Wissenschaftliche Sitzung der Senikenbergischen natnrforschenden Gesellschaft.
, Frankfurt a. M., den 20. November 1897.
Vorsitzender: Herr Oberlehrer Blum Ausgestellt sind zahlreiche, im Laufe
im Laufe des letzten Jahres emgegangene, für die Sammlung neue Kriechthiere und Lurche. Professor Dr. O. Boettger knüpft an einzelne der besonders auffallenden Formen kurze Bemerkungen. Die meisten der ausgestellten Arten verdankt die Gesellschaft freundlichen Schenkern, und vor Allem den Herren Dr. 211fr Bocltzkow, Dr. Aug. Brauer, Dr. A. Zipperlen. Jng^ Karl Nolte und den Konsuln Dr. O. Fr. von Moellen- dorfs, G. von Schroter und F. C. Lehmann. Eingehender bespricht der Redner die blaufleckige Form unserer gemeinen Blindschleiche, sodann die stachelfchwänzige Eidechse, den einzigen Bertrcter der Gattung Lacerta aus dem tropischen Afrika und gewisse im männlichen Geschlecht- mit doppelten Nasenhörnern versehene Chamäleons. Eigen- thümliche Nasenhvrner trägt auch eine vorliegende ostafrikanische Baumviper (^.tllsris), aber in beiden Geschlechtern. Einige besonders durch ihre Verbreitung bemerkenswerthe Geckonen und zwei neue, durch ihre Brutpflege auffallende Schleichenlurche, wurmartige Wirbel- thiere ans der Klasse der Lurche ohne Gliedmaßen, beanspruchten schließlich noch besonderes Interesse.
Hieraus hielt Herr Professor Dr. M. Möbius seinen angekündigten Dortrag:
Ueöer das Stärkemehl.
In Deutschland benutzt man zur Gewinnung des Stärkemehls hauptsächlich die Früchte der Getreidearten und die Kartoffeln, weil in beiden die Pstanze Stärke ausgehäust hat, dort zur ersten Ernährung des Keimlings, hier zur 2lusbildung der Triebe aus den sogenannten Augen der Kiwlle. In dem Leben der 'Pflanzen, von denen die Früchte oder die Knollen genommen sind, ist die Ablagerung der Stärke in den dazu bestimmten Organen das Endprodukt des ErnährungK- uird Stofswcchsels. der gerade hinsichtlich der Stärkebildung verhältnißmäßig einfach ver- j läuft und leicht zu übersehen ist. Es wird nämlich als / erstes organisches Produkt aus Wasser und der Kohlensäure der Atmosphäre auch Stärke gebildet. Dies geschieht ' aber in den Blättern und aus 'diesen muß die Stärke nach den Reservestoffbehältern, den Früchten und Knollen, transportirt werden. Zum Transport wird sie in Traubenzucker verwandelt, weil dieser in Wasser löslich ist und die wässerige Lösung leicht von Zelle zu Zelle in der Pflanze dringen kann, bis zu dem Orte der Ablagerung, wo aus dem' Traubenzucker wieder die Stärkekörner entstehen. Die Bildung der Stärke aus Kohlensäure und Wasser ist an das Licht und das Blattgrün gebunden und wirklich entstehen die Stärkekörnchen im Blatte in den Chlorophyllkörnern, den protoplasmatischen Trägern des ■ Blattgrüns, selbst, die man deshalb auch Stärkebildner oder ' Trophoplasten nennt.
Andere, farblose Trophoplasten besorgen in den Zellen der Kartosfelknolle die Rückbildung der Stärke aus Zucker, wozu kein Licht uothwendig ist: es ist eben aucy kein synthetischer Prozeß aus einfacheren Stoffen, sondern nur ; eine chemische Umsetzung, da der Zucker die gleiche Zusammensetzung wie die Stärke besitzt. Es kann auch aus dem i wandernden Zucker vorübergehend Stärke gebildet werden^
und so können wir Stärkekörner an Orten finden, wo sie weder durch primäre Bildung entstanden noch als , Reservestoff abgelagert sind: es ist dies die sogenannte transitorische Stärke.
Das anfänglich kleine Stärkekorn wächst innerhalb seines Stärkebildners, wird von diesem gleichsam ernährt und wahrscheinlich bis zu seiner Auflösung umschlossen gehalten, wodurch die Substanz des Trophoplasten zu einem dünnen, kaum mehr sichtbaren Häutchen ausgedehnt werden kann, wie bei den Körnern der Kartoffelstärke, die zu den größten gehören und 0,070—0,080 mm lang werden. Das Wachsthum geschieht durch Auflagerung neuer Schichten, wobei die Schichten wahrscheinlich den täglichen Perioden der Stärkebildung entsprechen. Wir sehen hier deutlich den Unterschied zwischen dem lebendigen, organi- sirten Stärkebildner und dem zwar organischen, aber nicht organisirten Stärkekorn, das sich ganz passiv verhält, wie sich auch die Zellmembran dem ihr anliegenden lebendigen Protoplasmaschlauch gegenüber verhält. Das Stärkekorn wächst also wie ein Krhstall und ist wahrscheinlich auch ein sphäro-krhstallinisches Gebilde.
^ d. h. besteht aus lauter Krystallnädelchen, die um einen gemeinsamen Mittelpunkt zu einem kugelähnlichen Körper angehänft sind. Die Substanz der Krystallnadeln ist das Kohlehydrat 2lmylose, das in zweierlei Modi- fikationen im Stärkekorn durcheinander krystallisirt ist.
Die Auslösung des Stärkekorns scheint ebenfalls von dem Stärkebildner selbst auszugehen, indem dieser eine besondere, Diastase genannte Substanz erzeugt. Durch sie wird die Substanz des Stärkekorns aufgelöst, entweder so, daß sie von außen her abschmilzt oder so, daß sie durch Spalten und Kanäle allmählich gleichsam zerfressen wird. Dieser 2luflösungsprozeß findet auch in der Nacht statt, so daß die Blätter des Morgens weniger Stärke enthalten und deswegen durch Jodlöfung, die die Stärke bekanntlich blau färbt, weniger dunkel gefärbt werden, ,>imls des Abends. Am Tage wird wieder neue Stärke gebildet, solange das Blatt thätig ist; vor seinem Abfallen oder Absterben wandert alle Stärke durch den Blattstiel in den Stamm aus, indem sie in Traubenzucker übergeht. Dessen Lösung wird hauptsächlich in der Rinde transportirt, theils nach den Orlen, wo wegen der Bildung ’ neuer Organe plastische Stoffe gebraucht werden, theils nach den Orten hin, wo Reservestoffe abgelagert werden. Das Letztere geschieht bei einjährigen Pflanzen in den Samen, bei den Stauden in Knollen, Rhizomen, Wurzeln, bei den Holzpflanzen in gewissen Elementen des Holzes: auch hier im Holze ist der Reservestoff in den meisten Fällen wiederum Stärke. Beim Keimen der stärkehaltigen Samen, bei dem Austreiben der Stauden und Bäume wird die Stärke wieder durch Dia- siase aufgelöst, in Zucker umgewaudelt, der dann zum Ausbau der neuen Organe verwendet wird.
Der Vortrag wurde durch Tafeln, Präparate und mikroskopische Demonstrationen unterstützt. f
Der Vorsitzende sprach dem Redner für den klaren, schönen Vortrag wärmsten Dank aus.
Wissenschaftliche Sitzung der Senckenvergischen naturforfchenden Gesellschaft.
Frankfurt a.
Der Vorsitzende Herr Oberlehrer Blum eröffucte die Sitzung und ertheilte nach Verlesung des Protokolls das Wort Herrn Geheimrath Prof. Weigert zur Berichterstattung über die Neberreichung des Diplomsälskorrespondirendcs Ehren Mitglied an Herrn Geheimrath Prof. Virchow am 23. Oktober d. Js. Herr Geheimrath Weigert hatte sich nach Berlin begeben. u,n das Diplom persönlich zu übergeben und er schildert nun den Vorgang der Ueberreichung und die Freude, die diese Ehrenbezeugung bei dem Gefeierten hervorgerusen hat. besonders da sie die Erinnerung an die ihm vor 50 Jahren
., den 4. Dezember 1897.
i von der Gesellschaft verliehene Auszeichnung durch die Ernennung zuin korrespondirenden Mitglieds in ihm wachrief. Diese Ernennung war nämlich die erste wissen- schasiüche 2luszcichnung, die dem damals noch so jungen Forscher zu Theil wurde. Der Borsitzeude wiederholte dem Berichterstatter de» Dank der Gesellschaft für die Uneigennützigkeit und Liebenswürdigkeit, niit denen er sich zur Reise nach Berlin bereit erklärt hatte.
Herr Dr. W. Schauf hielt alsdann den.angekündigten Vortrag:
Sericitgneije a«s der Iimgeörrng von Wiesbaden.