Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergische» naturforschenden Gesellschaft.
Samstag,
Der Vorsitzende, Herr Major Dr. L. v. Heyden, berichtet, daß die Senckenbergische naturforschende Gesellschaft in diesem Jahre den am 1. April 1894 ausgeschriebenen v. Reinach-Preis für Paläontologie zu vergeben hatte. „Ein Preis von Mk. 500", heißt es in dem Aus- schreibcn. „soll der besten Arbeit zuerkannt werden, die einen Tbeil der Paläontologie des Gebietes zwischen Aschaffcnburg, Heppenheim, Alzey, Kreuznach, Koblenz, Ems. Gießen und Büdingen behandelt." Nach Ablauf des Termins am 1. Oktober d. I. hat die Direktion auf einstimmigen Vorschlag der Preiskommission, die aus den Professoren Dr. O. Boettger und Dr. F. Kinkelin hier und Geheimer Hosrath Dr. R. Lepsius aus Darmstadt zusammengesetzt war. den Preis dem Professor Dr. Achilles Andreae, Direktor des Römer-Museums in Hildesheim, zuerkannt. Die preisgekrönte Arbeit führt - den Titel „Beiträge zur Kenntniß der sosfilen Fische des Mainzer Beckens." Außerdem macht der Vorsitzende die Mit» thcilung, daß Professor Behring, dem die Senckenbergische Gesellschaft am 10. März d. I. den Tiedemann-Preis für seine Heilserumtherapie zuertheilt hat. diese Woche von der Aeademie des Sciences in Paris mit einem Preise von 25,000 Francs ausgezeichnet worden ist.
Prof. Boettger bespricht hierauf die in dem letzten Jahre für die Sammlung eingegangenen Reptilien und Batrachier. Bei der Fülle des Materials beschränkt er sich darauf, nur die für unsere Kollektion wirklich neuen Formen auszustellen. Immerhin stnd dies 170 Gläser. Der Hanptzuwachs kam von der Kükenthal'scheu Reise aus Halmahera, Batjan. Celebes und Borneo, von der Semon'scheu Expedition nach Neuguinea und Queensland und von der Hübner'schen Reise nach Süd-Vene- zuela. Schöne Novitäten verdanken wir außerdem den Herren Brancsik und Sikora aus Madagaskar,
F l c i s ch m a n n aus Guatemala. Urich und Mole von Trinidad und Schwacher von den Linkin - Inseln. Besonders aufmerksam macht der Vortragende aus 2 sogenannte fliegende Geckonen mit breiten Hautsäumen an fast allen Körpertheilen, auf ein Riesenstück einer seltenen Blindwühle (Öerwopiiis) und aus einen prachtvoll gefärbten, aber äußerst giftigen Frosch (Dendrobates), von dem in S.-Amerika Pfeilgift bereitet wird. Schließlich wird das Eiernest des Laubfrosches Phyllomedusa und das Männchen des Frosches Prosttrsraxis vorgezeigt, das seine Larven auf dem Rücken trägt.
Herr Dr. med. A. Knoblauch hält nunniehr seinen angekündigten Vortrag:
Ire rokffenschastkiche Hrundkage der AkkoKokSekämpfung.
Immer häufiger sehen wir auch bei uns in Deutschland auf die Tagesordnung unserer wissenschaftlichen Versammlungen die Besprechung der Alkoholfrage gesetzt, und wenn wir uns zu vergegenwärtigen suchen, welche verheerenden Wirkungen der Mißbrauch des Alkohole hervorbringt. wenn wir bedenken, daß die große Zahl der physischen, moralischen und materiellen Opfer des Mißbrauchs geistiger Getränke in der letzten Hälfte unseres Jahrhunderts meyr und mehr zugenommen hat. dann begreifen wir die volle Berechtigung, die Alkoholsrage in wissenschaftlichen Kreisen zu erörtern.
Rufen wir uns nur ins Gedächtniß zurück, daß ganze Völkerschaften, einst blühend und mächtig, ehe sie mit den Segnungen der europäischen Kultur bekannt geworden waren, untergegangen sind durch den Genuß des „Feuerwassers", welches ihre Reihen stärker gelichtet hat, als das Pulver und Blei der europäischen Kolonisten. In diesem Beispiel, welches uns die Weltgeschichte vor Augen führt, haben wir den erschütternden Beweis von der tödtlichen Macht des Alkohols. Und wenn wir heule mit osienem Blicke um uns schauen, zeigen sich auch in unserer Kulturepoche als Folge derselben Ursache nicht minder erschütternde Szenen, welche allen Gebildeten eine ernste Mahnung sein müssen, einzutreten in den Kampf gegen den Mißbrauch der geistigen Getränke.
Thatsächlich finden wir auch unter den Gebildeten aller Nationen Einstimmigkeit in diesem Punkte, in der Verdammung des Alkoholmißbrauchs. Verschieden sind nur die Ansichten darüber, auf welche Weise eine rationelle Bekämpsuug desselben anzustreben und mit Aussicht auf Erfolg durchzusühren sein wird. Der radikalste Weg würde zweifellos die Durchführung vollständiger Enthaltung von jedem Alkoholgenusie sein, und in der That hat es seit Menschenaltern auch niemals an begeisterten Vorkämpfern dieser Abstinenz-Idee gefehlt. Es sind Ihnen
den 14. Dezember 1895.
die Temperenzstaaten Amerikas bekannt; Sie wissen, daß es in England z. Zt. ungefähr fünf Millionen Abstainers gibt. -Erst vor ivenig Jahren hat die Abstinenzbewegnng auch bei uns Wurzel geschlagen; sie hat seitdem in solchem Maße an Ausdehnung gewonnen, wie es kaum jemals vorher bei der Verbreitung einer anderen, sei es wissenschastlichen, politischen oder religiösen Idee der Fall gewesen ist. Mit Staunen sehen wir immer größere Kreise der Gebildeten in diese Bewegung hineingezogen, mit Staunen blicken wir auf die Männer, welche, ungeachtet des Hohns und Spottes, der ihnen von gar vielen Seiten entgegengebracht wird, treu ihrer Ueberzeugung. eingetrelen sind in den Kampf gegen die durch Jahrtausende geheiligte Sitte des Trinkens, und fragen uns, welche Gründe sind es. welche diese Männer begeistern zur unermüdlichen Verfolgung ihrer Ziele trotz aller schier unüberwindlich scheinenden Hindernisse, welche Gewohnheit, Gleichgültigkeit und Genußsucht bei dem Kulturmenschen des neunzehnten Jahrhunderts ausgerichtet haben. Ihnen diese Gründe zu schildern, soll die Ausgabe meines Vortrags sein.
Die Beschäftigung mit der Alkoholsrage vom ärztlichen Standpunkt aus liegt ja mit am nächsten dem Nervenärzte. Nicht Zusall oder besondere wissenschaftliche Neigung, sondern die brutale Macht der Thatsachen. die sich ihm bei Ausübung seines Berufes tagtäglich ausdrängen, regen ihn zu dem Studium dieser interessanten, ernsten und wichtigen Frage an. Jntereflant ist die Alkoholsrage, bietet doch die von Alters her eingewurzelte Sitte des Trinkens dem Arzte ein ungewöhnlich reiches Material zum Studium einer den vielgestaltigsten, chronischen Intoxikationen, dessen Ergebnisse für die Lehre von den Gistwirkungen überhaupt von großer Bedeutung find. Ernst und wichtig ist die Frage, angesichts der großen Zahl von Todesfällen, welche alljährlich auf Rechnung des Alkohols zu setzen sind sei es durch Krankheit, Selbstmord oder Unglücksfall im Zustand des Rausches; angesichts der zunehmenden Zahl von Verbrechen. welche der Mißbrauch der geistigen Getränke zur Folge hat. und schließlich angesichts der enormen Summen, welche für Beschaffung des Alkoholkonsums verausgabt und dem Nationalwohlstand entzogen werden. So berühren sich in der Alkoholsrage mit den ärztlichen Gesichtspunkten auch juristische und sozialpolitische. Wenn aber der Ar-k an die Besprechung dieser Frage Herantrick, ist es begreiflich, daß er die Gesichtspunkte seiner Wissenfchait in den Vordergrund stellt und die juristischen und nationalökonomischeri Momente nur ftüchlig streift. Für den Arzt ist vnn d:e Alkohoiirage vorwiegend eine physiologische, aber zu ihrer Lösung können und müssen auch klinische und anatomische Beobachtungen herangezogen werden.
Tie physiologische Alkoholsrage hat unser korr. Mitglied, Professor Adolph Fick in Würzburg, in einem vor S'/st Jahren gehaltenen Vortrage kurz und bündig so gestellt „Ist der Alkohol ein Gift oder nicht? - vielmehr vielleicht ein werthvoller Nahrungs» st off?" Um diese Frage in allen Einzelheiten abschließend beantworten zu können, müßten wir vor Allem die Art der Wirkung des Weingeistes auf unseren Körper ganz genau kennen. Das ist leider bis heute nicht in unzweideutige?; Weise der Fall. Noch sind die wichtigsten Punkte der physiologischen Alkoholsrage einer endgültigen Lösung nicht eut» gegengesührt. und deshalb sehen wir noch heute eineu Widerstreit der Meinungen in einer Frage, bei deren Beantwortung schließlich doch die ärztliche Wissenschaft das letzte Wort zu sprechen haben wird. Immerhin aber haben wir. Dank zahlreicher physiologischer. klinischer und anatomischer Beobachtungen, heute einen wesentlich besseren Einblick in die Wirkung des Alkohols aus unseren Körper gewonnen, wie noch vor wenig Jahren.
Wenn ich nun in Folgendem versuchen werde, Ihnen den jetzigen Stand der Alkoholsrage, wesentlich von ärztlichen Gesichtspunkten aus, objektiv zu schildern, so hoffe ich, daß es mir gelingen möge, auch Ihr Interesse wachzurufen in einer Sache, die nach der Ansicht hervorragender Sozialpolitiker und Nationalökonomen zu den wichtigsten für die ganze Menschheit gehört.
Der in unseren berauschenden Getränken hauptsächlich vorkommende Alkohol ist bekanntlich der Aet hylalko h o l. ein Körper, dessen Haupteigenschasten in der großen, chemischen Affinität zum Sauerstoff und der leichten Diffun» dirbarkeit bestehen. Noch Ende der siebziger Jahre hat man allgemein angenonimen, daß der zugeführte Weingeist völlig unverändert wieder auS dem Organismus ausgeschieden werde; heute ist durch exakte Versuche unzweiselhast selige» stellt, daß der Alkohol in gleicher Weise, wie die Kohlehydrate. im thierischen und menschlichen Organismus zum weitaus größten Theile zu Kohlensäure und Wasser verbrennt, etwa zu 90 Prozent. Auf Grund dieser Thatsache ist man geneigt, den Alkohol für ein respiratorisches