auch seine werthvolle Fachliteratur, hat er im Lause der letzten Jahre der Senckenbergischen Gesellschaft überwiesen. Es ist anzuerkennen, daß er, als seine Kräfte »schließen, sich von seinen Sammlungen, die er mit vieler Mühe zusammengebracht hatte, trennte und so bei Lebzeiten dafür sorgte, daß sie auch fernerhin in den Dienst der Wissenschaft gestellt wurden. Ferner gedenkt der Vorsitzende der am 18. d. M. Heimgegangenen, langjährigen Mitglieder, der Herren Philipp Bernhard Bonn und Ludwig Vogt. Die anwesenden Mitglieder erheben sich zur Ehrung der Verstorbenen von ihren Sitzen.
Der Vorsitzende begrüßt hierauf das korrespondirende Mitglied, Herrn Dr. A. Voeltzkow, der heute der Senckenbergischen Gesellschaft über Madagaskar, woselbst er zum Zwecke zoologischer Studien sich sieben Jahre aufgehalten hat, zu berichten die Freundlichkeit haben wird. Herr Dr. Voeltzkow ist den Mitgliedern der Gesellschaft wohl bekannt auS einem Aufsatze im Bericht 1893: „Tägliches Leben eines Sammlers und Forschers auf Exkursionen in den Tropen". Viele werthvolle madagassische Naturalien des Museums sind Herrn Dr. Voeltzkow zu verdanken, unter anderem seine ganze Ausbeute an Batrachiern und Reptilien, und die vier großen, seltenen, lebenden Schildkröten in dem Zoologischen Garten hat er selbst von der Insel Aldabra geholt und sie der Senckenbergischen Gesellschaft geschickt.
Herr Dr. A. Voeltzkow hielt nunmehr seinen an- gekündigten Vortrag:
Madagaskar, das Land und feine Wewohner.
Redner führte ungefähr Folgendes aus:
Madagaskar ist viel größer als man sich für gewöhnlich vorstellt, da es eine größte Länge von 211 geographischen Meilen und eine mittlere Breite von 400 Kilometern hat. Der Flächeninhalt übersteigt den deö deutschen Reiches um zirka 50,000 Quadrat-Kilometer. Blau unterscheidet den Küstcnsaum, der im Westen sich zu weiten Ebenen ausbreitet und eine Hochlandsregion von 3—5000 Fuß Erhebung über dem Meere mit Gebirgszügen bis zu 9000 Fuß und mehr im Innern. Im Osten fällt das Plateau mauerartig ab, während cs im Westen sich terrassenförmig senkt. Der Ostabhang empfängt durch die Passate große Feuchtigkeit, und nian findet hier den Urwald in höchster Ausbildung, während die Westküste trocken und öde ist.
In der Bevölkerung kann Nian zwei große Gruppen unterscheiden, die scharf von einander geschieden sind. Die Hova, welche echte Malayen sind und das Hochplateau von Jmerina bewohnen, und die Sakalava, afrikanische Stämme, welche die Westküste in Besitz haben. Trotz der Rassenverschiedenheit herrscht eine gemeinsame Sprache auf der Insel. Die herrschende Rasse ist die malayische, die Hova, denen augenblicklich etwa die Hälfte der Insel tributpflichtig ist. Sie haben eine gelbliche Hautfarbe und ähneln den Javanen, manchmal auch den Südenropäern. Man unterscheidet drei Kasten, den Adel, die eigentlichen Hova und die Sklaven.
Das Heer zerfällt in 16 Ehren, von denen der gemeine Soldat eine und der Premierminister 16 hat. Sold wird nicht gezählt; überhaupt sind sämmtliche Beamte unbesoldet, u»b^ jeder muß suchen sich selbst durchzubringeu. Deshalb ist Falschheit und Bestechlichkeit die Regel; außerdem kann die Regierung jeden Bürger jederzeit zur unentgeltlichen Neg'.eruugsarbeit, „Fanarapoana", heranziehen, wodurch jeder Fortschritt gehindert wird. Die Befehle durch das
Land werden durch besondere Boten, Simandu genannt, befördert, die z. B. eine Strecke von 300 Kilonietern in 4 Tagen zurücklegen.
Die Tracht der Hova bestand früher aus Lendentuch und Umschlagetuch. wird aber jetzt schon vielfach von der europäischen verdrängt. Die Hovasrauen haben glänzend schwarzes, straffes Haar und tragen dasfelbe häufig rn zwei langen Zöpfen herabhängend. Während der^^.raucr- zeit muß das Haar aufgelöst und über die schultern herabhängend getragen werden. Die Hova sind Christen, jedoch wohl mehr, weil die Regierung christlich ist, als aus innerlicher Ueberzeugung. Redner geht dann des Näheren auf die Städte der Hova, den Bau der Häuser u. s. w. ein. Die Hova sind sehr musikalisch
und bedienen sich einer eigcnthümlichen Bambusguitarre, der Valiha. Es wird nämlich zwischen zwei Jnternodien eines Bambus mit einem scharfen Messer aus der Oberfläche des Rohres eine Anzahl von Saite» losgelöst und durch Stege straff gespannt, während das Rohr als Resonanzboden dient. Redner erläutert darauf die Strafen, die sehr grausam sind, mit einigen Beispielen und gibt dann eine Schilderung des größten Festes der Hova, des Fandroana.
Darauf folgt eine Schilderung der Westküste. Die Bewohner derselben sind die Sakalava, au die Kaffer- stämnie Süd-Afrikas erinnernd, dunkelbraun gefärbt mit krausem Haar. Die Sakalava sind zum Theil noch unabhängig. Jedoch haben an manchen Orten die Hova Militärstationen angelegt und beherrschen große Distrikte, da sie gewußt haben, sich der Reliquien der Sakalava zu bemächtigen, gegen deren Besitzer es verboten ist, etwas Feindseliges zu unternehmen. Die Sakalava sind nämlich furchtbar abergläubisch. Ihre Religion ist Reliquien-! Verehrung. Besonders ausgeprägt ist ihr Glaube an die Kraft von Fetischen, Odis genannt. Redner geht dann des Näheren auf die verschiedenen Odis eiq. Ebenso sind Goltcsurtheile im Gebrauch, von denen das Tangenaordal erwähnt wird. Die Kleidung und Tracht wird ausführlich beschrieben. Besondere Erwähnung findet die verschiedene Anordnung des Haupthaares.
Die Frau nimmt eine untergeordnete Stellung ein; die Sittlichkeit ist deshalb lax und Vielweiberei häufig. Häuser, Ortschaften, Nahrung, 'Viehzucht finden hierauf ihre Besprechung.
Außer diesen Völkern finden wir als Handelstreibende Indier von Bombay und Cntch, Araber und Snwaheli von Ostafrika, die den Hafenstädten der Westküste ein mohannnedanisches Gepräge ausdrücken.
Das Reisen wird ^erschwert durch den Mangel von baarem Geld und man muß deshalb eine Menge verschiedener Tauschartikel mit sich führen. Es hat sich in Madagaskar das Reisen in Palankin ansgebildet, welches Filanzana genannt wird und des Näheren beschrieben wird. In den Hovadistrikten gilt als Zahlungsmittel der Fünf-. frankenthaler, eine kleinere Btünze gibt es nicht, und dieselbe muß durch Zerhacken der Fünffrancstücke hergestellt werden. Die kleineren Beträge werden dann vermittelst ciyer Waage abgewogen.
. Redner gibt endlich eine kurze Uebersicht über die Fauna, die dadurch ausgezeichnet ist, daß große Raubthiere und giftige Schlangen fehlen. Die merkwürdigste Form der Insel ist der Aepyornis, ein Riesenstrauß, der Eier > von 30 Zentimeter Durchmesser gelegt hat, mit einem
Rauminhalt von 150 Hühnereiern, und dessen Eier wahrscheinlich die Veranlassung zum Märchen vom Vogel Rnk gegeben haben.
Von der Flora ist besonders bemerkeuswcrth die Rafia- palme, das Bainbusrohr und der Baum der Reisenden.
Kunstfertigkeiten sind sehr ausgeprägt, die Frauen zeichnen sich aus durch feine Webereien, Flechtarbeiten u. s. w. Schmiedearbeiten von kunstvoller Ausführung findet man besonders im Süden. Angebaut werden Reis, Zuckerrohr, Kaffee, Kakao, Vanille, Gewürze, Bananen, Hanf, Baumwolle, Tabak, Gemüse und vieles andere. Die Gebirge sind reich au Erzen, die Wälder enthalten köstliches Bauholz.
Madagaskars Klima ist nicht so schlecht als für gewöhnlich angegeben wird. Die Temperatur au der Küste beträgt gegen 28—30 Grad Celsius, während auf dem Plateau eine mittlere Jahrestemperatur von 16 Grad herrscht. Fieber gibt es natürlich hier auch, jedoch fehlen die schweren pcrniciöfen Fieber, wie sie in Ostafrika häufig sind. Voraussetzung für einen längeren Aufenthalt ist natürlich eine verständige Lebensweise und die Vermeidung aller Ausschweifungen. Redner schließt mit dem Bemerken, daß Madagaskar einen werthvolleu Besitz darstellt; jedoch befindet sich der Handel nicht, wie man denken sollte, in französischen Händen, sondern fast gänzlich in den Hände» deutscher Häuser.
Eine große Anzahl von Originalphotographien, Modellen und ethnographischen Gegenständen illustrirten den ungemein interessanten Vortrag, für den dem Redner reicher Beifall gezollt wurde.