichen Intervallen immer drei solcher Ringe in der Art eine Figur, daß die äußeren Ringe schmäler, der innere Ring aber breiter ist; man spricht dann von Triaden schwarzer Ringe.
Untersuchen wir nun diese „roth - weiß - schwarzen" Schlangen auf ihren Bau, so fällt uns auf, daß sie sich in Bezug auf die Körperform und Beschuppung fast gar nicht, in Bezug auf das Gebiß und die Zahnbildung aber überraschend scharf unterscheiden. Redner führt nun an zahlreichen Zeichnungen des Oberkiefers aus, daß solche in Mittelbrasilien gefangene Stücke sich in neun verschiedene Gruppen auseinander lesen lassen, die alle einen wesentlich abweichenden Zahnbau zeigen. Sechs Gattungen davon sind nicht giftig, zwei in beschränktem Grade giftig; nur eine, die in zahlreichen Arten auftritt und nach dem ersten und dritten obengenannten Schema gefärbt und gezeichnet ist, die Gattung Korallenschlange (Elaps), ist sehr giftig.
So auffällige Färbungen, wie die hier genannten, nennt man Schreckfarben. Diese grellen Farben sollen gesehen werden, sie sollen von Weitem schon zeigen, daß das Thier, das sie trägt, gefährlich, in unserem Falle giftig ist. Von deutschen Thieren gehört hierher beiläufig unser leuchtend orangegelb und schwarz gefärbter Feuersalamander.
Wir haben es im vorliegenden Falle mit einem der besten Beispiele der Eigenschaft zu thun, die man mit dem Namen „Mimicry" bezeichnet hat. Bei wirklicher, echter Mimicry stimmen ungeschützte oder nicht hinreichend geschützte Thiere in Farbe, Zeichnung, Form, Haltung oder Bewegung mit solchen Thieren überein, die durch irgend eine Eigenschaft — in unserem Falle durch ihr Gift — vor ihren Fnnden geschützt sind, und sie wohnen unter oder neben diesen sogenannten „Modellen" oder haben doch wenigstens benachbarte Aufenthaltsorte.
^ Wie ist nun diese Mimicry zu erklären? In unserem Falle wohl am besten durch die sogenannte „natürliche Auslese". Alles wechselt im Lause der Zeit im Thierreich, auch die Tracht und' Färbung. Schlangen, die durch die gerade bei diesen Thieren so ausgeprägte Veränderlichkeit in Farbe und Zeichnung gelegentlich einmal einer Giftschlange, die die nämliche Gegend bewohnt, ähnlicher geworden sind als andere, werden deshalb leichter von ihren Feinden verschont als diese, und sie vererben bis zu einem gewissen Grade die von ihnen erworbenen Eigenschaften, während die weniger geschützten zu Grunde gehen und keine oder weniger Nachkommenschaft hinterlassen. Fm Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende verstärken
sich durch die Ausmerzung der weniger geschützten und das Lebenbleiben der giftschlangenähnkicheren Thiere diese Schutzeinrichtungen immer mehr, und durch die Vererbung werden sie immer mehr gefestigt, so daß schließlich, wie in unserem Falle, acht nahezu gleichgefärbte und gezeichnete Thierarten entstehen, die sich — natürlich unbewußt — die giftige Korallenschlange zum Modell genommen haben. Mit „Nachahmung" dürfen wir somit das Wort Mimicry. wie es oft geschieht, nicht übersetzen; als Mimicry ist vielmehr zu bezeichnen eine „Uebereinstimmung in gewiffen äußeren Eigenschaften, die erzeugt ist durch natürliche Auslese weniger gut geschützter Stücke im Laufe langer Zeiträume".
Leider fehlt uns für diese Hypothese vorläufig noch das beweisende Experiment, das aber nicht so schwierig anzustellen sein dürfte, namentlich in zoologischen Gärten schlangenreicher Tropengegenden. Unser Fall wäre z. B. für den neuen Garten von Para in Brasilien ein dankbares Versuchsobjekt. Man brauchte nur die verschiedenen, ähnlich gefärbten Schlangenarten ihren Feinden aus der Vogelwelt vorzuwerfen und zu notiren, welche davon zuerst verzehrt, welche widerwillig oder nur bei Hunger genommen und welche ganz zurückgewiesen werden.
Redner führt dann weitere Fälle von Mimicry bei Schlangen aus Mexiko und aus Indien an, verweilt aber länger nur noch bei einer südafrikanischen giftlosen Schlange, dem Eierfresser (Oas^peltis), der in ganz auffallender Weise eine giftige Sandotter (Eadls) oder Otter (Vipern) kopirt. Ihre Tracht nützt ihr sicher bei ihrem ganz einzig dastehenden Nahrungserwerb. Während nämlich alle übrigen Schlangen sich von lebenden Thieren ernähren, verschluckt diese Art Vogeleier. Diese Nahrung hat die Kiefer und die Eingeweide in einer ganz merkwürdigen Weise umgeformt, wie Prof. L. Kathariner an Material aus unserem Museum hat Nachweisen können. Schon früher war bekannt, daß die Schlange das Ei unverletzt verschlingt, es im Innern der Speiseröhre durch eigenthllmliche schneidende Hervorragungen der Halswirbelbasis, die man „Wirbelzähne" nannte, zerdrückt und die Eischalen sodann wieder ausspuckt. Kathariner hat nun gezeigt, daß eine weitere Reihe von zahnförmigen Wirbelhervorragungen vor dem Mageneingang und die Enge dieses Einganges selbst ein Durchschlüpfen der Eischalen in den Magen verhindern, und daß beim jungen Thier, das Eier noch nicht bewältigen kann und deshalb zur Würmernahrung greifen muß, alle diese letztgenannten anatomischen Einrichtungen noch nicht ausgebildet sind.
Außer Schlangen, die den Boden bewohnen und solchen die sich im Süßwasser und im Meere aufhalten, gibt es auch zahlreiche Formen, die fast ihr ganzes Leben lang unterirdisch und solch«, die kletternd aus Bäumen leben. Redner bespricht kurz die Unterschiede aller dieser Formen und verweilt namentlich auch bei der weniger bekannten Fanpli« der auf Indien upb das troMA Amerika be-^
schränkten Familie der Amblycephaliden, die sich von Insekten ernähren und besonders in der Dämmerung Jagd auf Nachtschmetterlinge machen.
Eingehende Vergleichung der Schlangen gleicher Aufenthaltsorte zeigt, daß die Uebereinstimmungen, die sie unter einander zeigen, zweifellos neuere Erwerbungen sind, so die Färbung und Zeichnung, der schlankere oder gedrungenere Körperbau, der Greisschwanz der Baumschlangen, der Ruderschwanz der Seeschlangen. Alles dies sind sicher nur jung erworbene Anpassungen an das Baumoder Wasserleben oder an den Aufenthalt unter der Erde, und diese Spezialisirungen gehen oft so weit, daß der ursprüngliche anatomische Bau der Thiere ganz verdeckt und verdunkelt werden kann. Die Schlangen sind aufzu- faffen als alterthümliche beinlose Eidechsen, die im Laufe der Zeit sehr viele Organe eingebüßt haben, die mit anderen Worten durch mannigfaltige, aber im Allgemeinen konvergente Anpassung aus verschiedenen, ursprünglich sehr von einander abweichenden Grundformen in der Jetztzeit einander äußerlich sehr ähnlich geworden sind.
Redner geht nun auf den Bau des Schädels, des Gebisses und der Wirbel näher ein, um zu zeigen, daß diese allein noch eine gewisse Summe von Anhaltspunkten gewähren, um die mehr als 1800 lebenden Schlangenarten in befriedigender Weise von einander zu scheiden. Weder die Form der Pupille, noch der Bau der bald glatten, bald gekielten Schuppen lasse sich zu befriedigenden Einthei- lungen verwenden. Ja, nicht einmal ist die Trennung der