Wissenschtrstliche Srijlrrrg der Senckenber gische» »atuv forschenden Gesell schaff

Samstag, 8. Dezember 1894.

Nach Verlesung des Protokolls begrüßt der Vorsitzende, Herr Oberlehrer Blum, mit warmen Worten den Redner, Herrn Prof. Dr. Willy Kükenthal ans Jena, der vor wenig Wochen von der im Auftrag der Gesellschaft auf Kosten der R ü p p e l l st i f t u n g ausgesührtcn Forschungs­reise nachdem malayischen Archipel glücklich heimge­kehrt ist. Boten auch die Umsicht des jungen Forschers, seine auf einer Fahrt in's nördliche Eismeer gesammelten Reiseerfahrungeu, seine kräftige Konstitution, sowie die seitens des Auswärtigen Amtes in Berlin zugesicherte Förderung des Unternehmens durch die Offiziere der australischen und ostasiatischen Station nnd die Empfeh­lungen der holländischen Regierung an den General­gouverneur von Niederländisch-Jndien nach menschlicher Berechnung alle Vorbedingungen für eine erfolgreiche Reise, so empfindet es die Senckenb er gische natur­forschende Gesellschaft doch angesichts der Gefahren der Wildniß und des Klimas, denen der auf unbetretcnen Pfaden vordringende Tropenreisende tagtäglich ausgesetzt ist, dankbar, daß Herr Prof. Kükenthal von seiner Reise gesund und glücklich zurückgekominen ist.

Herr Prof. Kükenthal beginnt nunmehr seinen hoch­interessanten Vortrag. Als ihm die Ehre zu Theil ge­worden sei. mit der von der Gesellschaft geplanten zoologischen Forschungsreise nach dem malayischen Archipel, besonders den Molukken, beauftragt zu werden, habe er geglaubt, seine Ausgabe auf ein kleines Gebiet der Molukken, insbesondere auf die noch wenig erforschte Insel Halm a- </nd lheira beschränken zu sollen, ,Um- neben der Erfüllung der von der Gesellschaft ihm gestellten Aufgabe noch morpho­logische und entwicklungsgeschichtliche Untersuchungen an Ort und Stelle ausführen zu können. Bald habe aber die faunistische, geographische nnd ethnographische Er­forschung des Landes sein Interesse in so hohem Maße in Anspruch genommen und seine ganze Zeit ausgefüllt, daß er das Mikroskop bei Seite gelegt, und sich allein dieser Aufgabe seiner Reise gewidmet habe. Seitdem der englische Zoologe Wal lace den malayischen Archipel bereist hat, sind die Hauptprobleme in thiergeographischer Hinsicht ge- 'ölt; dort vrallen gewissermaßen zwei große Thiergebiete einander, das ostasiatischc nnd das australische. Ob die Grenzen beider Gebiete zwischen Borneo und Celebes, wie Wallace annimmt, oder zwischen Celebes und Halmaheira liegen, ist eine Frage, deren endgültige Lösung der Zukunft Vor­behalten ist, wenn erst die wichtige Insel Celebes hin­reichend erforscht sein wird. Mögen auch Kükenthal's Forschungen bei Beurtheiluug dieser Frage in Betracht kommen, als Hauptergebniß seiner Reise bezeichnet er selbst die Durchforschung der malayischen Insel Halma­heira in Bezug ans die Hanptcharaktere ihrer Fauna, wenn es wohl auch späteren Reisenden noch Vorbehalten sein wird, neue Thierspezies daselbst aufzufinden.

Am 23. Oktober 1893 hat sich Kükenthal in Genua nach Siugapore eiugeschifft, und nachdem der Suezkanal Passirt war, im Rothen Meere seine wissenschaftliche Thätigkeit begonnen, indem er tagtäglich Untersuchungen des filtrirten Meerwassers auf mikroskopisch kleine Organis­men vornahm. Nach kurzem Aufenthalt in Singapore ging die Reise nach Batavia weiter, wo Kükenthal von Sr. Exzellenz dem Generalgouverneur von Nieder­ländisch - Indien auf's liebenswürdigste empfangen wurde. Von Batavia aus besuchte er den weltberühmten, botanischen Garten in Buitenzorg, vielleicht den schönsten' und größten der ganzen Welt, und hielt sich daselbst kurze Zeit auf, theils mit Laboratoriumsarbeiten beschäf­tigt, theils Ausstüge in's Gebirge unternehmend, welche vorwiegend von touristischem Interesse waren. Anfang Dezember 1893 fuhr Kükenthal auf einem Molukken­dampfer von Batavia ab über Mangkassar (Südcelebes), die kleine Insel Ambon und die Banda-Inseln, die Heimath der Muskatnüsse, und erreichte am 2. Weihnachts­tage das erste Ziel seiner Reise, Ternate, eine kleine Stadt auf einer Halmaheira dicht gegenüberliegenden Insel gleichen Namens, welche von Malayeu, Chinesen und, Arabern und etwa einem Dutzend Europäern, auch einige, Frauen darunter, bew.ohnt ist. Dort nahm Kükenthal

i Äohnung im Hause eines alten deutschen Missionars,

! während ihm ein fester Schuppen, hart am Meere gelegen, als zoologisches Laboratorium diente. Im Sammeln ; wurde er durch die eingeborene Jugend Ternate's redlich unterstützt, besonders in Bezug auf die litorale Fauna, indem die Jungen gerne bei Ebbe hin- nn§ auf die Korallenbänke schwammen und ihm Thiere der verschiedensten Art als Beute brachten, für welche sie mit Kupfermünzen belohnt wurden. Jeden Morgen fuhr Kükenthal selbst mit flinken Jungen hinaus ins offene Meer, und da die krystallhelle Klarheit des Wassers eine genaue Beobachtung des farbenprächtigen Meeresgrundes mit seinen Aktinicn, Seesternen, Fischen rc., selbst noch in großen Tiefen ermöglichte, bedurfte es nur eines Wortes an die jugendlichen Begleiter, um sie zum Tauchen in die Tiefe und zum Heraufholen der gewünschten Thiere zu veranlassen. Besonders die auf solche Weise erlangten inächtigeu Korallenblöcke, welche zahllosen Thieren zur Wohnstätte dienen, ergaben die reichste Ausbeute.

In Bezug auf die pelagische Fauna ist Kükenthal über­rascht über die Armuth derselben gegenüber dem Reich­thum des nördlichen Eismeers, zumal es seither als ein Axiom galt, daß die Tropenmeere an pelagischen Formen erheblich reicher seien, als die arktischen Meere.

Zur Konservirung bediente sich Kükenthal meist des AltZhols, verwandte aber besonders für Mceresthicrc das im Kuseum der Gesellschaft zuerst als Konservirunqsmittel bmühte Formol, welches namentlich in Bezug auf die Er­haltung der schillernden Farben bei Fischen zu über­raschend schönen Ergebnissen geführt hat.

Nach Durchforschung der kleinen Insel Ternate selbst und des ternatanischen Meeres fuhr Kükenthal im Januar d. I. auf einem kleinen Dampfer um die Südspihe Halmaheira's herum nach der an der östlichen Halbinsel gelegenen Stadt Patani, wo er von demxostlioncksr" auf's Liebenswürdigste ausgenommen wurde. Mit der Post nach europäischen Begriffen hat ein solcher posthouder nichts zu thnn, denn die Eingeborenen schreiben keine Briefe; es bezeichnet der Name vielmehr den höchsten Beamten auf einem vorgeschobenen Posten, dem letzten Punkt holländischer Zivilisation. Der Posthouder von Patani, ein aus dem Unteroffiziersstand hervorgegangener einfacher Mann, der große Hochachtung vor der Wissenschaft hegte, erwies sich als ein ganz prächtiger Mensch. Er theilte Kükenthal sechs Häuptlingssöhne als ständige Begleiter zu und erließ unverzüglich ein Dekret, wonach im Bereich seiner Herrschaft alle Fallen, womit die Eingeborenen das Wild Hirsche und Schweine zu fangen pflegen, und denen ein mit der Oertlichkeit unbekannter Fremder gar leicht zum Opfer fallen könnte, abgestellt wurden. Wie in Ternate, so zog jetzt die ganze Jugend von Patani zum Sammeln aus und brachte stets reiche Beute.

In Begleitung des Posthouders fuhr Kükenthal nun an der Südküste der Halbinsel entlang nach Wedah, in­dem die Nächte zum Rudern benutzt und die Tage Exkursionen ans Land gewidmet wurden. Mehrfach wurde die Flüsse stromaufwärts gerudert, in mehr und mehr sich verengernde Thäler, zwischen steilen Felswänden hindurch, deren Höhe von mächtigen Palmen besetzt war? Auf einer solchen Fahrt drang Kükenthal, unter dem Widerstreben seiner Begleiter, welche an böse Geister glaubten, in eine etwa 400' hohe, weite Höhle ein, welche durch einen prächtigen Wasserfall abgeschlossen wurde. Eine zweite Exkursion ins Innere, an einen idyllischen See inmitten des tropischen Urwaldes, bot nicht geringeres Interesse.

Die eingeborene Bevölkerung von Halnmhcira besteht zum Theil aus Malayeu, Orang-slam, d. h. Männer des Islam genannt, zum größeren Theil aus Alfuren, einem kräftigen, hochgewachsenen Vokksstamm, dessen Kleidung, das Lendentuch, aus Baumrinde kunstvoll ge­fertigt und 'bunt gefärbt ist. Die Orang-slam haben eine wahre Vorliebe für Gifte allerlei Art und wählen gerne Fremde, um die Wirkung derselben zu erproben. In Wedah selbst ließ der Posthouder, Tag und Nacht seine Hütte und