Schnecke entwickelnden lagena. Bei Menschen und Sängern verschwindet die Otokonie ans der Schnecke und bleibt nur noch in der Zweizahl.
Wie die Otolithen schon ans einen Zusammenhang des Ohrs mit der- Gleichgewichtslage hindeutcn, so weist auch der zentrale Verlaus des Gehörnerven ans eine getheilte Aufgabe hin. da sein Vorhoss- und sein Schneckenast verschiedene Ganglien und Kerne besitzen.
Im Jahre 1824 veröffentlichte Flonrens seine ersten Untersuchungen über die Durchschneidnng der Bogengänge bei Thieren, die von starken Gleichgewichtsstörungen begleitet waren. Je nach dem verletzten Kanal xtiaten sich Kopfbewegungen der Thiere in einem bestimmten Sinne. Er hielt die Bogengänge für ein Organ, das die Bewegungen unseres Kopfes in den 3 Dimensionen des Raums, entsprechend ihrer Anordnung in verschiedenen Ebenen, regulire. Zur Kennzeichnung der durch Eingriffe hervorgerufenen Störungen wählte er den Vergleich mit dem Drehschwindel der Thiere und des Menschen.
Seit Flourens' epochemachenden Untersuchungen blieb die Erforschung des Bogengangapparates ein Lieblingsthema der Physiologen, die sich bald in zwei Lager theilten. Die Einen erklärten die Erscheinungen aus Verletzungen der benachbarten Hirntheile durch Blutungen oder direkte Insulte, die Anderen faßten sie als Reiz oder Ausfallserscheinungen auf, die durch Störungen innerhalb der Kanäle hervorgerufen seien.
Am weitesten ging 1870 Goltz, der die Bogengänge als Organ des Gleichgewichtssinnes, eines 6ten Sinnes, ansprach.
Die Kanäle wurden in der Folge den verschiedensten, grob mechanischen, thermischen, chemischen, elektrischen Reizen unterworfen, bei Tauben, Hunden, Kaninchen, Fischen rc. operirt und widersprechende, oft sehr zweifelhafte Erfolge erzielt.
Einen gewissen Abschluß fand die Frage durch die vorzüglichen Arbeiten Ewald's in Straßburg. In dieser Frage spricht die Methodik der Operationen am Thier das ausschlaggebende Wort. Ewald hat diese Methodik zu staunenswerther Vollendung gebracht, und während die Thiere. früher meist an eitrigen Entzündungen des Gehirns und. der Hirnhäute zu Grunde gingen, nicht nur diese Klippe vermieden, sondern auch die zarten Gebilde zu durchschneiden, zu reizen, ja zu plombiren und zu unterbinden verstanden, so daß feine Untersuchungen als der unzweideutige Beweis dafür betrachtet werden können, daß je nach Wahl des Bogengangs zum Experiment ganz bestimmte Bewegungsstörungen auftreten. Seine weiteren, theoretischen Folgerungen sind einleuchtender Art, aber noch lange nicht als erwiesen zu achten. Er scheidet das Labyrinth in zwei getrennte, verschiedenen Funktionen vorstehende Theile: Das Hörlabyrinth, aus der Schnecke bestehend, und die übrigen Theile des Labyrinths, das Tonuslabyrinth, dem er die Aufgabe zuertheilt, die Muskeln unseres Körpers in einem Tonus zu erhalten, d. h. sie in noch nicht näher bestimmbarer Weise zu beeinflussen. Indem diese Beeinflussung von der Bewegung der Lymphe bei Kopfdrehungen in den halbzirkelförmigen Kanälen, respektive dem durch sie erzeugten Reiz in den Ampullen der Bogengänge ausgeht, vermittelt sie die Wirkung der Kopfdrehungen auf den Körper und ist in diesem Sinne nach Ewald ein Sinnesorgan.
Fragen wir uns, wie denn die Bewegung der Lymphe in diesen schmalen Kanälen einen genügenden Reiz für die Auslösung solcher Wirkung ausüben kann, so liegt hierin keine A: große Schwierigkeit für die Theorie.
Mach hat diesen Reiz berechnet. Tögler und Boltzmann hatten auf optischem Wege die Luftexkursionen einer Pfeife an den Grenzen ihrer Hörbarkeit bestimmt und festgestellt, daß durch den übertragenen Schall 1 durch 3 Billionen Kilogrammmeter Arbeit an das Ohr abgegeben werden. Mach nun fand eine wesentlich größere Arbeit, wenn er annahm, daß 0,1 Gramm Flüssigkeit des Labhrinth- inhaltes durch den Widerstand der Endapparate in einer Lürmde eine Gejchwindigkeitsänderung von 1 Cent, ertheilt wird. Die den Nerven zufließende Arbeit beträgt dann 1 durch 1960 Millionen Kilogrammmeter, . also um ein Bedeutendes mehr; die Bewegung reichte also reichlich aus, die Ampullennerven zu reizen und dem Gehirn die Daten zu übermitteln.
Werden die Ampullen zu Wahrnehmungen der Kopfdrehungen in Anspruch genommen, so dienen nach Breuer die Otolithenapparate des saooulus und utrioulus als normale Erreger zur Wahrnehmung der fortschreitenden gradlinigen Bewegungen und der Lage des Kopfes im Raum.
Hierbei ist aber zu erwägen, daß der Otolith des saooulus und des utrioulus eine ganz verschiedene Wirkung ausüben müssen. Der eine steht in inniger Beziehung zu den Bogengängen, der andere in viel näherer zur Schnecke. Wie wir sahen, hat Helmholtz den Otolithen eine ganz andere Funktion zugewiesen. Es liegt hier eine Schwierigkeit, über die man mir in den theoretischen Erwägungen zu leicht wegzugehen scheint. Auffallend ist es auch, daß, die Wahrheit der Theorie vom Gleichgewichtsorgane vorausgesetzt, gerade die Gebilde der Otolithen, die bei den niederen Thieren zweifellos zur Erhaltung des Gleichgewichts dienen, bei den höheren Thieren diese Funktion an die Ampullen aHtreten sollen, denn Steiner hat bei Fischen nachgewiesen, daß die Bewegungsstörungen nur dann auftreten, wenn an den Säckchen mit den Otolithen operirt wurde, während bei Abtragung der Bogengänge an Haifischen sich gar keine Bewegungsstörungen zeigten.
Hensen weist auf die Bogengänge des Hais hin, die erstens von ganz verschiedener Länge sind, zweitens horizontalen und vorderen Kanal in solcher Verbindung zeigen, daß beide von denselben Bewegungen getroffen werden müssen. Die verschiedene Länge deutet nach ihm eher auf eine akustische Funktion hin. — Weiter erscheine auffallend, daß bei Fröschen und Amphibien überhaupt, für die man annimmt, daß sie hören, eine nur ungemein kleine Schnecke bei sonst sehr großem Labyrinth besteht, und diese kleine Schnecke von einem nervösen Zuleitungsapparat versorgt wird, der kaum weniger entwickelt ist. wie bei den Vögeln. Bei diesen und auch noch beim Schnabelthier liegt in der Spitze der Schnecke Otolithenmasse und zugehöriger Endapparat. Dies spreche doch dafür, daß auch der Vorhof ein akustisches Organ ist.
Die Beziehungen des Vorhofsnerven zum Kleinhirn, einem Gehirntheil, der sicher mit der Gleichgewichtsfunktion zu thun hat, sind zwar festgestellt, aber sein zentrales Ende und dessen Verhältniß zum Kern des Schneckennerven bedarf noch der Aufhellung.
Die Erscheinungen an Thieren mit operirten Bogengängen, in Bewegungsstörungen, die dem Drehschwindel ähneln, bestimmten Augenbewegungen und Schwäche der Muskulatur bestehend, beweisen den Einfluß dieser Gebilde auf das Muskelsystem, der auf zentralen Bahnen, wie das Högyes speziell für die Augenmuskeln nachgewiesen hat. vermittelt wird. Dürfen wir sie aber mit Goltz als Sinnesorgan auffassen und daran gewagte Folgerungen knüpfen, wie Cyon, der gar die Dreidimensionalität unserer Raumanschauung daraus folgern will?
In unserem Bewußtsein erscheint von dieser Sinnes-., thätigkeit nichts. Hensen weist darauf hin, daß dieser Sinn eigentlich nur ein schädlicher sei, da er die Ursache für die Schwindelempfindungen bilde, daß wir ohne ihn aber recht gut auskommen könnten. Nach seinen Selbstbeobachtungen reiche die Tastempfindung, von deren Feinheit wir schon früher einen Beleg gegeben, hin, uns die Daten über unsere Lage im Raum zu geben, wenn wir z. B. in der Kajüte eines Schiffes aus die Bewegungen des Schiffes unsere Aufmerksamkeit lenken. Was wir da erfahren, erkläre sich durch die Druckempfindungen in der Haut; vor Jrrthümern aber könne uns darüber hinaus der 6te Sinn nicht schützen.
Dem ist entgegenzuhalten, ob wir ohne Bogengänge diese Vorgänge so empfänden, wie wir sie wahrnehmen. In seinem scharfsinnigen Werke über die Bewegungsempfindungen hat der Physiker May durch Versuche an sich selbst nachgewiesen, daß das Organ, mit dem wir das Gleichgewicht erhalten und das die Ursache der Schwindelerscheinungen sei, im Kopfe liegen müsse. Ob es gerade die Bogengänge sind, vermuthet Mach zwar, kann es aber nicht beweisen. Purkyne, der zuerst die Schwindelphänomene einer wissenschaftlichen Kritik unterzog, suchte ihre Ursachen in Kohäjionsändernngen des Gehirns, die durch die Zentrifugalkraft hervorgerusen werden.