/ Fauna tertiärer und quartärer Niesenvögel in Südamerika. ? Diese ganze Ordnung der Lausvögel weift besonders ' eigenthümliche Eigenschaften aus, so die Verkümmerung der Flügel und ihre Folgen, die übermäßige Ausbildung der Beine und die Rückbildung des Gesieders. Sie wurde . später als ein getrennter Vogelstamm betrachtet und den ! übrigen Vögeln oder Flugvögeln gcgenübergestellt. Suchen wir aber genauer, so finden sich zahlreiche „Flugvögcl", welche im Begriff sind, zu Riesen zu werden unter Beginn oder völliger Durchführung der Lausvogelmerkmale. So wurde schon längst erkannt, daß der Dodv oder Dronte, der einst aus Mauritius gelebt hat uud von den Ansiedlern auSgerottet worden ist, eine Ricsentanbe sei. Weitere Nicsentaubcu, aber auch Gänse, Reiher, Wasserhühner, Raubvogel wurden in denselben Gebieten gefunden. in denen heute noch flnglose und riesig ansgc- bildete Vögel wohnen, und zwar sind bis jetzt eine ganze Reihe vvn erloschenen oder im Erlöschen bcgriffciicu Vögeln bekannt, die unter Rcdnklion ihrer Flügel in Folge der insularen . Eiiiengiuig sich theils an- sch:cken Riesenvögel zu werden, theils wenigstens ihr Flugvermögen aufgcgebcn haben, aber ausgcstorben sind, ehe sie ihr Ziel erreichten. Die Hypothesen, welche sich an das stclsfort sich mehrende, vom Vortragenden durch Abbildungen belegte Material knüpsen, sondern sich nach zwei Richtungen. Die einen Forscher nehmen an, es habe einst am Südpol, etwa zur Kreidezeit, ein großer Kontinent existirt, die Antarktika, auf welchem sich die Niesenvögel ansgebildct hätten; von dort seien sie durch zeitweise bestehende Landverbindungen nach denjenigen Gegenden anSgeioandert, die heute noch eine Anzahl Vvn ihnen bewohnt. So sei die weitgehende Aehnlichkcit zwischen den Moas von Neuseeland und den Nephornithen
von Madagaskar.zu crklären^so.auch dieExistenz von ähnlichen Rallen auf Mauritius und den bei Neuseeland gelegenen Chatham-Jnselii. Diese Ansicht trat in Verbindung mit der oben erwähnten, wonach die Vögel nicht als einheitlicher Stamm sich sollten aus den Reptilien entwickelt haben, sondern in den getrennlen Stämmen der Lansvögel und der Ftugvögcl. Demgegenüber vertreten andereFvrscher die Ansicht, die flnglosenRiesenvögel seien völlig unabhängig von einander an ihren Wohnorten entstanden. Für' die Existenz eines antarktischen Kontinents seien sie daher nicht heranznziehen. Nach anatomischen Untersuchungen, insbesondere von M. Fürbringer in Jena, sei die Lanf- vvgelvrdnung anfznlöscn und cs zeige jede der zu ihr gehörigen Familien Merkmale, die sic der einen oder anderen Gruppe von Flngvögeln nahe bringen, die aber von den durch Anpassungcntstandciicn Merkmalen übcrtänbt würden, die Aehnlichkeit sei eine äußerliche und deute nicht sowohl ans Verivandtschaft als auf Aehnlichkeit der Lcbensbeding- nngen, unter denen sich die Laufvögel ansgebildct hätten. Verständlich gemacht würde diese 'Auffassung durch die Existenz der ausgezähltcn Riesengänse, Reiher, Raubvögel n. s. lv,, bei denen der Riesenwuchs in geringerem Maße die Zugehörigkeit der Niesenformen zu der flugfähigen Verwandtschaft verwischt habe. Der Vortragende' bekennt sich als Anhänger der letzteren Hypothese und sucht seine Stellung ans der Geschichte der Entdeckungen und der Geschichte der Zoologie zu begründen, wobei er namentlich Parallelen ans der Stammcsgeschichte der Säugethierc und aus der Pathologie zum Vergleich beizieht.
Tie Zuhörer zollten dem Redner reichen Vcifall und der Vorsitzende^sprach den Wunsch aus, daß die Gesellschaft öfters die Freude haben möge, ihn in ihrer Mitte begrüßen zu können.
Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergischen naturforschcirderr Gesellschaft.
Frankfurt a. M
Beim Beginn der heutigen Sitzung widmete der Vorsitzende Herr Oberlehrer Blum dem verstorbenen korrx-
spondircndrn Mitglied- Herrn Dr. Jean Valentin folgende Worte der Erinnerung: Am vorletzten Tage des alten Jahres erhielt die Senäenbergische Gesellschaft von dem Direktor des Museo Naeional in Buenos Aires. Dr. Carlos Berg, die erschütternde telegraphische Mittheilung, daß Valentin ans einer Expedition nach Patagonien gestorben sei. Eine zweite Depesche an die Familie besagte, daß der Tod durch einen Absturz erfolgt ist. Im verflossenen Oktober hatte Valentin im Aufträge des Museo Naeional eine auf sechs Monate berechnete Reise nach Patagonien angetreten zum Zwecke geologisch- mineralogischer Studien. Ein Dampfer, der die Schifffahrt an'der patagonischen Küste vermittelt, hatte ihn in vier Tagen nach Puerto Madriu im Golso Nuevo gebracht und von da benutzte er die Eisenbahn bis zu ihrer Endstation Trelew, einem 'kleinen Städtchen im Gouvernement Chnbut. Seine Reisebegleitung bildete bis hierher ein Jäger, der zugleich Präparator war. Nunmehr da die eigentliche Forschungsarbeit begann, nahm Valentin sich noch einen Fuhrmann, der auf einem vierrädrigen Karren das Gepäck, den Mundvorrath. das Trinkwasser und die Ausbeute zu befördern hatte, und einen Diener. Außerdem führte er sechs Reitpferde und eine» Jagdhund mit sich. Wohl ausgerüstet und nachdem die Barrancas des Chubntflusses untersucht worden waren, begab er sich am 16. November von Trelew nach dem Hafenorte Nawson, dem Sitz des Gouverneurs, von wo er in vier Tagen auf der Estancia Cabo Raso in Chnbut. der Schäferei eines ihm befreundeten Deutschen Namens Fischer ankam. Der Ort liegt zwischen dem 44. und 45. Grad südlicher Breite. Am 26. brach er nordwärts nach einem wenige Stunden entfernten Gebiete am Atlantischen Ozean auf. Dort arbeitete, er noch am 4. Dezember, an welchem Tage er eine letzte Postkarte abschickte; er schreibt darauf, daß er in zwei Wochen wieder bei Fischer zu sein gedenke. Diese Karte sowie drei Briefe früheren Datums, die alle sein Wohlbefinden bestätigen und die froheste Zuversicht ausdrücken, sind am 7. Januar, also etwa zwei Wochen nach seinem Tode, bei seiner Frau cingetrosicu.
den 15. Januar 1898.
Jean Valentin ist dreißig Jahre alt geworden. Er war der Sohn des längst verstorbenen Lehrers an der Weißfrauenschule Karl Valentin. Frühe schon ver- rieth er eine entschiedene Neigung für die Naturwisse, schäften. Schon als Schüler der Wöhterschulc besuchte er fleißig die Vorlesungen des Herrn Professor Kinkel,!, und bethciligte sich mit Eifer au den Exkursionen. Nach Absolviruiig der Wöhlerschule begab er sich nach Frei- burg i. Br., wo er hauptsächlich dem Studium der Chemie und Physik oblag, und daun nach Zürich. Hier war es besonders der Geologe Professor Heim, der den jungen Studenten durch seine klaren Vorträge und die noch lehrreicheren Ausflüge fesselte. Schließlich suchte Valentin noch die Universität Straßburg auf, woselbst seine vornehmsten Lehrer der Paläontologe Be necke und der Mineraloge und Petrograph Bücking waren. Dort promovirte er auch 1889 mit seiner Dissertation „Die Geologie des Kronthates i. E. und seiner Umgebung". t Nach Beendigung seiner Universitätsstudien bot ihm die Senckenbergischc »aturforschende Gesellschaft die Gelegenheit, sich einer Forschungsreise des Dr. Radde nach Hocharmenien anzuschließen. Im Januar 1890 begab er sich deshalb nach Tiflis, bereitete sich am dortigen Museum für seine Reise vor und brach im April mit der Expedition nach dem Karabagh-Gau aus. von wo er dann im September desselben Jahres über Tiflis, Batum, Konstantinopel, Kalymnos, Brindisi nach Frankfurt zurückkehrte. Sein Reisebericht (Ber. d. Senckcub. naturf. Ges. 1891, S. 159) mit 2 Tafeln und 4 Textsignrcii schildert namentlich die geologischen Verhältnisse des Karabagh. Das petrographische Material ist von C. R. Th oft bearbeitet (Abh. d. S. ». G. Bd. XVIII, S. 211), während die Kriechthiere und die Meeresmvllusken von Professor Boettger beschrieben sind (Ber. 1892, S. 131 n. S. 163), die Landkonchhlien von Dr. Kobelt. Die Beschreibung der Nacktschnecken hat Professor Simroth veröffentlicht. ,
Zur weiteren Ausbildung besuchte er nach seiner Rückkehr im Wintersemester 1890/91 die Bergakademie in Berlin und im Sommer 1891 die zu Clausthal im Harz, worauf er alsdann in der Metallgesellschaft dahier zwei