Wissenschaftliche Sitzung Ser SenckenbergMerr naturforschende» Gesellschaft.

Frankfurt a. Al., den 19. Dezember 1896.

Der DorsiKende. Herr Major vr. v. Heyden, iheilt mit daß am Ende dieses Jahres der 1. Direktor und der'l. Sekretär, er und Herr Heinr. Alten. auS der Direktion anszutreten haben und an ihre Stelle die Herren Oberlehrer I. Blum und vr. med. E. Rüdiger für die nächsten zwei Jahre gewählt worden sind.

Der Vorsitzende lenkt hierauf die Aufmerksamkeit der anwesenden Mitglieder auf die vielen, theilö geschenkten, theils durch Kauf erworbenen, ausgestellten Thierc. Herr Df. med. E. Rüdiger schenkte 2 schwarze Eich­hörnchen und ein sehr schönes Pärchen des Schotten­huhns, Oagopus sootiens. Las schwarze Eich­hörnchen findet sich mehr im Gebirge und in Laubholz­waldungen. besonders in Gegenden mit ölreichen Samen soll die braunrothe Färbung gerne dunkler werden und oft in Schwarz übergehen. Das Schottenhnhn. bas die Moore Großbritanniens, namentlich Schottlands, bevölkert und als Jagdwild sehr geschätzt wird, ist eine Abart des Schneehuhns, Lagopus lagopus, von dem es sich nur dadurch unterscheidet, daß sein Gefieder sich im Winter nicht weiß färbt und daß es braune Schwingen und graugesärbte Beine hat.

Bon Herrn Paul Spatz hat die Gesellschaft einige prächtige nordafrikanische Thiere erworben, von denen eine Bergäntilope. Gazella kevella und eine weiße Gazelle, Gazella loderi, besonders erwähnenswerth sind. Sehr schöne Thiere sind die von der Neue n Zoologischen Gesellschaft erhaltenen Schabracken­schakal, 6anis mesonielas, Falbkatze, Felis maniculata, P a l in en ei ch h ö r n ch e n. Sciurus palmarum, Moschusthier. Tragul u s Stanley an us, das zierliche Bl oschnsböckchen , Nesotragus kirki, aus Denksch-Ostafrika u. n. m. Eine Fischotter, gelbe Barietät. stammt aus der Lahn bei Limburg; sic lebte etwa ein Jayr im Zoologischen Garten.

Herr Hofrath I)r. B. Hagen dahier, der siebzehn Jahre mit kürzeren Unterbrechungen als Arzt und Naturforscher in den Tropen lebte, fünfzehn Jahre auf Sumatra und iondertbalb Jahre in Neu-Gninea. macht einige biologische Mittheilurigen über den Snnda^Tiger, der ihn oft in feiner nächtlichen Ruhe gestört hat und weist an dem schönen, von der Neuen Zoologischen Gesellschaft erworbenen Thiere auf die Merkmale hin. die diesen Tiger von dem javanischen und dem bengalischen Tiger unterscheiden.

Alsdann hielt Herr Hofrath Dr. Hagen feinen angc- kündigten Bortrag

Vorläufige Mittheiluugeu über das Thierleben an der Astrolabebucht in Kaiser-Wilhelmsland.

Deutsch-Neuguinea ist ein hübsches, malerisches und verhältnißmäßig auch fruchtbares Land. Es ist ein herr­licher Anblick, wenn man in die Astrolabebucht hincinfährt. Links in 5 Reihen übereinander das bis zu 2000 Meter hohe Finisterre-Gebirge, rechts das niedrige Oertzengebirge. In der Ferne zwischen beiden erscheint ein Stück des merkwürdigen Bismarckgebirges. Was diese bis jetzt unerforschten Gebirge an naturwissenschaftlichen Schätzen bergen mögen, das entzieht sich heute noch jeder Ber- muthung.

Alles, was das Auge ringsum erblickt. Berge, Thäler und Ebene, das ist bedeckt und überzogen von einer- dichten und schweren Decke üppigen Urwaldes, der hie und da von favannenähnlichen Grasflächen unterbrochen wird. Die mannigfachsten Formen und Arten fetzen diesen Ur­wald zusammen, aber sei» Charakter, wie der der ganzen Flora überhaupt, ist ein fast rein indomalayischer und hat gar nichts Australisches an sich. Dies ist eine Wirkung und Folge des Klimas. Die Regenzeit'dauert ziemlich lang, von November bis April, dagegen fällt oft in den trockenen Monaten wochenlang kein Regen. Die nieteorologifchen Verhältnisse sind ziemlich verwickelt und wirken oft sehr lokal; die Astrolabebucht ist z. B. ganz den Wirkungen des I^W-Monsuns ausgesetzt, während das Land weiter nach Osten unter der Herrschaft des 80-Passates steht.

Das Pflanzen» und Thicrleben kouzcnlrit sich fast aus­schließlich auf die Regenzeit.

Die Thierwelt von Neuguinea, namentlich die Säuge­thierwelt. macht einen böchst archaistischen Eindruck. Äir werden hier plötzlich um Hnnderttausende. vielleicht Millionen von Jahren in eine sehr frühe Entwicklungsepoche unserer Erde zurückversetzt, und seben in den dortigen Beutel- thieren noch sozusagen die Ur- und Stammeltern unserer heutigen Säugethicrwelt leibhaflig und lebendig herum­laufen, Formen, die wir in Europa nur noch in Ver­steinerungen finden. Diese allchrwnrdige Säugethiersauna ist aber in Folge unserer Naturgesetze und der veränderten äußeren Lebensbedingungen im Ab- und Aussterben be­griffen. wie durch die große Arten- und Jndividuen- Armnth bewiesen wird. Mit der durch uns jetzt be­gonnenen Ausschließung »nd Kultur der Insel wird der Untergang der alten und das Entstehen einer neiu;n Fauna durch künstliche oder natürliche Ein­wanderung in rapider Weise begünstigt. Die Vorläufer der neuen Fauna, die Pioniere sozusagen, haben sich in Gestalt von Ratte» und Mäusen schon eiiigefnnden.

An wilden Säugcthieren wurden nur 12'Arten, darunter 8 Bentelthiere. erbeutet, eine überaus große Artenarmuth gegen Sumatra zum Beispiel, wo Redner früher 66 Arten gesunden hatte. In den Neu - Guinea - Wäldern da lärmen keine Affen, da schleicht kein Tiger oder Panther, da schreit kein Hirsch, trompetet kein Elephant und brüllt kein Bär. Die Wälder würden schweigend und stumm daliegen, wenn nicht die Papageien wären, welche in großen Flügen von Hunderten, ja beinahe Tausenden das Land durchziehen und allein einen größeren Lärm verursachen, als die oben genannten Säugethiere znsamnicngcnommen.

Von Vögeln wurden im Ganzen 140 Arten erbeutet, doch ist Redner der Meinung, daß er kaum zwei Drittel aller dort vorkominenden Formen erhalten hat.

Die Familien der Tauben und Papageien haben sich auf Kosten Veränderen außerordentlich entwickelt; diese beiden allein betragen den vierten Theil der ganzen dortigen Vogelwclt.

Vemerkenswerthe Vögel sind außer den vorgenannten noch der Kasuar, der R h i n o c e r o s v o g e l, zwei V u s ch h ü h n e r , und die wunderbaren, ausschließlich ans Neuguinea und seinen Nachbar­inseln lebenden Paradiesvögel, von denen Redner meint, es sei wohl ein Jahr Malaria Werth, diese Pracht-Juwelen der Vogelwclt in ihrer Freiheit in den Urwäldern bewundern zu dürfen.

Von Schlangen wurden II Arten gefunden, darunter eine giftige, nämlich die bekannte Todesotter von Australien.

Außerdem sind erwähnenswerth die große Seeschild­kröte, und der abenteuerlich gestaltete Hammerhai, welcher gegen 14 Fuß lang wird. Beide sind in den dortigen Meeren nicht selten, und der Hammerhai scheint sich sogar die Astrolabebucht zu seiner ausschließlichen Domäne erwählt zu haben.

Endlich bespricht Redner noch seine Lieblinge, die In­sekten, speziell die Schmetterlinge, die aller auf Neu­guinea ebenfalls nicht in der großen Ärtcnznhl Vorkommen wie aus Sumatra. Dafür schimmern aber die meisten in einer ganz wunderbaren Farbenpracht und sind oft von bedeutender Größe, so z. B. die ganz außerordentlich schöne Ornithoptera schünbergi oder para- disea, eine der merkwürdigsten lepidoptcrologischen Ent­deckungen der letzten Jahre.'

Zum Schluffe entschuldigt sich Redner nocli, daß cs ihm in den l l J-> Jahren seines Aufenthalts ans Neuguinea nicht gelungen ist, ein vollständigeres Bild der dortigen Fauna zusammenznbringen. Seine Außerordentlich angestrengte Berufsthätigkeit als Arzt und eine fast ein Jahr an­dauernde Malaria-Erkrankung haben ihn daran verhindert.

Die anwesenden Mitglieder folgten den interessanten Mittheilunge» mir lebhaftem Interesse und der Vorsikende dankte dem Redner wärmstens für den schönen Vosgmg.