XII. Nr. 10.
Naturwissenschaftliche Wochenschrift.
115
zu ausgesprochener Melancholie, wobei die Patientin beschloss, sich das Leben zu nehmen. Sie begann die Selbstmordversuche mit dem Trinken von Petroleum und Carbollösung, Verschlucken von Nadeln, kleinen Knöpfen und Nägeln. Da sie ihren Zweck nicht erreichte, ging s j e — nach Ueberführung in eine Anstalt — zu grösseren Gegenständen über: Haarnadeln, Stahlfedern, Drahtstiften, Glasstücken, zwei Kaffeelöffel, eine Häkelnadel, eine Gabel u. a. m. Die Beschwerden waren Anfangs gering, sie bestanden nur in einem Gefühl von Vollsein und Schwere in der Herzgrube, Appetitlosigkeit, und dauerten fort, auch als die psychische Störung gehoben war. Dann traten heftige Schmerzanfälle mit ernsten Verdauungsstörungen, Erbrechen und dergleichen auf, gegen welche verschiedentlich Hilfe aufgesucht wurde. Die Erzählungen der Kranken von Fremdkörpern in ihrem Magen stiessen auf Misstrauen, zumal wiederholte innere und äussere Untersuchungen resultatlos waren. Alle eingeleiteten Kuren waren ohne Erfolg, die Schmerzen wurden heftiger, die Kräfte schwanden, und die Kranke entschloss sich zur Operation.
Vorn zwischen linkem Rippen- und Darmbeinrand hatte sich eine Geschwulst gebildet, die auf einen entzündlichen Process in der Tiefe, um den Magen herum, zurückgeführt wurde. Auf der Höhe der Geschwulst ( wurde parallel dem Rippenrand eingeschnitten und in der Tiefe ein spitzer Gegenstand bemerkt. Derselbe entpuppte sich als eine Häkelnadel, welche die Magenwand perforirt hatte. Die Perforationsöffnung war nicht zu finden. Durch die Magenwand hindurch liess sich ein Schlüssel, die Aushöhlung eines kleinen Löffels, sowie in unbestimmten Umrissen andere Gegenstände abtasten. Die Angaben der Kranken bestätigten sich somit und es wurde der Magen zur Entfernung der Fremdkörper eröffnet. Nachdem die vordere Magenwand hervorgezogen und von einem Assistenten fixirt war, wurde ein 4 cm j langer Schnitt unterhalb der kleinen Curvatur gemacht. ' Mit der unter Leitung der Finger eingeführten Kornzange wurden folgende Gegenstände herausbefördert: !
i
Länge Gewicht j
cm gr
1 Schlüssel.7,5 ... . 21,38 |
1 Theelött'el (Silber) . . 15,5.25,15
I „ (Christofle) . 14,7 .... 36,50
1 Gabel (Christofle) . . 20,5 .... 84,75
2 Drahtstifte ... 6,5 u. 8,5 . . zus. 8,34 .
2 Haarnadeln. 1,48
12 Glasstücke.2,55
1 Fensterhaken .... 9,8 ... . 74,72 t
1 Stahlfeder.0,32 |
9 Nähnadeln.zus. 0,78
1 Stück Graphit.2,18
1 Schuhknöpfchen.0,30 j
1 Traubenkern.0,03 i
2 Staniolkügelchen.. . . 0,45 ,
Dazu die vorher entfernte
1 Häkelnadel . . . .11,5 . . . . 2,92 |
Im Ganzen 37 Stücke mit 261,85 gr Gewicht. Einige Schwierigkeit bot nur die Herausholung der Gabel, deren Zinken gegen den Pylorus gerichtet waren. Einzelne Gegenstände, die Drahtstifte, Nadeln, die Stahlfeder und Häkelnadel hatten von dem Magensaft stark gelitten; andere — Löffel, Gabel, Haarnadeln — zeigten ausser einer geringen Verfärbung keine Veränderung. Der ; Magen wurde mit steriler Kochsalzlösung ausgespült, die Magenwunde mit doppelter Naht geschlossen.
Der weitere Verlauf bot nichts Besonderes. Die ersten fünf Tage wurde mit Klystieren ernährt, dann vorsichtig Nahrung gereicht. Die Temperatur blieb normal. Am 12. Juli verliess die Kranke geheilt das Spital, sie
befand sich nach späteren Nachrichten sehr wohl und hatte an Gewicht bedeutend zugenommen.
Der Fall zeigt, dass die Gastrotomie, Dank der Asepsis, ein fast gefahrloser Eingriff ist, der zur Entfernung von Fremdkörpern noch häufiger als bisher ausgeführt zu werden verdient und selbst bei sehr schwierigen Verhältnissen von Erfolg begleitet sein wird. ,i M.
Ueber die Schuppenbekleidmig des regenerirten Schwanzes bei Eidechsen bringt Fr. Werner (Sitzb. K. Akad. Wiss. Wien. Matli.-Naturw. CI. Bd. 105) eine Mittheilung. — Die Thatsache, dass bei vielen Eidechsen die Schuppen am regenerirten Schwänze anders gestaltet sind als am normalen, ist schon lange bekannt. Aber erst Boulanger wies im Jahre 1888 darauf hin, dass die neuentstandenen Schuppen meist ursprünglichere Formen zeigen. W. untersuchte die ganze Klasse der Reptilien, fand aber wahre Regeneration nur bei Eidechsen, und nur bei solchen, deren Schwanz nicht speeiellen Zwecken angepasst ist, (Greifschw. u. s. w.) Da, wo sie vorkommt, ist die Bruchstelle schon an der Haut und den Wirbeln vorbereitet. Bei einer Anzahl Eidechsen, „bei denen die Schuppen des Schwanzes in Wirteln angeordnet sind, und diese Stellung eine ursprüngliche ist“, erhalten die neu entstehenden Schuppen die Form der normalen. Bei den meisten aber ändert sie sich. Die Schwanzschuppen vieler Eidechsen sind, besonders an der Oberseite, mit Kielen, Dornen, Tuberkeln u. s. w. versehen, und zwar sind das immer die in den betreffenden Familien höher stehenden Formen. Die niedriger stehenden haben, ebenso wie alle Embryonen und zum TReil auch das Schwanzende der höheren, gjatte Schuppen. Und diese Gestalt nehmen, mit den oben erwähnten Ausnahmen, die Schuppen am regenerirten Schwänze au. Zugleich werden sie kleiner, verlieren ihre eigentliümliche Gestalt und Anordnung; kurzum, sie stellen einen primitiveren Typus vor. Dieser Atavismus geht sogar soweit, dass bei den Scincoiden „auf den Ventral- und Dorsalseiten des neugebildeten Schwanzes je eine Längsreihe grosser, quer verbreiteter, ungefähr sechseckiger Schuppen erscheinen“, die dem normalen Schwänze fehlten, wohl aber am Schwanzende einiger tiefer stehenden Scincoiden auftreten. Auch die präformirten Bruchstellen finden sich am regenerirten Schwänze nicht wieder, der in Folge dessen sehr schwer abbricht. Der zum zweiten Male regenerirte, also tertiäre Schwanz zeigt dieselben Erscheinungen. - Reh.
Die Straussenzucht bildet zur Zeit einen der wichtigsten Erwerbszweige des Kaplandes. Schon 1857 hatten einige französische Farmer in Algerien wilde Strausse eingefangen, gezähmt und zu Züchtungszwecken benutzt, und acht Jahre später fing man damit im Kap- lande an, wo sich die Zucht in kurzer Zeit zu hoher Bliithe entwickelte, so dass 1870 dort schon über 30 000 Strausse in Gefangenschaft gehalten wurden. Neuerdings hat nun der französische Consul am Kap der guten Hoffnung, Achille Raffray, dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Frankreich einen Bericht über die Straussenzucht am Kap erstattet, aus dem wir hier das Wichtigste wiedergeben.
Am besten eignet sich zur Zucht die Gegend zwischen der Küstenregiou und der Karroo, da sie weder unter der Trockenheit der letzteren leidet, noch wie erstere saure Futterkräuter erzeugt. Als Hauptorte der Straussenzucht gelten Oudtshoorn, Albany, Somerset East, Uitenhage, Willowmore, Jansenville, Prince Albert, Worcester. .Zur Zucht sind ausgedehnte Weideplätze