heitsbilder zur gemeinsamen Ursache einzig und allein den Alkoholmißbrauch haben, in dieser Erkenntniß herrscht bei allen Forschern die vollste Einstimmigkeit. Was aber ist Alkoholmißbrauch? Die Beantwortung die'er Frage erscheint so einsach, in Wirklichkeit aber ist sie offenbar sehr schwer, beziehungsweise ganz unmöglich. Nach landläufiger Ansicht ist der Alkoholgenuß als mäßig zu bezeichnen, so lange der Konsum sich innerhalb der Grenzen hält, die wir vertragen können, ohne daß es zu manisesten Störungen unseres körperlichen oder psychischen Wohlbefindens kommt. Uebersteigt der Alkoholkonsum aber diese Grenze, treten solche Störungen vorübergehend oder dauernd auf. so sind wir gewohnt, von Alkoholmißbrauch zu sprechen. Und wo liegt die Grenze? Wir sind nicht im Stande, sie durch eine absolute Zahl, ein bestimmtes Maas;, auszudrücken. Wir haben einsehcn gelernt, daß sie abhängig ist von der Widerstandsfähigkeit des Organismus den schädlichen Einwirkungen des Weingeists gegenüber, und daß diese Widerstandsfähigkeit bei den einzelnen Individuen und bei demselben Individuum zu verschiedenen Zeiten eine verschiedene ist. Angesichts dieser Erkenntniß und der Unmöglichkeit, eine absolute Grenze sür den Alkoholmißbrauch zu ziehen, ist der Versuch von hohem Interesse, die Ursachen dieser wechselnden Widerstandsfähigkeit des Organismus auf- zuklärn,. Wie neuere Forschungen der Psychiatrie uns lehren, kommt eine verminderte Widerstandsfähigkeit dem Alkohol gegenüber theils angeboren vor. theils wird sie erworben. Angeboren ist sie bei jenen Individuen, die wir als neuro- psychopathisch belastet bezeichnen, den Abkömmlingen von nervösen, nerven- oder geisteskranken Voreltern; erworben wird sie n. A. durch den Mißbrauch des Morphiums und anderer Giste, insbesondere auch durch den fortgesetzten Alkoholgenuß selbst. Gerade diese letzte Ursache wird verständlich, wenn wir annehmen, daß der Alkohol ein Proto- plasmagist sei und sein Genuß eine Schädigung der Körpergewebe zur Folge habe. Tenn eine solche Schädigung der einzelnen Zellen muß den ganzen Organismus allen Schädlichkeiten gegenüber weniger widerstandsfähig machen.
Treffen beide Momente zusammen, neuropsychopathische Belastung und gewohnheitsmäßiges Trinken, so tritt nur allzu oft, früher oder später, eine völlige Widerstandsunsähig- keit des Organismus ein. auch den geringsten Mengen Alkohol gegenüber, die fast unvermittelt ein unstillbares Verlangen nach immer größeren Mengen wachrust. Wir bezeichnen diesen bedauernswerthen Zustand als Trunksucht; aber wir müssen uns klar sein, daß es sich hier um einen kranthasten, psychischen Zustand handelt, nicht um ein Laster. Und doch ist auch heute noch in den weitesten Kreisen unserer Gebildeten, unter Laien und Aerzten, die Ansicht verbreitet, daß die Trunksucht ein Laster sei. So ist es mit allen psychischen Krankheiten gegangen, ehe die ernste wissenschaftliche Forschung unserer Tage Licht gebracht hat in das Dunkel der Vorurtheile und des Aberglaubens der Vergangenheit. Kaum mehr als ein Jahrhundert ist verstrichen, da galten alle jene rätliselhasten Geisteszustände, denen wir jetzt einen Platz in der klinischen Psychiatrie einznräumen gelernt haben, sür dämonische Beeinflussungen und moralische Schäden. Man hat die unglücklichen Kranken verantwortlich gemacht für ihre .Laster"; man hat sie wie Verbrecher behandelt; gar mancher von ihnen hat seinen Tod in den Flammen des Scheiterhamens gesunden. Haben wir eS nach der knappen Spanne Zeit eines Jahrhunderts schon vergesien. welche Riesenschritte die klinische Psychiatrie auf dem Wege klarer, wissenschastlicher Erkenntniß gemacht hat? Warum ist bis heute im großen Publikum der Glaube an den moralischen Defekt des Trunksüchtigen geblieben? Weil die Erkenntniß, daß die Trunksucht eine psychische Krankheit sei, uns erst spät gekommen ist! Nachdem wcr aber diese Erkenntniß gewonnen, ist es höchste Zeit und heilige Pflicht des Arztes, einzutreten sür die Ueberzeugung: die Trunksucht ist kein Laster, sondern eine Krankheit.
Und diese Krankheit hat in unserer Zeit, im Vergleich zu früher. eine ungeheuere Ausdehnung gewonnen; und fragen wir nach dem Grunde, worum es geschehen ist? Die Antwort liegt aus der Hand; weil die Gelegenheit zum Trinken, rm Vergleich zu srüher, eine weit ausgedehntere geworden ist. Getrunken wurde zu allen Zeiten und an allen Orten; das lesen wir im alten Testament, in der Keilschrift Assyriens, den Hieroglyphen des Pharaonenlandes und in den Runen unserer germanischen Stammeltern. Auch unmäßig mag zu allen Zeiten getrunken worden sein, aber niemals auch nur annähernd in dem Maße, wie in der Gegenwart. Die Menge des Alkohols, der auf den Markt gebracht worden ist, war in früheren Zeiten eine beträchtlich geringere, wie jetzt; die Konzentration der alkoholischen Getränke eine erheblich schwächere, wie heut zu Tage. Jahrhunderte lang wurde nur der gewachsene Wein getrunken, den keine raffinirte Kellerwirthschaft haltbar und alkohol
reicher. als er durch die natürliche Gährung wurde, machen konnte. Erst mit der Herstellung konzcntrirterer, alkoholischer Getränke durch die Branntweinbrennerei und mit den Fortschritten der Technik, die es ermöglichten, Wein und Bier unabhängig von Ort und Zeit genußtähig zu erhalten, begann der Alkoholkonsum ganz allmählich an Ausdehnung zu gewinnen. Und als nun gar um die Mitte unseres Jahrhunderts in der Kartoffel ein billiges Rohmaterial zur Herstellung eines konzentrirten Alkohols gefunden war. wurde' der Markt auf einmal mit ungeheuren Mengen Kartoffelbranntwein überschwemmt, und die weitere Möglichkeit, aus demselben zu billigstem Preise Wein, Bier und Spirituosen aller Art künstlich herzustellen, schuf in allen Kreisen unseres Volkes die breiteste Grundlage für den Alkoholismus. Aus dieser graphischen Darstellung mögen Sie ersehen, daß die Zunahme des Gesammt-Alkoholkonsums durchaus in keinem Verhältniß zur Bevölkerungszunahme steht. Tenn während in Frankreich im Jahre 1850 bei einer Bevölkerungsziffer von 34'/- Millionen Einwohner rund 500.000 Hektoliter verbraucht worden sind, wurden 1890 bei einer Zahl von knapp 38'/- Millionen Einwohner mehr wie 1.600,000 Hektoliter, also mehr wie das Dreifache, konsumirt.
Speziell von psychiatrischem Interesse ist es. daß von dem Zeitpunkt an, wo die Massenfabrikation des Kartoffelbranntweins begonnen hat, zu Anfang der fünfziger Jahre, auch die Zahl der Alkoholisch-Geisteskranken in den Irrenanstalten rapid zugenommen hat. In Bicstre ln Frankreich betrug die Zahl der alkoholiich-geisteskranken Männer in den Jahren 1806 bis 1811 11.7 Prozent der Gesammtzahl, 1855 erst 12.78 Prozent;' 1865 dagegen 25.24 Prozent; in Charandon 1826 bis 1835 r 8 Prozent, 1857: 24 Prozent. 1865 bis 1870 sogar durchschnittlich 27,87 Prozent. Die Gesammtzahl der an den extremsten Formen des Alkoholismus leidenden Kranken, welche in deutschen öffentlichen Krankenhäusern und Irrenanstalten untergebracht sind, ist von Ende der siebziger bis Mitte der achtziger Jahre von im Mittet 5212 aus 11.974 angestiegen. Das ist mehr als die doppelte Zahl in einem Zeitraum von etwa sechs Jahren.
lind Hand in Hand mit der stetig zunehmenden Zahl der Erkranrungssälle, die wir aus Rechnung des Alkoholmißbrauchs sehen müssen, sehen wir die Zahl der im Rausche vorkommenöen Unglückssälle und Selbstmorde sich steigern. Und nicht mchder gewaltig ist die Zunahme der Verbrechen; Ihnen Allen bekannt ist ja der Zusammenhang von Kriminalität und Alkoholismus. Aus d?r bekannten Statistik Baer's ans dem Jahre 1874 über die Ursachen der Be- strafmig von 32,837 Verbrechern mögen Sie ersehen, daß 13,706 von ihnen, d, h. mehr wie 41 Prozent aller Verbrecher, die strafwürdige Handlung direkr unter Alkohol» wirtüng begangen haben, und daß die größere Zahl von diesen 13.706 Sträflingen, nämlich 7262. nicht Gewohnheitstrinker waren, sondern mäßige Trinker, welche im Gelegenheitsrausch. als Opier ihrer verminderten Uctheilssähigkeit und Selbstbeherrschung, zu Verbrechern geworden sind. Noch eine andere, psychologisch interessante Thatsache führt uns diese Statistik Baer's vor Augen, nämlich, daß diejenigen Verbrechen, welche mit Vorbedacht verübt werden, also eine gewisse Ueberlegung und Urtheilsfähigkeit voraussetzen, wie Meineid, Diebstahl und Betrug, einen viel geringeren Prozentsatz liefern, wie die sogenannten Affektverbrechen, Mord und Todtschlag. Körperverletzung. Sittlichkeitsoergehen und ähnliche. Wir haben vorhin als Ursache sür die Zunahme des Alkoholismus den Umstand in Anspruch genommen, daß in unseren Tagen die Gelegenheit zum Trinken in ausgedehnterem Maße geboten ist, wie früher. Analoge Umstände spielen offenbar auch bei der Ausübung der Verbrechen eine Rolle. Wie Sie aus dieser Tabelle ersehen mögen, ift die Zahl der Verbrechen eine auffallend größere an den Tagen, an denen nach herkömmlicher Sitte die Arbeit ruht und in Folge dessen ausgedehntere Gelegenheit zum Trinken geboten ist. wie an den anderen Tagen des Jahres. Nach den Mittheilungen des Untersuchungsrichters Lang haben im Jahre 1890 von 141 vom Bezirksgericht Zürich wegen Körperverletzung abgeurtheilten Personen 100 ihr Vergehen in der Zeit vom Samstag bis Montag Abend begangen ; 41 dagegen an den anderen vier Wochentagen, und von dielen 41 haben wiederum 25 die straffällige Handlung zur Nachtzeit in und vor einer Wirthschaft verübt. Diese kleine Statistik des Züricher Juristen liefert eine interessante Illustration zur Zweckmäßigkeit unseres Gesetzes über die Sonntagsruhe, von welcher bekanntlich die Wirthshäuser allein ausgeschlossen sind.
Wenn diese Angaben und Ziffern, welche den statistischen Nachweis führen sollen, daß der Alkoholmißbraucti eine unverkennbare Quelle von Krankheit. Siechthum. Elend und Verbrechen aus Erden ist. richtig sind, so müßte ja ein Volk, welches diesen Mißbrauch nicht treibt, ein viel glücklicheres und vor allem auch ein viel gesünderes sein. Wenn es nun gar wahr sein sollte^. daß auch der mäßige Alkoholgenuß