Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergrlchen naturforschenden Gesellschaft.
Frankfurt a.
Der Vorsitzende Herr Oberlehrer I. Blum bemerkt, anschließend an das verlesene Protokoll, daß der am 16. Februar d. I. verstorbene Herr P. A. Kesselmeyer testamentarisch der Gesellschaft die zur Erwerbung der ewigen Mitgliedschaft erforderliche Summe zugewiesen hat. Der Name Kcsselmeyer wird daher auch künftighin in dem „Bericht" erscheinen und außerdem auf der Marmortafel am Eingänge in das Museum eingegraben werden.
Aus einem Legat des sel. Herrn Philipp Bernhard Bonn, gestorben am 18. Februar, wurden der Gesellschaft dreihundert Mark übergeben. Solche Beweise der Anhänglichkeit an die Gesellschaft sind ihr ein Sporn auf dem von ihr seit achtzig Jahren verfolgten Wege rüstig vorwärts zu schreiten.
-Herr Professor Dr. Laubenheim er sprach über „Ni trag in", ein Mittel, durch dessen Anwendung man unter gewisse» Bedingungen den Ernteertrag der Felder außerordentlich zu steigern vermag. Der Vortragende knüpfte an die bekannte Thatsache an, daß mau dem Ackerboden diejenigen Stoffe wieder ersetzen muß, welche ihm durch die Bepflanzung und Aberutung entzogen wurden, wenn man in der Folge auf eine günstige Ernte rechnen will. Unter diesen, dem Boden wieder zuzuführenden Stoffen ist von ganz besonderer Wichtigkeit der Stickstoff, der in drei Formen zur Verfügung steht, 1. als atmosphärischer Stickstoff, 2. in Form von Ammoniaksalzen, resp. Ammoniak entwickelnden Produkten (Stall» dünger rc.) und 3. in Form von salpetersauren Salzen. Leider besitzen die wichtigsten unserer Ackerpslanzen, wie namentlich die Getreidearten, nicht die Fähigkeit den Stickstoff der Atmosphäre zu assimiliren und erfordern für ihr Wachsthum, daß ihnen Ammoniak enthaltende oder liefernde Substanzen (Stalldünger rc.) oder salpetersaure Salze (Nitrate) zugeführt werden, wobei zu bemerken ist, daß die Pflanzen wahrscheinlich auch das Ammoniak nicht direkt zu verwenden vermögen, daß vielmehr erst eine Umwandlung des Ammoniaks in salpetersaure Salze durch die im Boden enthaltenen „Nitrifikationsbakterien" vorausgehen muß; da diese Umwandlung Zeit erfordert, bringt man die Ammoniak- Materialien schon im Spätherbst auf die Felder, während die Düngung mit Salpeter im Frühjahr vorgenommen werden kann. Im Gegensätze zu den Getreidearten und den sonstigen Kulturgewächsen vermögen nun die Leguminosen (Erbse, Bohne. Wicke, Klee, Lupine, Sera- della rc.) unter den gleich näher zu präzisirenden Bedingungen den Stickstoff der Lust zu assiniiliren und ge» deihen diese Pflanzen deshalb auch, ohne daß man die betreffenden Felder mit Ammoniaksalzeu, Stalldünger oder Salpeter düngt. Man bezeichnet deshalb die Leguminosen als ..Stickstostiammler" im Gegensatz zu den «stickstvfj» zehrenden" Getreidearten und anderen Kulturpflanzen.
Der Landwirth hat aus diesen Thatsache» schon längst die praktische Konsequenz gezogen, daß man durch Vermittlung der Leguminosen den Stickstoff der'Luft für die Getreidepflanzen rc. nutzbar machen kann, indem man das Feld zunächst mit einer in's Kraut wachsenden Leguminose (Lupine, Seradella, Wicke rc.) bestellt, vor dem Ausreisen, also die noch grünen Pflanzen,. unterpflügt und durch diese „Gründüngung" nun der jetzt auf das Feld gesäten Getreideart die durch die Leguminose angesammelten Stickstoffvcrbindung zu gute kommen läßt, da bei der Vermoderung der untergepslügten Leguminose der Stickstoff in einer für die Gctreideart brauchbaren Form anftritt. Man spart auf diese Weise für die Getreidearten die sonst nothwendigen. schwer ins Gewicht fallenden Ausgaben für Ammoniaksalze. Stalldünger oder Salpeter und die Erlenntniß dieser Thatsache ist für die Landwirthschaft von epochemachender Bedeutung geworden. Alan erkennt jedoch sofort, daß das Gelingen der Operation zunächst davon abhängig ist, daß die als „Zwischenfrucht" dienende Leguminose auf dem betreffenden Felde auch wirklich gut gedeiht. Nun hat man leider die Erfahrung machen müssen, daß dies nicht immer der Fall ist. daß sogar mitunter der Versuch Leguminosen anzubauc» gänzlich mißglückt. ES würde zu weit führen, auf die Geschichte der ans die Ergründung der Ursache dieser Differenzen bezüglichen Forschungen näher einzugehcu, und es sei hier nur konstatirt. daß die Be-
M., den 6. März 1897.
obachtnngeu und Forschungen von Schnltz-Lupitz, Hellriegel und Beyer in ck zu dem Nesultat geführt haben, daß das Gedeihen der Leguminosen abhängig ist von d e r A n w e s e n h c i t gewisser Bakterien, durch deren Vermittlung erst der Stickstoff der Luft für die Leguminoscpflanze nutzbar gemacht wird. Diese Bakterien, von Bey eri n ck als Luaillus radicicola bezeichnet, wandern auS dem Boden durch die Wurzel- Haare rc. in die Wurzel ein, veranlassen dort an der Jnfekiionsstelle die Bildung kleinerer oder größerer knollen- artiger Auswüchse, nehmen in diesen „Wurzelknöllcheu" ei'genthümliche Forni- und Großenverhältnisse au (Bakteroidcn), nehmen aus der den Ackerbodei' durchdringenden Luft den Stickstoff auf, führen ihn in geeigneter Nmwaudluugsform der Pflanze zu urrd veranlassen ein außerordentlich üppiges Wachsthum, wenn es der Pflanze sonst nicht an den übrigen uöthigeu Nährstoffen fehlt. Man sieht nun sofort, daß das ganze Gründüngungsvcrfahren in Bezug auf den Erfolg abhängig davon ist, daß in dem Boden die uöthigeu „Wurzelbakterien" vorhanden sind, durch welche erst ein Gedeihen der als Zwischenfrucht zum Zwecke der Gründüngung gebauten Leguminose erniöglicht wird. Nun enthält aber nicht jeder Boden die „Wurzelbakterieu", wenigstens nicht immer in der genügenden Menge, und so erklären sich (bei sonst gleichen Verhältnisse») die oft erzielten Mißerfolge bei dem Anbau von Leguminosen. Es gebührt nun den Herren Geh. Rath Robbe und Dr. H i l t n e r das Verdienst unter Würdigung dieser Verhältnisse ein einfaches Mittel angegeben zu haben, wie nian diesem Mißstande begegnen kann. Es lassen sich nämlich die „Wurzelbakterien" auf Gelatine rein kultiviren und wenn man auf Gelatine unter den in Bakteriologie üblichen Cautelen eine kleine Menge der Wurzelbakterien bringt, so vermehren sich diese rasch und es überzieht sich die Oberfläche der Gelatine mit einer weißlichen schleimigen Masse, in der man unter dem Mikroskop die einzelnen Bakterien als länglichovale Gebilde erkennt. Verflüssigt man eine solche „Reinkultur", tvie sie von den Höchster Farbwerken unter dem Namen „N i t r a g i n" auf Veranlassung der Herren Robbe und Hiltner in den Handel gebracht wird, durch gelindes Erwärmen, läßt die Masse in einer geeigneten Menge Wasser sich vertheilen und trägt in dieses Wasser die Leguminosesamcn ein, so bleiben auf der Oberfläche der Samen zahlreiche Wurzelbakterieu haften und wenn man dann diese infizirten (geimpften) Samen (eventuell nach Zusatz von Erde zur Bindung von etwa überschüssigem Wasser) aussät, so findet die auskeimcnde Wurzel sofort in ihrer Umgebung die für die Entwicklung der Pflanze uöthigeu Bakterien vor. Vergleichende Versuche mit geimpften und nicht geimpften Same» haben zu ganz ausgezeichneten Resultaten geführt und die hohe Bedeutung dieser Methode erwiesen. Ganz selbstverständlich aber «vird man da. wo der Boden die betr. Bakterien schon in überschüssiger Menge enthält, eine Vermehrung der Ernte durch Anwendung von Nitragin nicht erzielen, denn die Vermehrung eines nicht zur Wirkung gelangenden Ueberschufses ist zwecklos, aber da, wo im Boden keine oder nur ungenügende Mengen der Bakterien vorhanden sind, wird das Ernte- erträgniß durch Verwendung des Nitragins das Vielfache sein, resp. es wird unter Umständen der Anbau von Legnminoseu durch das Nitragin überhaupt erst ermöglicht.
Wenn Schu ltz-L npitz früher von dem Stickstoff sagte: „Ihn zu fassen, ihn zu beherrschen, das ist die Aufgabe; ihn zu Rathe zu halten, darin liegt die Oekonomie: seine Quelle, die unerschöpflich fließt, sich dienstbar zu machen, das ist cs, was Vermögen schafft," so ist jetzt durch die wissenschaftliche Forschung und die Aufklärung des Sachverhaltes die Möglichkeit gegeben dieses Ziel zu erreichen durch richtige Anwendung derjenigen Bakterien, denen die Eigenschaft innewohnt, den kostenlosen Stickstoff der Lust der Zwischenfrucht und durch diese dem Getreide znzusühren.
Ter Vorsitzende dankte dem Redner für seinen praktisch und wifsenschasitich hochinteressanten Borkrag.
Herr Dr. W. Sch auf bespricht nunmehr eine Reihe von Mineralien aus den, Zuwachs, welchen die Sammlung des Museums in den beiden letzten Jahren erfahren hat. Wir nennen daraus einige werthvvlle Geschenke. Eine wesentliche Ergänzung hat die Mineraliensammlung durch die