Daß Bewegungen und andere Beeinflussungen der Muskeln von den Bogengängen gesetzmäßig hervorgerufen werden, daran ist nach Ewald's Untersuchungen kein Zweifel mehr. Es erscheint ja auch nach der alltäglichen Beobachtung eine Beziehung des Gehörs zu den Muskeln schon wahrscheinlich, wenn wir die Wirkung der Musik auf unsere Bewegungen beobachten, die beim naiven Menschen ganz unwillkürlich erfolgen. Bildet doch der Tanz den Ausgangspunkt der Musik, die ursprünglich nur mit ihni vereinigt auftritt, während sie, nach Goethe's Ausspruch, an ihrem zweiten Pole die höchste Empfindung, die der Andacht, auszudrücken berufen ist.

Wir können aber Ewald nicht folgen, wenn er die komplizirten Gebilde der Schnecke dem dioptrischen Apparat des Auges gleichstellt und den Stamm des Hörnerven als schallwahrnehmendes Organ betrachtet noch auch in seinen theoretischen Anschauungen vom 6ten Sinn, dessen Organe er in den Bogengängen und den Gebilden des utrioulus und saooulus sucht. Wir müssen die Möglich« keit offen lassen, ob diese Gebilde nicht doch von Manchen bis jetzt nur vermuthete, aber nicht erwiesene akustische Funktionen haben.

Sehen wir uns zum Schluffe noch um, welche Unter­stützung dem 6ten Sinne aus Thatsachen der Pathologie zu Theil wird:

Plötzlicher Druck, Temperatur-Einflüsse auf das Ohr führen beim Menschen unter Umständen zu heftigem Schwindel, bald mit Fallen nach der gesunden, bald nach der kranken Seite. Zuckende Bewegung der Augäpfel (n^stagmus), Pupillenerweiterung begleiten fast immer diese Erscheinungen. In einem solchen Falle von besonders heftigemSchwindel zeigte sich bei der Sektion ein Offenstehen des ovalen Fensters, sodaß der Druck beim Ausspritzen des Ohrs unbehindert auf die häutigen Gebilde des Labyrinths überging. Aber auch Geräusche können Fallen Hervorrufen; in einem Falle Urbantschitsch's so plötzlich und gewaltsam, daß eine zweite Person mitgerissen wurde.

- Bei Taubstummen wurden in neuerer Zeit von James, Kreidl und Pollak Versuche angestellt, die für die ver­muthete Funktion der Bogengänge zu sprechen scheinen. Während bei normalen Menschen mit wenig Ausnahmen zuckende Bewegungen der Augäpfel bei künstlich erzeugtem Schwindel austraten, vermißte man bei der Hälfte der untersuchten Taubstummen diese Erscheinung. Der nor­male Mensch, in den zu passiven Drehungen hergestellten Apparat Kreidl's gebracht, kann den Zeiger auf einer Scheibe nicht vertikal stelleu, die Taubstummen können es, werden mithin von den Drehungen nicht so beeinflußt, wie vollsinnige Menschen. Unter Wasser gebracht, also bei ausgehobenen gewohnten Druckempfinduugen in der Hautoberfläche, sollen nach James die Taubstummen ängstlicher, unbeholfener sein, wie normale Individuen.

Nach den Untersuchungen Pollak's war die Hälfte der untersuchten Taubstummen dem Schwindel nicht unter­worfen, der beim Vollsinnigen auftritt, wenn ein gal­vanischer Strom quer den Kopf durchfließt. Kreidl und Pollak weisen auf die Uebereinstimmung ihrer Er­gebnisse mit Forschungen Mygind's hin. Dieser fand in

etwa der Hälfte der von ihm zusammengestellten 1l8 Sektions­befunden Taubstummer die Bogengänge erkrankt. Diese Zahl ist aber nicht ausschlaggebend, da Mygind's Unter­suchungen, so gewissenhaft seine selbstgemachten Sektionen sind, sich auch auf zweifelhafte Befunde Anderer stützen. Außerdem sind die Zahlen zu klein, um an die Ueber­einstimmung wichtige Schlüffe zu knüpfen.

Hat doch andererseits Lucä einen Fall beschrieben, der mit der Gleichgewichtsfunktion der Bogengänge gar nicht in Uebereinstimmung zu bringen ist. Ein Knabe erkrankte an rasch vorübergehender Hirnhautentzündung, die be­kanntlich die Hauptursache der erworbenen Taubstummheit bildet. In der Genesung ertaubt er plötzlich vollständig. Nach einigen Wochen stirbt der Knabe. Es hat sich nicht der kleinste Schwindelanfall im Leben gezeigt, und dennoch ergibt die Sektion eine schon durch den Knochen hindurch makroskopisch sichtbare Labyrinthentzündung mit besonderer Betheiligung der Bogengänge.

Die Frage ist also noch eine offene. In der ver­gleichenden Anatomie, dem Thierversuche und der klinischen Beobachtung flnden sich viele Stützen für die getrennten Funktionen der Schnecke, der Bogengänge und der otolithen- tragenden Nervenendigungen, aber sie reichen nicht aus zu einer so strengen Scheidung, wie sie Ewald will. Das Organ, das zur Regulirung der eigenen, zur Wahrnehmung der Bewegung des umgebenden VZassers bei Cölenteraten und Fischen dient, scheint ja von vorn­herein dazu geeignet, bei höherer Entwicklung Schall und Ton, die feineren Schwingungen des umgebenden Mediums, wahrzunehmen und dauernd eine Doppelsunktion aus­zuüben, aber die zwingenden Beweise fehlen uns noch.

Bei der Aufmerksamkeit, die man diesen Verhältnissen schenkt, dürfen wir hoffen, daß künftige Untersuchungen bald reifere Früchte zeitigen werden. Mit Genugthuüng dürfen wir hervorheben, daß eine Reihe wichtiger Arbeiten von Mitgliedern unserer Gesellschaft in den letzten Jahren Beiträge zur Lösung der verwickelten Fragen ' ge- liefert haben, die uns in diesen Vorträgen beschäftigten. Herr Edinger und Herr Knoblauch haben zur Kenntniß der zentralen Bahnen des Hörnerven und eines supponirten Centrums für das Mufikverständniß wichtige Beiträge geliefert, Herr Weigert die ausschlag­gebende Methodik der mikroskopischen Untersuchung des zentralen Nervensystems durch fundamentale Entdeckungen bereichert, und Herr Oskar Wolf hat mühe- und verdienst­volle Forschungen über die Wahrnehmung der Sprach- kaute gemacht, die für die Methode der Gehöruntcrsuchiiugen von großer Bedeutung sind. Und die klinische Pathologie des Menschen gerade ist es, von der wir vor Allem Aufklärung erwarten dürfen über unsere Sinucsthätig- keiten, denn der Mensch allein kann dem Menschen seine seelischen Vorgänge mittyeileu. für deren Verständniß uns beim Thicre der wichtigste Leitfaden fehlt.

Anschließend an diesen Vortrag demonstrirte Herr Professor Dr. Reichend ach unter dem Mikroskope eine Anzahl Präparate über den fcincrn Bau des Ohres. Der Vorsitzende dankte Herrn Dr. Bohsen und Herrn Professor Reicheubach für ihre interessanten Mitthcilungen.