'Nährmittel zu halten, dessen Oxydation einen Theil der zur Erhaltung der Körperwärme nöthigen Anzahl von Kalorien liesern könne. Don einem solche» respiratorischen Nährmittel müssen wir natürlich zweierlei verlangen: erstens, darf es. einer allmählichen Oxydation im Körper unterworfen, keinen höheren Anspruch aus Sauerstoffzufuhr machen, als durch die physiologische Athmung gedeckt werden kann, und zweitens müssen die durch die Verbrennung erzeugten, schädlichen Ease die Kohlensäure durch den normalen Athem- Prozeß wiederum vollständig aus dem Organismus entfernt werden können. Sehen wir zu. in welcher Weise der Alkohol diesen beiden prinzipiellen Anforderungen entspricht. Gleich bei der ersten Frage nach der Größe des Sauerstossoerbranchs treffen wir auf erhebliche Schwierigkeiten. Turch sorgfältige Versuche am Menschen ist unzweifelhaft sestgestellt, das« nach Ausnahme schon kleiner Mengen Weingeist eine Zunahme der Alhemgröße um 79 Prozent eintritt. eine reflektorische Vertiefung der Athmung. Allein eine Steigerung des Sauer­ste fsverbrauchs ist bei diesen Experimenten in der Regel nicht beobachtet worden. Nur ganz ausnahmsweise, bei an Alkoyol»

genuß nicht gewöhnten Menschen, stieg unter der berauschen­den Wirkung von 50 Kubikzentimeter absoluten Weingeists die Sauerstoffaufnahnie sofort um etwa 25 Prozent au. um nach % Stunden wieder^ etwa? zu sinken. Zu ähnlichen, widersprechenden Ergebnissen haben die Versuche am Thiere gesührt. Die einen Beobachter konnten keinen Einfluß der Alkoholdarreichung auf den respiratorischen Easwechsel fest­stellen, nach den Beobachtungen anderer stieg der Sauerstoff­verbrauch erheblich, und au dieser Steigerung nahm meist auch die Kohlensäureausscheidung. wenn auch in geringerem theil. Angesichts dieser widersprechenden Beobachtungs­ergebnisse müssen wir, tvenn wir ganz objektiv fein wollen, die erste Frage, ob dem Sauer st ofsbedürsniß desverbrennendenAlkohols durch dienormale Athmung genügt werde, offen lassen.

Kehren ivir zum Thierexperiment zurück und zu gelegent- lich gewonnenen Beobachtungen am Menschen, welche sich mit dem Ergebuiß des Thierexperimentes vollständig decken. Vielleicht können wir aus diesen Beobachtungen Anhaltspunkte zur Beurtheilung der Frage gewinnen, ob der Weingeist der zweitenAnforderung genügt.die wir an ein respiratorisches Nähr­mittel stellen müssen, ob die bei der Alkoholverbrennung cut- stehende Kohlensäure durch den normalen Athemprozeß auch wieder vollständig aus dem Körper entfernt wird, oder nicht. Die klinischen Erscheinungen, wie sie die akute Alkoholvergiftung Hervorrust, werden ganz in der gleichen, stereotypen Weise auch durch die akute Kohleufäurevergistung herbeigeführt. In Anbetracht dieses Umstandes können wir kaum daran zweifeln, daß die in Folge eines unmäßigen Alkoholgenufscs auf- tretenden Erscheinungen des Rausches lediglich als Kohlen- säurevergistung aufzufasscn sind. Daraus müssen wir schließen: bie normale, bejiu. selbst vertiefte Athmung reicht höchstwahrscheinlich nicht hin. die bei derAlkoholverbrennung entstehende Kohlen­säure vollständig aus dem Organismus zu entfernen.

Findet nun. was wir nach dem Gehörten wohl nicht ganz von der Hand weisen können, in unserem Körper wirklich eine raschere Oxydation des Alkohols statt, als der Sauerstoff­zufuhr durch die normale Athmung entspricht, so wird auch die aus dem beschleunigten Verbrennungsprozeß erwachsende Wärme zu einer Steigerung der Körpertemperatur führen müssen. Thatsächlich empfinden wir diese Steigerung, während des mäßigen Alkoholgcnusses und unmittelbar nach demselben, subjektiv als ein angenehm erwärmendes Gc- sühl in uuscrem Innern. Und wenn es nicht gelingt, diese postulirte Steigerung der Körpertemperatur mit dem Thermo­meter. objektiv. festzustellen; wenn nur vielmehr nach stärkerem Alkoholgenuß trotz des erhöhten Verbrennungs­prozesses die Körperwärme meßbar sinken sehen, so dürfen wir uns diese, der theoretisch gewonnenen Annahme schein­bar widersprechende Beobachtung erklären dadurch, daß mit dem Eintritt der Steigerung der Bluttemperatur die wärme» regulirenden Apparate des Zentralnervenfystenis in Thätig- keit treten und eine reflektorische Erweiterung der Blut- gesäße der Haut Hervorrufen, um durch vermehrte Wärme- Abgabe an der Oberfläche die Temperaturstcigerung im Körperinnern zu kompensiren.

Diese Erweiterung der peripheren Blut­gefäße ist eine Thatsache, und als unleugbare Folge der-' selben müssen wir ein Sinken des Blutdrucks an- nehmen. Denn der Blutdruck sinkt mit der Erweiterung des Gesammtquerfchnitts deS Gefäßsystems. Diesem Sinken des Blutdrucks aber muß als kompen­satorische Leistung eine stärkere oder häufigere Kontraktion des Herzmuskels entsprechen; das Herz arbeitet mit vermehrter Kraft, sobald die arteriellen Bahnen weiter werden. Diese der theoretischen Forderung entsprechende Verstärkung der Herzthätigkeit nach dem Genüsse geistiger Getränke ist festgestettt. und aus Grund dieser fest­

stehenden Thatsache hat der Alkohol bekanntlich von Alters her in der Medizin den Ruf eines Heilmittels von hervor­ragend herzstärkender Bedeutung erlangt Aber ist dieser Ruf begründet, wenn die Verstärkung der Herzthätigkeit nur eine kompensatorische ist. wenn sie einsetzt, um ein durch den Alkohol selbst geschaffenes Hinderniß zu überwinde» ? Hier stehen wir vor einem zweiten, gleich wichtigen, noch unge­ilösten Problem der Alkoholfrage. Denn auch bei maximaler ^Erweiterung der Arterien, wie sie experimentell durch Ab» itrennung des Haupizentrums der Gesäßnerven zu Stande kommt, sehen wir nach Alkoholdarreichung die Zahl des Herzschlags steigen. Aber die Kenntniß dieser Thatsache darf Inns nicht verleiten, die Fundamentalgesetze der Physiologie sicher Acht zu lassen, und so müssen wir bei vorurtheils- !freier Prüfung ivohl zu dem Schluffe kommen, daß der Alkohol als herzstärkendes Mittel von proble­matischer Wirkung ist.

Ein anderer, bis vor Kurzem als gelöst geltender Punkt unseres Themas ist heute wieder streitig geworden, die Frage, ob der Alkohol ein Nahrungsmittel sei oder nicht. Man ist zu dieser Annahme gelangt auf Grund der landläufigen Er­fahrung. daß der Genuß geistiger Getränke das Nahrungs- bedürfniß vermindert und das Gefühl des Hungers zu stillen geeignet ist. Stoffivechfeluntersuchungen, welche eine Abnahme der Oxydationsprodukte der Eiweißnahrnng bei Aikoholgcnuß ergaben, schienen diese Ansicht zu bestätigen und dem Alkohol eine nicht unwichtige Rolle in dem Haushalt des Organis­mus anzuweisen. Nach diesen Untersuchungen konnte es scheinen, als ob der Weingeist die Nahrungsmittel bis zu eineni geivisjen Grade zu ersetzen im Stande fei und be­sonders das lebende Körpergewebe vor der Oxydation schützen könne. Neuere Untersuchungen haben aber diese Annahme nicht bestätigt, vielmehr die Frage sehr zu Ungunsten des Alkohols verschoben. Nach den Ergebnissen derselben kommt dem Alkohol bei dem gesunden Menschen eine ei wei ß­sparende Wirkung höchstwahrscheinlich nicht zu; vielmehr scheint der Weingeist als primäre Wirkung sogar eine Schädigung des Körpereiweißbestandes zur Folge zu haben. Für diese letzte Ansicht spricht die Nachtvirkung des Alkohols aus die Eiweißzersetznng, eine nachträgliche Steigerung der Stickstoffaussuhr. Eine solche Wirkung ist bis jetzt nur von Stoffen bekannt worden, ivelche die Körperzellen selbst schädigen und deshalb den bezeichnenden Namen Protoplasma­gifte erhalten haben. Wir können uns eine solche deletäre Wirkung nur durch die Annahme erklären, daß der Alkohol in dem zirkulirenden Sauerstoff des Organismus nicht ge­nügend Material zu seiner Verbrennung vorfindet, daß er vielmehr bei seiner Oxydation dem Körpergewcbe auch noch einen Theil des Sauerstoffs entzieht, der unter anderen Be­dingungen dem Lebensprozcß der Zellen dienen würde.

Wir dürfen bei objektiver, kritischer Prüfung der physio­logischen Alkoholsrage diese, heute freilich noch nicht sicher erwiesene Annahme nicht außer Acht lassen. Scheint sie doch eine Stütze in den anatomischen Befunden zu gewinnen, die wir bei tödtlich verlaufener, akuter Alkoholvergiftung des Menschen und der Thiere kennen gelernt haben. Der anato­mische Befund weist uns auf eine akut aufgetretene Zell­degeneration in fast allen Organen des Körpers hin. Experimentell ist an Thieren diese Degeneration in ver­schiedenen Zellen des Gehirnes bei schwerer Alkoholvergiftung nachgewiesen worden.

Die Richtigkeit dieser Annahme von dem Sauerstoff ent­ziehenden Einfluß des Weingeistes auf die Körpergewebe vorausgesetzt, würde ein anhaltender Alkoholgenuß ohne Zweifel zu ähnlichen Verhältnissen führen müssen, wie sie das physiologische Ende unseres menschlichen Lebens, das Greisenalter. mit sich zu bringen pflegt. Im Greisenalter wird in Folge der allmählich sich vermindernden Elastizität der Lungen dem Körpergewebe nicht genügend Sauerstoff zu weiterem Ausbau zugesührt; in Folge fortgesetzten Alkohol­genusses würde dem Körpergewebe der zum Aufbau uoth- wendige Sauerstoff entzogen. Das Endergebniß müßte das gleiche oder doch ein ähnliches sein. Und in der That zeigen die anatomischen Befunde des chronischen Alkoholismus und der Rückbildung im Greisenalter eine unverkennbare Aehn- lichkeit.

Diese letzte Erwägung läßt uns verstehen, daß in der Lösung dieser einen Frage, ob der Genuß berauschender Getränke einen direkt schädigenden Einfluß aus den Lebens­prozeß der Körpergewebe ausübt. der Schwerpunkt der ganzen physiologischen Alkoholfrage liegt. Eine exakte Lösung des Problems läßt sich aber bei dem heutigen Stand der Wissen- jchast noch nicht geben.

Wir haben bis jetzt nur von der Einwirkung des Wein­geists auf die vegetativen Organsysteme und ihre Funktion gesprochen, aus Athmung. Kreislauf und Stoffwechsel; es erübrigt uns jetzt, einen Einblick zu gewinnen in die Ein­wirkung der geistigen Getränke auf das Zentralnervensystem und seine psychischen Funktionen. Soweit das Ergebniß dieser Einwirkung einer flüchtigen Beobachtung zugängig ist.

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