Wifier;?chaftliche Sitzung der ScnLcubergischen rratnrsorschcudcrr Gesellschaft.

Frankfurt

Der Vorsitzende, Herr Oberlehrer Blum, begrüßt die Versammlung zum Beginne der Ivisfeuschoftlicheu Sitzungen im neuen Jahre und drückt dabei den Wunsch aus, daß das Jahr 1897, das achtzigste Stiftungsjahr der Sciickeubergischeii iiaturforschcndeu Gesellschaft, sich würdig seinen Vorgängern anreihen möge. Als eine gute Vor­bedeutung erachtet eS der Vorsitzende, daß der treue Freund der Gesellschaft, Herr Geheimer Regierungsrath Professor Rein, den Reigen der diesjährigen Vorträge eröffnet und er dankt ihm im Namen der Gesellschaft für die bereitwillige Uebernahme des heutigen Vortrages.

Alsdann gedenkt der Vorsitzende des Heimgegangenen korrespoudir:u0en Mitgliedes, Geh. Hosraths Professor Dr. August Streng in Gießen, eines geborenen Frank­furters. Er starb am verflossenen Donnerstag im Alter von 66 Jahren. Die anwesenden Mitglieder erheben sich zur Ehrung des Verblichenen von ihren Sitzen.

Hierauf hielt Herr Geh. Regieruugsrath Professor I. Rein seinen angekündigten Vortrag

Aeölr die englische Lrunstlöpferei.

Redner leitete den Vortrag ungefähr mit folgenden Worten ein:

Es gibt keinen Zweig des englischen Kunstgewerbes ftW jikl&et Bedeutung wie die Ktmittötzjerei, kein anderes^

; Land, in welchem alle Grundbedingungen für eine gedeihliche Entwicklung derselben so günstig gewesen und so verwerthet worden wären, wie in England. Dasselbe besitzt einen großen Reichthum an Roh­materialien für alle Zweige . der keramischen Plastik, vom feinsten Porzellanthon bis zum gemeinen Lehm, Es hat in seinen vortrefflichen Steinkohlen ein sehr billiges Brennmaterial zur Hand und unter seiner Bevölkerung viele geschickte und erfahrene Arbeiter, dazu nicht wenige Künstler, welche in den Schulen von Jos iah Wedgwood, Herbert Nt inton und Henry Do ulton heran­gereist sind. Endlich fehlt es ihm nicht an einer reichen Gesellschaftsklasse mit geläutertem Geschmack und Kunstverstäudniß, die auch hohe Preise nicht scheut, um keramische Kunstwerke zu erwerben und so Künstler und Unternehmer anznspornen. Das sind die Grundlagen, auf welchen Englands Kunsttöpferei sich ohne staatliche Hülfe entivickelt und auf diejenige aller andern christlichen Länder einen mehr oder weniger großen Einfluß geübt hat. Die Thvnwaarenindnstrie Englands deckt nicht bloß fast den ganzen einheiniischcn Bedarf, sondern führt auch bedeutende Menge» ihrer Erzeugnisse aus. Ter durch­schnittliche Werth , dieser Ausfuhr während der letzten 10 Jahre betrug über zwei Millionen Pfund Sterling."

Der Vortragende locist dann darauf hin, wie er im vorigen Jahre bestrebt gewesen sei, an der nämlichen Stelle die Vorkommnisse der wichtigsten Rohmaterialien für diese Industrie und ihre Verwerthung zu erläutern, während cs heute seine Absicht sei, seine Zuhörer mit der Entwicklung und den Leistungen der englischen Thon- Waaren-Jndnstrie oder Keramik näher bekannt zu machen ' und sie im Geiste nach den Hanptsitzen derselben zu sichren.

Alle Erzeugnisse der Keramik zerfallen in zwei große Klanen, »änilich poröse und dichte Thonwaaren. Erstere rieten an der Zunge, saugen Wasser ein. haben einen matten, erdigen Bruch und meist einen gefärbten Scherben. Man brennt sie bei geringerer Hitze und in kürzerer Zeit, als die andern. Dichte Thonwaaren sangen kein Wasser auf und kleben deshalb nicht an der Zunge.

Sic haben einen glänzenden, muscheligen Bruch, sind hell­

a. M.. den 9. Januar 1897.

klingend und theilweise so hart, daß sic am Stahl Feuer geben. In Folge der Beschasfenheit der Brasse, quS der sie gebildet und bei größerer Hitze gebrannt werden, iverdcu sie zum Thcil teigig weich, so daß während des Brennens die Aiasse zusammen- siutcrt oder vcrfrittet. Alle poröse» Thouwaarcu benennt man wohl »ach englischer Weise mit dem Namen Jrden- waare (lllartlren wäre). Der Ausdruck umfaßt dann alle Thongebilde mit erdigem Bruch, die Ziegelsteine, Terracotten, Majvlica, ordinäre und seine Fayence, welch' letztere wir jetzt gewöhnlich Steingut nennen. D,e dichten Produkte der Keramik unterscheidet man in Por­zellan und St ein zeug. Porzellan ist durchscheinciid, Steinzeug undurchsichtig oder bei rciucrcm Scherben nur an den Kanten durchscheinend. Zum Porzellan und Steingut, als den beiden feinsten Arten Thonwaaren beider großen Klassen, werden in der Regel dieselben, sich mehr oder weniger weiß brennenden Thone und Ouarze angewandt, nur in verschiedenem Mischungsverhältniß, auch ist die beim . Brennen ober Backen derselben angewandte Hitze verschieden. Alle Thonwaaren sind nach dem ersten oder Hauptbrande an der Oberfläche rauh und ohne Glanz. Wg»..nennt sie in. dielet» Zustakide^sonderbarer Wetze

gleich dem zweimal gebackenen Brod Biscnit. Um diejenigen der ersten Klasse wasserdicht und alle inehr oder- weniger glatt und glänzend zu machen, bekonimcu sie einen Beguß mit einer trüben schlammartigen Flüssigkeit, die nach dem Aufbrennen eine glasige Decke bildet, die Glasur, und mit dem Körper oder Scherben in der Farbe übereinstimmt oder davon ab­weicht. Die meisten Glasuren sind undurchsichtig, darunter am bekanntesten die weiße Zi nnglasur oder das Zinn­emaille. Durchsichtige Glasuren sind die Feldspatglasur auf Porzellan und Steingut und die Salzglasur, welche man immer auf Steinzeug anwendet und schon beim Hauptbrande dadurch erzielt, daß man während der Roth- glühhitze Kochsalz in den Ofen wirft.

Beim Bemalen der Thonwaaren unterscheidet man eine Dekoration unter und die Dekoration auf oder über der Glasur. Selbstverständlich ist erstere nur bei durchsichtigen Glasuren anwendbar. Daß auch die Farben gleich der Glasur ausgebrannt werden müssen, ist selbst­verständlich.

Professor Rein geht dann zu einer kurzen Aufzählung der hervorragendsten Erfindungen und Entdeckungen auf keramifcheni Gebiete während des 18. Jahrhunderts über und kommt so zur Queen's Ware, dem heutigen harten, weißen Steingut und seinem Ersinder, deni genialen Josiah Wedgwood, dem Großvater von Charles Darwin. Er beschreibt die Kunsttöpferei in den Potteries" am oberen Trent in North-Stafsord- fhire, wendet sich dann in^ das Thal des mittleren Severn, zu der Keramik von Coalbrook Sale und von Worcester. Zuletzt schildert er die Leistungen von Henry Donlton, dem heutigen Fürsten unter den englischen Töpfern, der in 5 Fabriken mit 6000 Arbeitern fast alle Zweige der keramischen Kunst und Industrie in den' Bereich seiner Thätigkeit gezogen hat. Seine Kuusiprodukte aus Steinzeug und Terracotta zumal, welche aus der großen Faktorei zu Lambeth-Londou hervorgehen, übertrefsen an Originalität und künstlerischer Gestaltung und Ausschmückung Alles, was anderwärts in diesen Zweigen der Kunsttöpferei geleistet wird.

Wissenschaftliche Sitzung der Senskenvergnchen natursorschenden Gesellschaft.

Samstag, den 20. Februar 1897.

Der Vorsitzende, Herr Dr. A. Knoblauch, gedenkt mit warmen Worten des am 16. d. Ai. im dreiuud- achtzigsten Lebensjahre verschiedenen Herrn Paul August K esselm eher, an dessen Sarg er gestern im Namen der Gesellschaft einen Lorbeerkranz niedcrgelegt hat. Frühe schon zeigte Kesselmeyer ein lebhaftes Interesse für die ihn umgebende Natur. Durch öfteren Aufenthalt m fremden Ländern, wohin ihn sein Beruf als Kaufnwnn führte, sowie durch Verkehr mit bedeutendenGelehrten^ erweiterte

sich sein Gesichtskreis und vermehrte sich sein Wissenseifer. Besonders fesselten und beschäftigten ihn jene Feuerkugeln, die zuweilen auf unsere Erde uiedersalleu, die Meteore. Nach jahrelangem Studium, fleißigein Sammeln, Beobachten und Nachdenken veröffentlichte er im III. Bande der Abhandlungen eine umfangreiche Arbeitlieber den Ursprung der Meteorsteine". Später war die beschreibcnde Botanik sein Hauptarbeitsfeld. Seine reichen Sammlungen. Meteoriten, Petrefakten, Mineralien und Herbar, ebenso