ist es Ihnen Allen bekannt und hat in zahlreichen Sprüch- worten aller Sprachen beredten Ausdruck gesunden. Ter Schweigsame wird offenherzig und mittheilsam, der Be­kümmerte sorglos und lebenssroh. das Gefühl des Mißbehagens schwindet, eine heitere Stimmung bemächtigt sich des Trinkenden. Humor und Witz halten ihren Einzug in den Kreis der fröhlichen Zecher. Wir Alle kennen diese Eigenschaft des Alkohols, um deren willen sein Lob gesungen worden ist vom grauesten Alterthum an bis heute, die Eigenschaft, uns aus der nackten Wirklichkeit vorübergehend in ein glückseliges Paradies zu versehen. Aber die ernste Wissenschaft lehrt uns daß dies erträumte Paradies ein trügerisches, daß die vielgepriesene Wirkung desSorgenbrechers" eine dämonische sei, indem sie dieselbe mit dürren Worten sür eine Lähmungs­erscheinung der Gehirnfunktionen erklärt, für die be­ginnende Lähmung des klaren Urtheils und der Selbsterkenntniß. Befreit von den drückenden : Fesseln der Kritik, so lehrt die Wissenschaft, prävalirt unter dem Einfluß der Alkoholwirkung das Gemüthsleben des Menschen und führt ihn zu einer offenkundigen Selbst­täuschung über sein Wohlbefinden, indem ihm einerseits die vorhandenen Unlustgefühle, gewissermaßen die seinsten Sicher-, heitsventile des Organismus, nicht mehr zum klaren Be­wußtsein kommen, und ihm andererseits seine intellektuelle Leistungssähigkeit gesteigert erscheint. Nur den Wenigsten bleibt diese Selbsttäuschung erspart; zu ihnen gehörte der größte, naturwissenschaftliche Denker unserer Zeit. Hermann von Helm ho ltz. In der unvergeßlichen Rede bei der Feier seines siebzigsten Geburtstags sprach er von jenen aus der Tiese des unbewußten Geisteslebens ausblitzenden Ein- sällen, die aller wahrhaft schöpserischen, geistigen Produktion zu Grunde liegen und schloß die Mittheilung seiner Er­fahrung über ihre Entstehung mit den Worten:Die kleinsten Mengen alkoholischer Getränke aber schienen sie zu verscheuchen."

Exakte, wissenschaftliche Experimente über die Wirkung des Alkohols auf die Psyche liegen uns bis jetzt nur vereinzelt vor; aber die Ergebnisse derselben, die ich Ihnen allerdings nur in größter Kürze mittheilen kann, erscheinen uns von ganz besonderer Wichtigkeit. Zuerst hat Kraepelin das von Wun dt in die Wissenschaft eingesührte Studium psychi­scher Vorgänge der praktischen Medizin, besonders der Psychiatrie, dienstbar zu machen gejucht. Ihm und seiner Schule danken wir eine Reihe sorgfältiger Beobachtungen über die Wirkung einiger Genußmittel und Eiste auf die psychischen Vorgänge, darunter auch des Alkohols. Sind diese Untersuchungen auch noch nicht völlig abgeschlossen, mögen die Ergebnisse derselben in ihrer Deutung auch noch nicht ganz einwandssrei sein, sie gestatten uns z. Zt. wenig­stens einen gewissen Einblick in die Art der Altoholwirkung ans die Psyche. Wir sehen nach der Einnahme kleiner, mäßiger und größerer Wcingeistmengen eine Doppclwirkung aus die psychischen Funktionen zu Tage treten; auf der einen Seite eine Erschwerung sämmtlicher intellektueller Leistungen, ans der anderen Seite eine anfängliche Erleichte­rung der motorischen Vorgänge, welche bald einer Er­schwerung derselben Platz macht. Besonders deutlich ist diese Doppclwirkung z. B. bei den Assoziationen zu beob­achten. deren Charakter sich nach dem Genuß berauschender Getränke deutlich ändert. Es werden mehr Worte produzirt, aber weniger Inhalt. Vielleicht ist diese Erleichterung der motorischen Reaktionen die Quelle des subjektiven Wohlgesühls des Trinkenden, des Gefühls verstärkter, körperlicher Krait und erhöhter, geistiger Leistungs­sähigkeit. welches ihn hinwegzutäuschen pflegt über den that- sächlich eingetretenen Zustand psychischer Minderwerthigkeit. Vielleicht ist es auch gerade der Mangel an Kritik, die Ver­minderung der Urtheilssähigkeit. welche das subjektive Gefühl des Wohlseins veranlassen. Denn je geringer die In­telligenz, desto höher der Grad der mensch­lichen Glückseligkeit. Aus dieser Tafel, auf welcher die Ergebnisse der Untersuchungen Smith's graphisch dar­gestellt sind, wollen Sie ersehen, daß die Kurve der intellek­tuellen Leistungssähigkeit. welche bei vollständiger Abstinenz in Folge der Üebung einer Parabellinie entsprechen würde, bei mäßigem Alkoholgenuß sich zunächst, von geringen Schwankungen abgesehen, auf gleicher Höhe hält, um dann mehr weniger tief zu finken. Nach Abbruch des Alkohol­genusses sehen wir dann am ersten oder zweiten Tage die Kurve die Parabellinie etwa in der Höhe wieder ausnehmen, in der sie abgebrochen war; sie steigt dann wieder schnell in die Höhe, um acht Tage später bei erneuter, mäßiger Alkoholausnahme diesmal plötzlich zu sinken. Dieses plötz­liche Sinken der Kurve scheint auszudrücken, daß der mäßige Alkoholgenuß noch nach acht Tagen völliger Ab­stinenz einen deutlichen Einfluß auf die intellektuelle Leistungssähigkeit ausübt. Im Anschluß an diese hoch­interessanten Versuche hat Für er über die psychischen Nachwirkungen größerer Alkoholmengen berichtet, welche zu

eineni leichten Rausche gcsührt haben. Nach seinen Ver­suchen dehnt ein Frührausch, durch Genuß von "/« Liter griechischen Weins um 11 Uhr Morgens erzeugt, seine nach­theilige Wirkung aus die geistige Leistungsfähigkeit noch über den ganzen solgenden Tag ans. während die Nachwirkung eines leichten Abendrausches, nach Genuß von Liter des­selben Weines, noch am Abend des folgenden Tages auf's Deutlichste, und am nächstfolgenden Vormittage noch unsicher nachweisbar war. Tiese psychologischen Untersuchungen be­dürfen gewiß der Nachprüfung; wenn sich ihre Richtigkeit aber bewahrheitet, so liefern sie den unumstößlichen Beweis dasür, daß jeder Alkoholgenuß, auch der mäßigste, den Trinkenden auf ein niedrigeres, geistiges Niveau stellt, als ihm von Natur zukömmen würde. Das heißt mit anderen Worten: Auch der mäßigste Alkoholgenuß macht dem Menschen die volle Ausnützung seiner intellektuellen Fähigkeiten unmöglich.

Ueberblicken wir kurz die Ergebnisse unserer seitherigen Betrachtungen über die Physiologische Wirkung des Wein- geists aus den gesunden Menschen. Wenn wir ganz offen sein wollen, eine sicher festgestellte, die Gesundheit fördernde, gute Eigenschaft desselben haben wir nicht kennen gelernt. Als Erregungsmittel für das Herz, das Athmungszentrum, sür Magen und Darm ist der Alkohol zum Mindesten ver­dächtig und eine eiweißsparende Wirkung entfaltet er höchst­wahrscheinlich nicht. Aber auch wenn er es thäte, selbst wenn er ein Erregungsmittel ersten Ranges wäre, der gesunde Mensch braucht ein solches Erregungsmittel nicht, der genügend ernährte braucht kein Sparmittel sür seinen Körper, keinen Ersatz für dessen Eiweiß. Diese Einsicht, zu welcher die experimentelle Physiologie nur ganz allmählich auf dem mühsamen Wege ernster, wissenschaftlicher Forschung gelangt ist, das Experiment des täglichen Lebens hat sie schon längst gewonnen, und deshalb sehen wir den Menschen in allen Lebenslagen, welche außer­gewöhnliche Anforderungen an seine körperliche und geistige Leistungsfähigkeit stellen, gleichsam instinktiv den Älkohol- genuß auf's Aeußerste einschränken oder ganz vermeiden. Die praktische Erfahrung, daß der Genuß geistiger Getränke die körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern nicht vermag, ist in größtem Maßstabe gewonnen worden im englischen Heere aus den Feldzügen im Kaffernlande. in Canada und Indien, in den Armeen der Vereinigten Staaten im Sezessions­kriege. Aus Grund dieser Erfahrung sehen wir heute nahezu in allen Kulturstaaten der marschirenden Truppe den Alkohol- genuß auf's Strengste untersagt. Aus den englischen und amerikanischen Häfen gehen alljährlich Tausende von Schiffen der Kriegs- und Handelsmarine in See, ohne einen Tropfen Alkohol an Bord zu führen. Auch bei den Polarfahrern und Walfischfängern ist es längst zur feststehenden Regel geworden, den Mannschaften keine geistigen Getränke zu ver­abreichen. Unser korrespondirendes Mitglied, der kühne Nordlandfahrer Fridtjof Nansen, schreibt das glückliche .Gelingen seiner Durchquerung Grönlands geradezu dem Um­stande zu, daß er mit seinen Begleitern abstinent gewesen ist. Die gleichen Erfahrungen haben die großen Pioniere der Kultur, welche uns das Innere des schwarzen Erdtheils auf­geschlossen haben, in dem heißen Tropenklima gewonnen. Und auch unsere Hochtouristen, die Radfahrer, Turner und Wcttrudcrer. kurz überhaupt alle Sportsleute, wissen es längst, daß der Alkohol gemieden werden muß in Augen­blicken, welche eine außergewöhnliche Leistungsfähigkeit ver­langen.

Auf der anderen Seite aber haben uns die Experimente der Physiologie gelehrt, daß der Alkoholgenuß, auch der mäßige, wir haben ja vorläufig nur von dem mäßigen Alkoholgenuß und seinen Folgen gesprochen möglicher­weise eine Reihe von Schädlichkeiten für den Organismus mit sich bringt, welche sich einmal an dem Stoffwechsel der einzelnen Zellen zu äußern und außerdem eine Verminderung der intellektuellen Leistungsfähigkeit im Gefolge zu haben scheinen. Sind die vorgetragenen Anschauungen richtig, so wird diese Schädigung resultiren, auch wenn sie lange Zeit hindurch bei mäßigem Alkoholgenuß vielleicht zeitlebens latent bleibt; bei Alkoholmißbrauch aber wird sie mehr weniger rasch manifest werden, und sobald nicht mehr eine Reihe einzelner Zellen, sondern ein ganzes Organ geschädigt sein wird, in die klinische Erscheinung treten.

Hieraus resultiren die verschiedenen Krankheitsbilder, dis Mir unter deni Namen des akuten und chronischen Alkoholismus zusammenzufassen pflegen. Wollte ich sie Ihnen schildern, ich würde mich allzusehr aus rein medizini­schem Gebiete bewegen. Es genügt, hervorzuheben, daß der Ausgang all dieser vielgestaltigen Krankheitsformen schließlich stets der gleiche ist. Aus körperlichem Gebiet kommt es zu ausgesprochenen Veränderungen am Herzen und den Gefäßen, zu den schwersten Ernährungsstörungen. Leber- und Nieren- schrumpjung u. s. w.. das psychische Endresultat ist immer der frühzeitige Schwachsinn. Daß diese mannigfachen Krank-