Helmholtz läßt sie in der Schnecke empfunden werden. Sie erregen die ganze Membran und. wenn wir eine ge­wisse Tonhöhe dabei empfinden, gewisse dem Eigcnton ent­sprechende Abschnitte vorzüglich.

Mit dieser Theorie steht eine Beobachtung Stcinbrügge's im Gegensatz, der bei einem 45jährigen Kranken Krampf­anfälle beobachtete, die nur durch musikalische Töne aus­gelöst wurden. Geräusche, wie Knall, Straßenlärm, Trommeln konnte der Kranke ruhig hören. Dieser aller- ! dings einzige' Fall ist mit der Helmholtz'schen Theorie nicht vereinbar und würde auf eine besondere Perceptions- stelle für Geräusche im Labyrinth hindeutcn.

Eine kurze Betrachtung verlangt noch das Gebiet der höchsten von uns wahrgenonimeuen Töne. Tyudall erzählt in seinen Vorlesungen über den Schall, wie er mit einem Freunde über die Wengernalp wunderte und ringsum die Wiesen voll Gezirpe der Insekten tönten. Sein Freund hörte nichts davon. Also ein Ausfall für diese höchsten Töne! Ein musikalisches Ohr kann nur

bis zu einer gewissen Höhe die Intervallen fein unter­scheiden. Prcher hat mit hohen Appuu'schen Stimmgabeln Versuche an geübten Musikern gemacht. Die Terz c^'eV (40965120 Schwingungen) wurde bald als Sekunde, bald als Quarte oder Quinte geschätzt. Helmholtz er­klärt diese Erscheinung in folgender Weise: Neben der Schnecke liegt ein weiteres tonwahrnehmendes Organ in den mit Gehörstcinchen. mikroskopisch krystallinischen, an­organischen Gebilden, bedeckten Hörhärchen der häutigen Dor- räunie zum Labyrinth. Die Gehörsteinchen bedingen ein so rasches Abschwingen der bewegten Härchen, daß die Ton­höhe nicht genau stxiri werden kann. Sie find vielleicht die Vermittler der quiekenden, schrillenden und knipsenden Hörempsindungen.

Ein zweiter Vortrag wird die halbzirkelförmigen Kanäle des Labyrinths und deren Funktion behandeln.

Nach einer kurzen Diskussion dankte der Vorsitzende dem Redner für seinen interessanten Vortrag.

Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergischen natnrsorschenden Gesellschaft.

Samstag, den 2. Februar 1895.

Vorsitzender: Herr Major Dr. v. Heyden.

Ausgestellt sind: 2 Büsten erwachsener Gorillas (Mvg- lodytes gorilla Savage), Männchen und Weibchen, ge­schenkt 1864 von dem Anatomen und Bildhauer Paul Zciller in München, ein junges Gorillamännchen, ansgestopft und im Skelett, 5 Gorillaschädel, wovon ein Paar s. Zt. von der jüngst verstorbene» Freifrau Louise v. Rothschild geschenkt worden waren. Besonders schön ist ein ausgestelltes Skelett von einem erwachsenen Gorillamännchen, 1,40 m hoch. Die Erwerbung dieses werthvollen Objektes wurde dadurch ermöglicht, daß Herr A. v. Rein ach einen namhaften Beitrag dazu leistete. Trotz dem lebhafteren Verkehr mit Afrika sind Gorilla­häute und Gorillaskelette immer noch kostbare Gegenstände.

Ein lebender Gorilla kam zum ersten Malc1860nachEuropa, und zwar nach England, das zweite lebende Exemplar brachte Dr. Falkenstein 1876 aus dem äquatorialen West- afrika nach Berlin, wo es im Aquarium längere Zeit das allgemeine Interesse erweckte.

Herr vr. med. K. Vohsen sprach über das ange­kündigte ThemaD i e P ro b l e m e d e s O h r l a b y r i n t h s", indem er an seinen Vortrag vom 12. Januar über das gleiche Thema anknüpfte:

Die Probleme des Ohrlabyrinths.

Nachdem wir die muthmaßlichen Funktionen der Schnecke mit ihren nervösen Endapparaten betrachtet haben, liegt uns heute ob. die Thcile des Labyrinths zu besprechen, deren Funktion eine noch viel dunklere wie die der Schnecke ist, obschon sie, wie diese, Endapparate des gleichen Nerven darstellen. Neben den Endigungen des Hörnerven in der Schnecke bestehen noch solche in den beiden, dem Vorhof eingelagerten Säckchen, dem saooulus und utrioulus, und in den Ampullen, sackartige Erweiterungen, deren jeder Bogengang (auch halbzirkclförmiger Kanal genannt) eine besitzt. Laoeulus und utrioulus enthalten die mit den erwähnten Gehörsteinchen versehenen nervösen End- organe, die Ampullen solche mit freien, langen, haar­artigen Fortsätzen.

Das Verhältnis; des utrioulus mit seinen Bogengängen zur Schnecke zeigt bei höheren Thieren, Fischen, Vögeln, Säugcthieren bis zum Menschen ein allmähliches Zu­nehmen des Volums der Schnecke, die sich aus einem kaum angedentcten Gebilde schließlich zum räumlich mäch­tigsten Theil des Labyrinths entwickelt.

Während die häutigen Säckchen, utrioulus und saooulus, bei Fischen und Vögeln direkt mit einander verbunden sind, haben sie beim Menschen nur eine indirekte Verbindung. Beide stehen mit der soge­nannten Wasserleitung des Vorhofs in Verbindung, welche der in den membranösen Kanälen enthaltenen Flüjsigkeit, der Endolymphe, ein Ausweichen nach einem

beim Menschen in der harten Hirnhaut gelegenen allseitig geschlossenen Säckchen gestattet. Wie diese Endolymphe das Innere der membranösen Gebilde ausfüllt, so um­gibt eine Perilymphe, die mit der Flüssigkeit des Zentral­nervensystems in Verbindung steht, den Raum zwischen den häutigen Gebilden und ihrer knöchernen Umkleidung.

Ein Labyrinth finden wir in der Thierreihe zuerst bei den Fischen, und zwar in Form eines Ringes, wie ihn Retzius in seinem vorzüglichen Werk bei inyxius be­schrieben hat. Hier sind die späteren, in verschiedenen Richtungen angeordneten halbzirkelförmigen Kanäle noch kaum angedeutet. Innerhalb dieses Labyrinthes tritt uns ei» Gebilde entgegen, das uns als Leitfaden dient, die früheren Stufen des später als Gehörorgan aufzu- fassenden Gebildes bei niederen Thieren zu erkennen:Der Otolith."

Plan faßt die ein Steinkonkrement enthaltenden Bläschen bei niederen Thieren, dieses Otolithen, und einer ent­wicklungsgeschichtlichen Eigenthümlichkeit wegen, die wir hier nicht besprechen können, als dem Ohr der höheren Thiere entsprechende Organe auf. Sie finden sich zuerst bei Cölenteraten. Würmern und Mollusken. Unter letzt­genannten hat Ranke eine merkwürdige Beobachtung gemacht, die bisher nicht weiter verfolgt wurde, ktorotraoboa besitzt ein solches Bläschen mit Wimper­zellen. die durch Töne in Bewegung versetzt werden, sich aufrichten und den im Inneren liegenden Otolithen an die eine Nervendigung tragende Stelle der Innenwand andrücken.

In den anderen Klassen ist Aehnliches bisher nie beobachtet und die Lithocysten scheinen hier nur Gleich­gewichtsorgane zu sein. Sie treten in der Randzone es regenschirmartig gestalteten Körpers der Meduse ucope campanulata auf, wo sie schon durch ihre Anordnung ihre Natur als Gleichgewichtsorgane doku- mentiren. Verworn hat bei Cteuophoren, speziell.bei Beroe. Versuche mit Entfernung des Steines aus der Lithocyste angestellt, die unzweideutig für die Gleich­gewichtsfunktion des Organs sprachen. Die Thiere konnten nach Entfernung des Steins ihre früheren Bewegungen nicht mehr vollziehen, bei sonst durchaus erhaltenem Wohlbefinden, das sich in sogar erhöhter Gefräßigkeit anzeigte. Er nannte die Otolithen oder Lithocysten wegen ihrer unzweifelhaften Gleichgewichtsfunktion Statocysten rcsp. Statolithen.

Während bei Fischen diese Otolithen noch mächtige Steine sind, erscheinen sie bei den höheren Säugcthieren und dem Menschen nur noch als krystallinische, mikro­skopische Gebilde als sogenannte Otokonie. Bei Fischen und Vögeln finden sie sich noch in der Dreizahl im utrioulus saooulus und an der Spitze der sich später zur