Nr. 33.

Naturwissenschaftliche Rundschau. 1896.

sich in gemeinfasslicher Weise über die chemischen Vorgänge zu unterrichten wünschen, bestens empfohlen sein. Für eine spätere Auflage sei der Herr Verf. darauf aufmerksam gemacht, dass Huchsin auf der Baumwollfaser nicht mittelst Thonerde, sondern durch Tannin fixirt wird. R. M.

Chr. Gruber: Der Hesselberg am Frankenjura und seine südlichen Vorhöhen. Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, heraus­gegeben von A. Kirchhoff. Band 9, Heft 6. 8°. 80 8., 1 Karte, 5 Illustrationen. (Stuttgart, Engelhorn.) Kein grösseres, umfassendes Stück des heimathlichen Bodens ist es, welches der Verf. uns hier liefert. Nur ein kleines, engbegrenztes Gebiet führt er uns vor, den Hesselberg, einen Vorposten des Frankenjura, der aber vermöge seiner Eigenart wohl ein genügend individuelles Gepräge besitzt, um der Ehre einer gesonderten Be­handlung theilhaftig werden zu können; gehört er doch zu den hervorragendsten Vertretern seines Gleichen. Ge­legen an der Stelle, an welcher der SWNO streichende Schwabenjura umbiegt in den viel nördlicher streichen­den Frankenjura, bildet der Hesselberg einen der gröss­ten Vorberge des Albgebirges. Wie die Küste der Nieder­lande und Deutschlands begleitet wird durch die bekannte Reihe der langgestreckten Nordsee-Inseln, so auch ist dem Rande des Albgebirges eine Reihe vereinzelter Berge vorgelagert. Und wie jene Inseln nichts anderes sind als Reste des Festlandes, welches sich einst über das Wattenmeer hinaus bis zu ihnen ausdehnte, so sind auch diese Berge nur Erosionsreste des Albgebirges, welches sich ehemals bis zu ihnen, und noch viel weiter hinaus, erstreckte. AlsDenudationsberge sind solche Bildun­gen einst von Karl Ritter bezeichnet worden;Rest­berge möchte sie der Verf. genannt wissen. Wie die Alb, so baut sich auch dieser Restberg derselben auf aus Lias, Braun- und Weissjura. Schon ist der Zwischen­raum, welcher den Südrand des Berges von den gleicb- alterigen Schichten am Nordrande der Frankenalb, am Hahnenmann, trennt, 18km breit; und gar 28km sind es bis zu dem Bopfinger Nipf am Schwabenjura. So viel schon haben die Gewässer fortgespült.

Der Hesselberg gehört politisch zu Bayern. Mit Gümbel rechnet ihn der Verf. zum Frankenjura; denn fränkisch, und nicht mehr schwäbisch, ist das Volk, welches ihn umwohnt. Schon 1371 ging das gesammte Land um denselben durch Kauf aus den Händen der Grafen von Truhen dingen über in diejenigen der Burg­grafen von Nürnberg. Von deren Nachkommen, den Ansbachern, fiel es 1792 an Preussen; dann 1806 kam es an Bayern. Noch zeigt ein Stein die Stelle, an welcher 1803 Preussens Herrscherpaar, Friedrich Wilhelm III. und Louise, festlich auf des Berges Gipfel gefeiert wurden; nicht ahnend, welch furchtbares Loos in wenigen Jahren über sie hereinbrechen werde. Dieselbe Stelle war es, von der aus Gustav Adolf 1632 hinausgeschaut hat gen Nördlingen und die Alb.

In sieben Abschnitten giebt der Verf. das geo­graphische Bild des Berges: Literatur, Geschichtliches, Morpho- und Topographie, Quellen und Wasserläufe, Meteorologie; endlich die Bedeutung der Messe, welche auf dem Gipfel alljährlich zu Pfingsten gefeiert wird und nicht weniger als acht Tage dauert. Branco.

A. Brandt: Heber Variationsrichtungen im Thierreich. Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge. Herausgegeben von Virchow und Wattenbach. 54 S., 8. (Hamburg 1895.)

Gegenüber der bedeutenden Rolle, welche dem Zufall in der Darwinschen Entwickelungstheorie ein­geräumt bleibt, vertritt Verf. den Standpunkt, dass be­stimmte im Bau des Organismus ein für allemal begrün­dete Entwickelungsrichtungen vielfach nachweisbar

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seien. Verf. erläutert dies am Beispiel der Amphibien, deren Bau und Entwickelung die Tendenz der Umwand­lung aus Wasserbewohnern in Landbewohner erkennen lassen. Im weiteren Verlaufe sucht derselbe wahrschein­lich zu machen, dass die mit Flughäuten versehenen Säuger auf dem Wege seien, sich in der Richtung der Fledermäuse zu Flatterthieren zu entwickeln, und sieht in den Schmuckfarben vieler männlichen Vögel den Aus­druck eines schnelleren, energischeren Fortschreitens der Männchen in der Richtung der Entwickelung eines reicher gefärbten Federkleides, während die Weibchen in derselben Richtung langsamer nachfolgen. In dem Auftreten hahuenfederiger Hennen, sowie überhaupt im gelegentlichen Auftreten männlicher Charaktere in weiblichen Individuen aller Thierklassen sucht Verf. Belege dafür, dass auch dem weiblichen Geschlecht eine Entwickelungstendenz in gleicher Richtung inne­wohne. Bei der Discussion der Frage eines möglichen späteren Ausgleichs der secundären Geschlechtsunter­schiede dadurch, dass die Weibchen im Laufe der Zeit die Männchen in der Entwickelung gleichsam einholen, streift Verf. auch die sociale Frage nach der Stellung der Frau und folgert aus dem von ihm angenommenen Streben der Natur nach einem Ausgleich der Geschlechts­unterschiede die Nothwendigkeit einer Lösung der Frauenfrage im Sinne unbedingter Gleichstellung der Geschlechter. Indem Verf. weiter darauf hinweist, wie gerade ein Hebermaass in der Entwickelung einzelner Körperorgane den Untergang mancher ausgestorbener Thierformen veranlasste, versucht derselbe die wahr­scheinliche Richtung anzudeuten, in welcher sich die weitere Entwickelung des Menschen bewegen könne, welche in einer Steigerung der Hirnentwickelung unter gleichzeitiger Rückbildung gewisser Theile des Ernäh­rungsapparates bestehen dürfte, schliesslich aber zu einem Punkte gelangen müsse, über den hinaus eine weitere Entwickelung des Gehirns ohne Störung des harmonischen Zusammenwirkens der einzelnen Körper- theile nicht mehr möglich sei. Dieser Zeitpunkt werde für das in der Entwickelung vorauseilende männliche Geschlecht muthmaasslich eher eintreten, als für das weibliche, welch letzteres daher möglicherweise in der letzten Epoche der Menschengeschichte die führende Stellung einnehmen werde. Diese letztere Hypothese sucht Verf. zu stützen durch Hinweis auf die Verhält­nisse bei den Raubvögeln, bei welchen die Männchen nunmehr am Ende der weiteren Steigerung der Kraft ihrer Muskulatur angelangt seien, und aus die zahl­reichen niederen Thiergruppen, bei denen die Weib­chen grösser sind als die Männchen.

Wir sind mit dem Verf. der Meinung, dass auch kühne Hypothesen, sobald sie als solche gekennzeichnet sind, aus populären Darstellungen nicht grundsätzlich auszuschliessen sind, dass auch in einem derartigen, gemeinverständlichen Vortrage eine eingehende Be­gründung nicht überall gegeben werden kann. Was jedoch in der Darstellung des Verf. neu ist, so z. B. vor allem die Lehre von dem allmäligen Ausgleich der Sexualcharaktere, das weicht doch so weit von allen bis­her in der Biologie als wohlbegründet angesehenen An­schauungen ab, dass es namentlich in populären Dar­stellungen nicht als Grundlage socialer Speculationen benutzt werden sollte.

Die Natur lehrt uns allenthalben die Vortheile der Arbeitstheilung würdigen und gerade die Differenziruug der Geschlechter mit welcher, wie für viele Fälle einwandsfrei nachgewiesen wurde, das Auftreten secun- därer Sexualcharaktere untrennbar verbunden ist er­scheint als eine so vorteilhafte Einrichtung, dass es nicht gerechtfertigt erscheint, vereinzelte Fälle, wie die Hahnenfederigkeit oder das gelegentliche Vorkommen von Geweihen bei weiblichen Cerviden als Vorzeichen eines künftigen Ausgleiches dieser Unterschiede anzusehen. Könnte man ja sonst auch das gelegentliche Vorkommen