bet Gesundheit schadet und am Ende sogar das natürliche Ziel unseres menschlichen Lebens näher rückt, indem er die Abnützung der wunderbaren Maschine, die wir Organismus nennen, beschleunigt. dann müßte der Abstinente durchschnitt- lich ein höheres Lebensalter erreichen, als der mäßige Trinker. Tas ist gewiß nicht der Fall; kennen wir doch Alle alte Leute genug, welche trotz ihres gewohnten, mäßigen Alkohol­genusses hochbetagt geworden und noch an ihrem späten Lebensabend körperlich rüstig und geistig frisch geblieben find! Sind sie nicht ein lebendiges Zeugniß gegen die Richtigkeit der vorgetragenen Anschauungen? Sie beweisen nur. daß die Widerstandsfähigkeit der einzelnen Individuen den'schädlichen Einflüssen des Alkohols gegenüber eine ver­schiedene ist. Gerade ihnen hat die gewohnte Flasche Wein nicht geschadet; aber kann ihre Zahl uns ein Maßstab sein für die Zahl derer, die ihren Untergang gefunden haben durch mäßigen oder unmäßigen Alkoholgenuß '* Gewiß ebenso wenig, wie die große Zahl der aus einem blutigen Feldzug glücklich heimkehrenden, dekorirten Krieger uns ein Maßslab sein kann für die Zahl der. vielen anderen, die. namenlos, aus dem Schlachtfeld ihren Tod gesunden haben.

Nur unter Bezugnahme auf große Zahlenreihen, an Trinkenden und Temperenzlern gesammelt zu verschiede­nen Zeiten, an verschiedenen Orien und unter ver­schiedenen. äußeren Lebensbedingungen, ließe sich die vor- getragene Anschauung begründen oder widerlegen. Solche große Zahlen fehlen uns in Deutschland gänzlich. In England und Amerika dagegen, tvo die Temperenzbestrebung seit Jahr­zehnten sesten Fuß gefaßt hat. sind solche Zahlen gewonnen. Wir wollen sie beispielsweise den Jahresberichten einiger englischer Lebensversicherungsgesellschasten entnehmen, welche ihre Versicherten in eine allgemeine und eine Abstinenten» Abtheilung sondern. Unter Zugrundelegung desselben Be­rechnungsmodus der zu erwartenden Todesfälle hatte die Ilnitsck Kingdom Temperance and General Provident Institution in den Jahren 1866 bis 1891 in der aüge» meinen Abtheilung 7663 berechnete und 7459 eingetroffene Todesfälle, in der Abstinenten-Abtheilung 5177 berechnete und 3633 eingetroffene Todesfälle. Von den berechneten Todesfällen sind also wirklich eingetreten in der allge­meinen Abtheilung 97.83 Prozent, in der Abstinenten- Abtheilung dagegen nur 70.75 Prozent. Dieselbe Differenz von nahezu 30 Prozent zu Gunsten der Abstinenten-Ab­theilung sehen wir bei einer anderen, englischen Lebens- versicherungsgesellschast, dem Sooptrs, bei welcher die ent­sprechenden Prozentzahlen 100,85 und 70,62 find. Dieser Statistik der Todesfälle können wir die Statistik der Krank­heitsfälle bei Trinkenden und Temperenzlern gegenüberstellen, wie sie gewonnen ist einmal in der indischen Armee, und zweitens bei den englischen Krankenkassen. Während von 17,354 trinkenden Soldaten der indischen Armee jeder 7,28. Mann einmal Aufnahme im Lazareth sand, war dies von 9340 Abstinirenden erst bei dem 14.47. Mann der Fall. Auf je 100 Trinkende der indischen Truppen kamen 10.20 Krankheitstage, auf je 100 Abstainers 3.64 Krankheitstage in der gleichen Zeit. Zu einem ähnlichen Ergebniß fit - die englischen Krankenkassen gelangt; in den Jahren 1884 bis 1889 fielen bei der Kasse8ons of Temperance" aus jeden Arbeiter durchschnittlich 7,48 Krankheitswochen, in der gleichen Zeit betrug bei drei anderen Kassen, welchen trinkende und abstinente Arbeiter angehören, die Zahl der Krankheitswochen für jeden einzelnen 26,18.

Es hieße den Werth der angegebenen, großen Zahlen ver­kennen, wenn wir nicht aus ihnen zum Mindesten den Ver­dacht schöpfen wollten, daß der Alkoholkonsum auf die Gesundheitsverhältnisse des Menschen thatsüchlich einen un­günstigen Einfluß ausübt. Freilich wird die größere Zahl der Todesfälle in der allgemeinen Abtheilung der englischen Lebensversicherungsgesellschaften, die größere Häufigkeit und längere Dauer der Krankheitsfälle bei den nicht abstinenten Mitgliedern der englischen Krankenkassen und der indischen Truppen nicht direkt, und vor Allem nicht ausschließlich auf den Konsum geistiger Getränke zurückzusühren sein; wohl aber scheint uns der Alkoholgenuß insofern einen ungünstigen Einfluß auf die Gesund- heitsverhältnisje auszuüben, als er leichte Erkrankungen zu schweren, kurzdauernde zu langwierigen und schwere zu tödtlichen ma chen dürfte.

Wir haben in Deutschland, angesichts der allgemeinen Verbreitung der Sitte des Trinkens, die Möglichkeit nicht, diese Schlüffe durch eigene Beobachtung aus ihre Wahr­scheinlichkeit hin zu prüfen, wenigstens nicht in Bezug aus den mäßigen Alkoholkonsum. In den extremen Fällen des Mißbrauchs geistiger Getränke hat die praktische Erfahrung am Krankenbette die Richtigkeit dieser Schlüffe freilich längst außer allen Zweifel gesetzt. Immerhin aber existirt auch jetzt schon bei uns in Deutschland eine kleine Anzahl von Beobachtungen, aus denen hervorzugehen scheint, daß der

Verlauf einzelner Krankheiten bei Alkoholentziehung ein milderer und prognostisch günstigerer sei. wie bei Fortsetzung

des aeii'vhnten Allobolkonsums oder gar Steigerung desselbru durch Verordnung von Eognac und Ehainpaguer. Diese vereinzelten Beobachtungen sind gewonnen in Temverenz- sanatorien und Irrenanstalten, unb beziehen sich darum voriviegend aus nervöse Krankheitszustände. b"'vnders auf solche, in denen der AlkvholkoNjunr eine ätiologische Rolle spielt. Als Beispiel sei das Delirium tremens angeführt. Smith hat in seinem Temperenzsanatorinm bei Patienten, die mit ausgebrochenem Delirium ausgenominen wurden, die Krankyeitserscheinungen bei sofort eingelciteter, absoluter Abstinenz auffallend milde verlausen, und bei anderen Kranken, deren Zustand den Ausbruch eines Deliriums als unmittelbar bevorstehend befürchten ließ, den erwarteten Anfall ausbleiben sehen.

Doch wir verlassen mit diesen Erörterungen das engere Gebiet unseres Vorgesetzten Themas. Nicht von der Berech­tigung der Darreichung des Alkohols als eines Medikamentes wollen wir sprechen, sondern von dem Konsum desselben als eines Nahruugs- oder Genußmittels. AuS dem physio­logischen Theil unseres Vortrages haben wir ersehen, daß der Alkohol vom Standpunkt der Medizin aus ein Nahrungsmittel höchstwahrscheinlich nicht ist; vom volkswirthschaftlichen Stand­punkt aus ist er es ganz sicher nicht. Tenn wie verhalten sich Nährwerth und Preis des Bieres zu einander? Nach von Etrümpeü's Angaben erhält der Arbeiter in Bayern für 1 Mark etwa 4 Liter Bier; diese 4 Liter enthalten reichlich gerechnet 240 Gramm Kohlehydrate und 32 Gramm Eiweiß. Das Brod aber, welches er für 1 Mark kaufen könnte, würde mindestens 2000 Gramm Kohlehydrate und außer­dem noch 250 Gramm Eiweiß enthalten. Im Bezug aus den Nährwerth ist also das billigste Bier etwa 8 mal theurer als Brod, und noch weit theurer, als z. B. Kartoffeln, Erbsen und ändere Nahrungsmittel. Auch die ärztlichen Gegner der Temperenzbestrebungen geben ein­stimmig zu, daß der Alkoholkonsum nur unter bern Titel des Genusses zulässig sei. Wir haben aber gesehen, daß der Konsum dieses Genußmittels nur gar zu leicht und gar zu oft zu einem unmäßigen Genüsse führt, über dessen nachtheilige Folgen unter Laien und Aerzten Einstimmigkeit herrscht. Und weiter durften wir uns den wenigen, freilich heute noch nicht absolut sichergestellten, wistenschastlichen Beobachtungen nicht verschließen, welche uns das physiologische Experiment, die klinische Erfahrung und die Ergebnisse der anatomischen Forschung gelehrt haben. Diese Beobachtungen scheinen uns zu beweisen, daß der Alkohol ein Protoplasmagift ist, daß auch der mäßige Genuß geistiger Getränke unseren Körperschädigt,indemer unsanderen Schädlichkeiten, vornehmlich schweren Er­krankungen, gegenüber weniger widerstands­fähig macht und unsere Intelligenz aus ein niedrigeres Niveau zu setzen geeignet ist. als ihr von Natur zukommt. Die angeführten, statistischen Ziffern mögen Ihnen einen Beleg aus der praktischen Er­fahrung für die Wahrscheinlichkeit der gewonnenen theo­retischen Anschauungen abgeben; die Statistik der Ver­brechen einen Beweis für die schweren Schäden, welche aus dem Mißbrauch der berauschenden Getränke unserem sozialen Leben erwachsen sind.

Es war mein Bestreben, Ihnen sine studio et ira die wissenschaftlichen Gründe zur Bekämpfung des Alkoholis­mus vorzutragen. Ich bin mir dabei sehr wohl bewußt gewesen, daß ich. angesichts der knappen Zeit, nur in flüchtigen und skizzenhaften Ausführungen einige Gesichts­punkte hervorheben konnte, welche mir zu den wichtigsten der Alkoholfrage zu gehören scheinen. Ich habe Ihnen nicht verhehlt, daß viele der entwickelten Ansichten noch hypothetische sind, daß manche Experimente der Nachprüfung bedürfen. Ich glaube aber auch, unter Darlegung der sicher festgestellten Thatjachen. Ihnen gezeigt zu haben., daß die Lösung der Alkoholsrage fürwahr des Schweiges der ©beten movü) i,.. Sol!>e b;e fortschreitende wissenschaftliche Er» lcnntniß dcn Nachweis liescru, laß die rorgeirageuen An­stauungen die richtigen sind, sollte es gelingen, f e II- z it it el l e n , daß a u ü) d cr m ä ß i g st e A l k o h o l g e n geeignet i st. unser Leben und j e i e a n ch nu r für b i e kleinste Spanne Zeit z n v erkür z e n. dann wird es eine ethische Pflicht für jeden Einzeln ensein.au s den gewann enenForschungs- resultaten die Konsequenz zu ziehen.