dessen bedeutendsten Vertreter wir neulich sogar eine Zeit lang in den Mauern Frankfurts beherbergten, nämlich den Sultan von Siak.
Die Bataks nun, zu welchen Redner heute seine Zuhörer führen möchte, sind ein Bestandtheil dieser Urraffe im Innern Sumatras, welche den ganzen nördlichen Theil des vorhin geschilderten Hochthales einnehmen. Im Norden grenzen sie an das durch seinen nunmehr schon 25 Jahre dauernden Kampf gegen die Holländer wohl bekannte Atjeh, das nach arabischen Berichten schon im 14. Jahrhundert ein blühendes Reich war, und im Süden an die Länder des ebenfalls uralten früheren Malayen- reiches von Menanykaban, des größten und mächtigsten Reiches, welches der Malayenstamm je selbständig hervorgebracht hat. Von diesen beiden sumatranischen Kulturzentren haben die Bataks ihre eigenthümliche Kultur empfangen.
Rein körperlich betrachtet, sind die Bataks ziemlich kleine Gestalten mit einem sehr großen, umfangreichen Kopf, sehr hoher, breiter Stirn, breitem, niederem Gesicht mit flacher, breiter und eingedrückter Rase, langem Rumpf, kurzen Beinen und mittellangen Armen. Mit diesen körperlichen Merkmalen, die noch ganz auf der Stufe des neugeborenen Kindes stehen, und sich himmelweit von der voll ausgebildeten Menschengestalt, wie wir sie postuliren, entfernen, sehen wir die Bataks an als auf einer niedrigeren, weil kindlicheren Entwicklungsperiode stehen geblieben und betrachten sie darum mit Recht als eine Urraffe, die körperlich den diametralsten Gegensatz zum Apoll von Belvedere darstellt.
Seit Redner seinen Fuß in Sumatra ans Land gesetzt hatte, war es stets sein höchster Wunsch gewesen, die damals — 1881 — noch fast ganz unbekannten nördlichen Batakländer zu besuchen. Aber jahrelang stellten sich seinem Vorhaben fast unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg, deren Besiegung eine nach der anderen der Redner in launiger Weise schildert: Verbot der indischen Regierung wegen der Gefährlichkeit einer Reise in diese unabhängigen Länder, der Widerstand der Bataks gegen das Eindringen von Europäern, Geld- und Transportschwierigkeiten u. s. w.
Hierbei stellt sich heraus, daß ein Abend zur Bewältigung des Themas nicht ausreicht und Redner bittet um die Erlaubniß, seine eigentlichen Reiseberichte auf den nächstfolgenden Sitzungsabend verlegen zu dürfen;
die heute noch verbleibenden Minuten benützt er zu einer I Vervollständigung des allgemeinen Bildes der Bataks. 1 Eine ihrer merkwürdigsten und Verabscheuungswerthesten ' Sitten ist das Menschenfressen. Dasselbe ist allerdings ! jetzt mit der fortschreitenden Kultur selten geworden, aber es kommt doch noch vor und zwar als Strafe bei gewiffen Vergehen. Redner erzählt spezielle Fälle und demonstrirt verschiedene mit der Anthropophagie im Zu- r»wmenbang stehende Gegenstände. Zur Erkläruna dies."- bei einem kulturell so hoch stehenden Volk, das man fast ein Kulturvolk nennen könnte, doppelt frappirenden Scheußlichkeit meint Redner, daß dasselbe Gefühl, welches sie antreibt, den Ueberresten ihrer verstorbenen Ahnen die höchste Sorgfalt angedeihen zu lassen, umgekehrt auch im Stande sein könne, sie zur vollständigsten Vernichtung eines Verbrechers zu bringen, nämlich ihn sich selbst einzuverleiben, ihn aufzufreffen.
Im kraffen Gegensatz zu dieser bestialischen Sitte, eventuell ihren eigenen Kameraden an den Pfahl zu binden und Stück für Stück lebendig aufzufreffen, steht das sonstige tiefe Gemllthsleben der Bataks. Ihre Märchenwelt zeugt von Empfindung und Poesie. Musik lieben sie leidenschaftlich und oft kann man im Walde einem solchen wilden Menschenfreffergesicht begegnen, das stets kampfbereite große Messer an der Seite, in der Hand aber seine ihn überallhin begleitende geliebte Mandoline, der er zarte, schwermüthige Weisen entlockt. Die poetische Begabung und das tiefe Gefühlsleben dieses merkwürdigen Volkes illustrirt Redner durch Verlesen eines in fast homerischer Sprache geschriebenen Briefes, welchen ein in der Fremde weilender Batakjüngling an seine Braut in 'der Heimath richtet und worin er ihr seine Liebeschildert, seine Liebe nicht bloß zu ihr, sondern auch zu schreibt, seine Liebe nicht bloß zu ihr, sondern auch zu allen ihren Verwandten, sogar zu seiner — Schwiegermutter.
Den Vortrag illustrirte eine kleine Ausstellung von Photogrammen und ethnographischen Gegenständen aus den Sammlungen des Redners.
Der Vorsitzende drückt dem Redner den Dank der Gesellschaft aus für den interessanten Vortrag und für seine Bereitwilligkeit, weitere Mittheilungen über die Eingeborenen Zentral - Sumatras in der nächsten Sitzung zu machen.
Wifiensch östliche Sitzung der Ssnüeubergifcheu rruturfsrichendeu Gesellschaft.
Samstag, den 12. November 1893.
Der Vorsitzende, Herr Oberlehrer Vlum, legt zwei neuerschienene Hefte der Abhandlungen vor: Bd. XXI, Heft 2 (Voeltzkows Reiseergebnisse), enthaltend 1. Die Ostracoden, mit 7 Tafeln, von G. W. Müller und 2. H yd rach n id e n , mit 10 Tafeln, von F. Koenike, dann Bd. XXIV, Heft 3 (Kükenthals Reije- ergebniffe), worin eine Arbeit von F. Wiegmann,
Landmollusken (Stylommatophoren), Zootomi-» scher Theil, mit 11 Tafeln, niedergelegt ist.
Ferner demonstrirt er ein blühendes Exemplar der prächtigen, großen, aus Zcntral-Amerika stammenden, Bromeliacee Aeclimea Mariae-Regina c H. Wendt, das vor 15 Jahren im botanischen Garten aus Samen gezogen worden ist und jetzt also zum ersten Male zur Blüthe gelangt. Die weißgelben, in dichter Aehre stehenden Blüthen sind von einer Anzahl schön rosenrother Hochblätter umgeben. Der Blüthenstand kommt aus der Mitte der Vlattrofette, die einen Durchmesser von zirka 2 Meter Hai; nach dem Blühen stirbt die Pflanze ab, wenn sie nicht vorher einen neuen Seitentrieb entwickelt.
Herr Hofrath Dr. B. Hagen hielt alsdann seinen angekündigten Vortrag:
»Meine Krisen in die ZLatakkänder (JenLrak- Sumatra)". II.
Nachdem Redner seine Zuhörerschaft in der letzten Sitzung genügend über das Volk (die Bataks), zu welchem er sich begeben wollte, orientirt zu haben glaubt, will er sich nun ungesäumt auf den Marsch begeben.
Rach einiger Verzögerung, die bei einem Volk, das stets Zeit genug hat, weiter nicht wunder nehmen darf, und nach Klärung der gegenseitigen Ansichten über die Leistungsfähigkeit der 30 Träger, begann der Abmarsch; zunächst in der hübschen und angenehmen Form des Gänsemarsches, die bei den schmalen, oft kaum sichtbaren oder vorhandenen, geschlängelten Pfaden durch den Urwald, die der Malahe bezeichnenderweise Mäusepfade nennt, die einzig mögliche war.
Der Weg durch den 4 Tagereisen breiten Waldgürtel war herrlich, das beständige grüne Halbdunkel milderte die Tageshitze, und das Naturforscherherz ward entzückt durch all' die fremdartigen Pflanzenformen, die handgroßen, farbenprächtigen Schmetterlinge, die grell gefärbten Vögel und die lärmenden Affenheerden in dem grünen Gezweige oben.
Jeden Tag um 4 Uhr, oft schon früher, ward daS Nachtquartier aufgeschlagen, einmal um noch in Ruhe die Arbeiten — Tagebuch, Präpariren der geschossenen und gefangenen Thiere, Einlegen der Pflanzen — bei Tageslicht, da in jenen Gegenden um 6 Uhr die Nacht eintritt, erledigen zu können, und sodann, um den Trägern Zeit zu geben, Holz und Wasser zur Bereitung der Mahlzeit, so lange es noch hell war, herbeischaffen zu können. Der Batak, für den das Essen noch nicht zu einem solchen Akt des Genusses, wie bei uns Europäern, geworden ist, ißt nur 2 Mal am Tage, früh Morgens und Abends; um 10 Uhr schlief bereits Alles bis auf die Wachen, welche sich beim Scheine ihres Opiumlämpleins mit Gesprächen und der Opiumpfeife die Langeweile vertrieben.