Wissenschaftliche Sitzmrg der SenckerrbergischöV rratursorscherrderr Gesellschaft.

den 12. Januar 1895.

Samstag,

Der Vorsitzende, Heer Major Dr. v. Heyden, be­grüßt die Versammlung zum neuen Jahre und heißt die Herren, die an dem augenblicklich dahier stattfindcuden französischen Ferienknrsus Theil nehmen und der Ein­ladung zum heutigen Vortrage Folge geleistet haben, herzlich willkommen. Er macht hierauf Mitthcilung von der in der Direktion eiugetretcnen Veränderung. Es hatten statutengemäß auszutretcn der erste Direktor. Herr O b e r I e h r e r ' I. B l n ni, uud der erste Schriftführer,

Herr Dr. ined. A. K n odlauch. An deren Stelle wurden die Herren Vtajvr Dr. L. v. Heyden und H. Alten gewählt. Der Vorsitzende lenkt alsdann die Aufmerksamkeit der Versammlung auf die ausgestellten Naturalien. Herr Al brecht Seih von hier hat zwei Kakaofrüchte von feiner Plantage auf der Insel Tobago (West-Indien) mit- gcbracht und der Gesellschaft geschenkt. Don diesen gurlen- ähnlichen Früchten ist das eine Eremplar unverletzt und das andere von der Schale entblößt in Formol aufbe­wahrt worden. Durch diese Konjervirungemethode sind sowohl die Farbe der Schale, soweit sic noch unverändert war. sowie der weiße. Brei, in den die Samen gebettet sind, und diese selbst wie in ihrem frischen Zustande er- yalten. Herr Seitz hat der Gesellschaft auch eine Anzahl Schlangen von der genannten Insel geschenkt; hierüber wird in einer fvätcrn Sitzung berichtet werden. Von Herrn General-Konsul Ludwig Kopp wurde ein bis etwa zur Größe eines Pnppenkopfes eingetrockneter, hochinteressanter Indian er köpf, ans Ecuador ani obern Amazonas stammend, geschenkt. Bei den Indianern jener Gegend bestand und besteht vielleicht noch der Ge­brauch desKopsschnelleus", d. h. dem besiegkeu Feinde den Kops adzuschneiden. Aus dem abgcfchnittenen Kopfe werden Gebirn und Knochen entfernt und Schädel- und Gestchtshaur mit heißen Steinen oder Sand gefüllt, so daß sie zu dein erwähnten geringen Umfange zusammen-- schrumpsen. Merkwürdig ist die Geschicklichkeit, mit der diese. Indianer eine solche bedeutende Schrumpfung er­zeugen, .ohne daß das Gesicht dabei irgendwie eine Ver­zerrung erleidet. Herr Paul Spatz schenkte 2 Ga­ze l k e n, Antilope doreas Pall. Von Herrn I. M e n g e §, der im vorigen Sonnner einen größern Transport Thiers ans dem Somali-Lande gebracht und im hiesigen Zoologi­schen Garten ausgestellt hatte, stammen folgende Arten:

1 Jagdlcvpard, Pelis guttata Bcbreb., 1 Kudu, Strepsiceros kudu o, 2 Strepsiceros imber* biso unö 9> lOryrgazelle, Oryx beisa Eüpp, cT,

1 Svcmmerrin g'sche Antilope, Antilope Soem» merringi Eüpp., 1 Klippspringer, Tragein- pnus salatricoides Eüpp. q. Diese Thiere sind nieist jüngere Exemplare, die unserer naßkalten Witter­ung nicht laiige Widerstand zu bieten vermochten.

Von der Neuen Zoologischen Gesellschaft dahier wurde ein europäischer Luchs, Felis linx L.,

, gekauft. Der Luchs war im Mittelalter häufig in unfern Wäldern. In diesem Jahrhundert wurden da und dort noch einzelne Exemplare erlegt. Seit etwa zwanzig Jahren j scheint er in Deutschland ganz ausgerottet zu sein.

Der Vorsitzende ertheilt nunmehr Herrn Dr. med.

St. Vohsen das Wort zu seinem angekündigten Vortrage Die Probleme des Ohrlcobyrinths" I. Herr Dr. Vohsen zeigte zunächst einige Photographien von Präparaten, die er der Güte des Herrn D». Katz in Berlin verdankt. Zur Darstellung der Präparate wird das , Felsenbein gehärtet, der Knochen gelöst und die Präparate werden alsdann durchsichtig gemacht, so daß die häutigen Gebilde des Labyrinths anschaulich zu Tage treten.

Wenn wir, beginnt hierauf der Redner, die Sinne nach ihrem Wtrth für die Erhaltung des Lebens, die Be­friedigung der nothwendigsten Anforderungen, die dem lebenden Geschöpfe gestellt werden, betrachten, so wird der Tastsinn zuerst zu nennen sein. Die Orientirung im Raume ist nur durch Daten möglich, die er gibt. Das Auge wird durch ihn erzogen. Die Sinne nach ihrer Selbstständigkeit und Differenzirungssähigkeit geordnet, steht das Gehör an ihrer Spitze. Der Ton bedarf keines

Interpreten, das Ohr versteht ihn ohne Weiteres. Wenn für die Welt des Auges die körperliche Wahrnehmung erst durch den Tastsinn erschlossen werden muß, vollzieht das Ohr ziyar die Projektion in den Raum außer uns nach den Gesetzen unserer Sinnesthätigkeit überhaupt, aber die Quelle der Tonwahrnehmung gibt ihm keinen Schlüssel zum Verständniß der Töne, die vielmehr für sich bestehen und ihm nur das anvertrauen, was es aus ihnen heraus- zuhören versteht. Alle unsere anderen Sinne können ruhen, wenn uns Musik ihre Welt erschließt, zu ihren: Verständniß bedürfen wir nur der Thätigkeit des geheim- rnßvollcn Organs und feiner zentralen Verbindungen. Die Welt der Töne ist aber eine ungeheuer große.

Nach Savart's Untersuchungen hört unser Ohr Töne Von 824,000 Schwingungen in der Sekunde; nach Helmholtz 1638,000 Schwingungen, also gegen 12 ' Oktaven.

In der Musik werden hiervon ca. 7 Oktaven, die Schwingungen von 404000 in der Sekunde benutzt. In der Sprache geht die Höhe des S-Lautes noch etwas Über diese letzte Zahl hinaus.

In der Differenzirung der Qualitäten steht das Ohr höher wie das Auge: Die schnellsten Schwingungen des Lichts im Violett haben nur die doppelte Zahl der langsamsten des Roth, liegen also 1 Oktave auseinander. Das Ohr aber umfaßt in seiner PerceptionsfLhigkeit 11 Oktaven: Der höchste Ton, den es wahrnimmt, hat 2000 Mal so viel Schwingungen, wie der tiefste.

In dieser großen Reihe von Tönen unterscheidet das Ohr noch Unterschiede von so geringer Zeitdauer, daß es beispielsweise die Tonhöhe von 1000 Schwingungen noch gegen die von 1000 */s-Schwingungen abgrcnzen kann. Und die Geschwindigkeit seiner Wahrnehmung ist so groß, daß bei geeigneter Versuchsanordnung nur 2 Schwing­ungen genügen, um als bestimmbare Tonhöhe empfunden M werden.

Ein Organ, das solche Aufgaben löst, auf dessen Funktion das Sprachverständniß und damit die mensch­liche Gesellschaft beruht, hat natürlich von jeher zu den anziehendsten Problenien der naturwissenschaftlichen For­schung gehört. Eingeschlossen in einen festen Knochen, ist aber 'fein Verständniß dem Anatomen sehr schwer gemacht und es bedürfte der hochvervollkommneten Methoden präparatorischer und mikroskopischer Technik, um in die Geheimnisse seines Baues einzudringeu, hoher Ausbildung physiologischer Methoden, um das Verständniß seiner Funktion anzubahnen und nicht zuletzt der physikalischen Forschung, uni den Gegenstand seiner Wahrnehmungen und damit erst die Möglichkeit eines Verständnisses zu erschließen.

Erst im Anfang des 14. Jahrhunderts wurde durch Mondino de Luzzi die Zergliederung menschlicher Leichen gebräuchlich. Er legte aber noch nicht Hand an den Kopf der Leichen. Von ihm ausgehend aber bemühten sich zahl­reiche Forscher, unter denen Valsalva, Vienssens, Boerhaave hervorragten, um die Erkcnntniß der Anatomie des Gehör­organs und fügten physiologische Spekulationen ihrer Untersuchung bei.

Aeußeres Ohr, Gehörgang, Trommelfell und Gehör- ! knöchelchen wurden alsbald beschrieben und im Groben ihre Funktionen erkannt. Diese sogenannten schall­leitenden Theile des Ohres erklärten sich leicht, da sie durchaus mit der Lust in Berührung treten und ihre Schwingungen leiten resp. übertragen können. Der Er­kenntnis des schallwahr nehmenden Apparates aber stand die alte aristotelische Anschauung im Wege, wonach ein Aer implantatus, eine im Körper vorhandene Lust den Schall, den man als bewegte Luft erkannt hatte, im Kopfe wahrnehme. Erst Domenico Cotugno 1760 wies das Vorhandensein einer serösen Flüssigkeit im Labyrinth nach und Antonio Searpa 1789 erkannte die häutigen Gebilde, welche in den Gängen des Labyrinths der serösen Flüssigkeit eingebettet liegen. Run erst konnte die Frage der Funktion der einzelnen Gebilde an fest­begründete anatomische Thatsachen anknüpfen.