ich begab mich bald darauf an der Spitze einer Karawanx von Trägern ins Innere. Hier liegt ein großer 6—7 Kilometer breiter Süßwassersce, an dessen Ufern zahlreiche Alfurcndörfer liegen. Mitten unter ihnen leben zwei Missionare, von denen der eine, der in zwölf langen Jahren noch keinen Alfuren bekehrt hatte, gerade in diesen Tagen das Land verließ, um nach Holland zurück- zukehrcn. In feinem Hause, das er mir freundlich zur Benutzung anbot, richtete ich mich ein, und bald gelang es mir, mir meine Nachbarn, die Alfuren, zu Freunden zu machen. Die guten Leute thaten alles Mögliche, um mich zufrieden zu stellen. Bor dem Photographien hatten sie erst große Angst, und meinten sterben zu müssen. Als ich aber den jungen Mädchen unter der Hand sagen ließ, ich „zeichnete" nur die allerschönsten, drängten sie sich massenhaft dazu, und ich habe einige Bilder verfertigen können, von denen ich hoffe, daß sie gelingen werden. In den vier Wochen, die ich hier in vollster Einsamkeit als einziger Europäer verbrachte, habe ich viele angenehme und glückliche Stunden Verlebt. Alles ging gut von dev Hand, früh um sechs Uhr bereits war ich auf dem See,' um Untersuchungen mit dem Müller'schen Netze zu machen^ um acht Uhr rüstete ich mich zur Exkursion, von der ich erst um Mittag, oft auch erst Nachmittags, zurückkehrte, niemals ohne etwas Hübsches gesunden zu haben. Mit meinem vis-a-vis, dem andern Missionar, der auf der andern Seite des Sees wohnte, kam ich bald in ein' freundschaftliches Berhältniß. Der Mann, der schon dreißig Jahre hier lebt und eine kleine Christengemeinde unter den Alfuren gebildet hat, lebt wie ein Patriarch unter seinen Leuten, und erwies sich als ein prächtiger alter Mann, der Alles ausbot, um mir behülflich zu sein.' Um die Fauna des Gebirges kennen zu lernen, beschloß ich einen größeren Ausflug aus die entfernteren Berges des Innern, die sich nordöstlich Vom See in langen, Von Nord nach Süd streichenden Ketten hinziehen, zu machen. Mit 7 Alfuren begab ich mich auf den Weg. Meinen Diener ließ ich zur Bewachung des Hauses zurück.
Nachdem ich den See durchkreuzt hatte, kamen wir an eine mit hohem Gras bestandene Ebene, die wir durchqueren mußten. Darauf folgte leichthügeliges Terrain mit kleinen Seen und Buschwald, dann kamen wir an einen breiten, reißenden Fluß. Wir fuhren auf einem' Bambusfloß hinüber und gingen nun im Flußbett eines wilden Bergstromes ein paar Stunden lang aufwärts. Gegen 1 Uhr standen wir am Fuße des steilen Gebirges, dessen höchsten Gipfel wir nach Vierstündigem harten Steigen erreichten. Mein Barometer zeigte eine Höhe des Berges auf 2200 Fuß, so daß die Meereshöhe 2500—3000 betragen wird.
_ Oben richteten wir uns, so gut es ging, ein, zimmerten eine kleine Hütte, machten Feuer an und reinigten uns zunächst Von den Blutegeln, die massenhaft an uns herumschmarotzte». Den Alfuren verursachte deren Biß und' der Blutverlust sichtliche Erschöpfung, während ich nichts davon bemerkte, trotzdem auch ich dicht von den Thieren bedeckt war. Die Nacht war bitter kalt, Regenschauer zerstörten unser Dach von den Palmblättern, 'und das Liegen auf den rauhen Baumstämmen, die wir als Lagerstätte zusammengelegt hatten, war recht unerquicklich. Länger wie zwei Minuten konnte ich nicht auf einer Stelle liegen, und ich war daher recht froh, als das Tageslicht mich von der qualvollen Nacht erlöste.
Der ganze nächste Tag bis zum späten Abend wurde zum Sammeln benützt, und ich erhielt nianches Interessante.
Man ist in den Tropen bald an den Lärm gewöhnt, der mit Einbruch der Dunkelheit eintritt und der im Wesentlichen von Cicaden verübt wird; ein solcher Spektakel war mir aber noch nicht vorgekommen, wie hier auf dem Berge. Er rührte von einer'riesigen Cicade her, von der es mir glückte 3 Exemplare zu sängen. Es war ein Lärm, als ob aus hundert Dampfrohren gleichzeitig der Dampf entströmte.
Die zweite Nacht war noch unerquicklicher als die erste; eiii heftiges Fieber schüttelte mich und wich erst gegen Morgen. Den nächsten Tag stiegen wir ab und erreichten nach zehnstündigem Marsche die'See.
. In den nächsten beiden Wochen, die auf den Ausflug i» die Berge folgten, lebte ich in gewohnter Weise weiter.
Als sehr wichtig muß ich die Erwerbung von 4 Atfuren- schädeln bezeichnen. Den Alfuren sind die Tobten heilig, sie schleppen ihre Reste, wenn sie wegziehen.. mit sich, und um keinen Preis würden sie sich von einem Anverwandten trennen. Geld bieten nützt nichts, sondern beleidigt die Leute. Wegrauben kann man die Schädel auch nicht, dagegen sträubt sich mein Gefühl; so war es denn ein glücklicher Zufall, der einen Christenalfuren einen verlassenen Kampong im Walde auffinden ließ, in dem 4 Schädel entdeckt wurden. Bei Nacht und Nebel wurden sie mir, sorgfältig in eine Kiste versteckt, gebracht, und ich führte sie ebenso geheim nach Ternate mit.
Inzwischen hatten sich in Tabello blutige Händel ereignet, zwei Leute waren ermordet worden, und es drohte im Allgemeinen Aufstand. Die Galelaresen fingen an, unruhig zu werden, der Posthalter schickte nach Ternate und wenige Tage darauf erschien der Regierungsdampfer mit dem Residenten. Der Aufstand war mittlerweile unterdrückt worden, und der Resident machte eine weitere Inspektionsreise nach Kau. Es war gerade an dem Tage, den 2L April, an dem ich abreisen wollte. Meine Prau, ein kleines Ding mit 7 Rudern, lag fertig im Wasser, und ich zog es vor, mit ihr zurückzukehren und den Dampfer nicht zu benutzen, wie es mir angeboten war. Am 25. früh stachen wir in See, und damit beginnt eine höchst abenteuerliche Fahrt um die Nordspitze von Halmahera herum. Das erste Geschehniß bestand darin, daß die Prau bei ganz ruhigem Wetter beinahe gekentert wäre. Sie mußte von Neuem umgeladen werden, da die Jungen das schwere Gepäck oben verstaut hatten und außerdem den Ballast vergessen hatten. Wir ruderten und segelten meist bei Nacht, während ich Tags vor Anker und auf die Berge ging.
Ein weiteres Begebniß war die Begegnung mit einer Python. Es war bei einer Bergbesteigung, die ich mit einem Alfuren ausführte; Letzterer sprang plötzlich erschreckt zurück, uud vor ihm erhob sich der mächtige Kopf einer Riesenschlange. Fast im selben Augenblick schoß ich das Thier durch den Hals, wodurch es hülflos gelähmt wurde. Es maß etwa 4 Meter, war noch ein junges Thier, aber doch schon von einer ungeheuren Kraft. Mit vieler Mühe brachten wir die Beute abwärts.
Als wir das Nordkap Halmoheras glücklich umfahren hatten, bekamen wir starken Gegenwind. Entsetzlich reißende Strömungen gesellten sich dazu, und nur hart an der Küste entlang rudernd, kamen wir vorwärts. Nach sechs Tagen befanden wir uns in der Region der riesigen Vulkane ; doch konnten wir nicht landen, der mächtigen Brandung wegen. Die Höhe des höchsten Berges, des Gam Kanorra, wird auf 5000 Meter angegeben, indessen glaube ich, daß diese Ziffer zu hoch gegriffen ist. Immerhin bietet der steil aus dem Meere steigende Kegel einen gewaltigen Anblick. Etwas südlich davon glückte es mir, an Land zu kommen und den südlich von Gam Kanorra gelegenen Vulkan wenigstens ein Stück hinauf zu ersteigen. Leider waren meine Füße durch Wunden so erschöpft, daß ich nicht daran denken konnte, bis zum Gipfel eines dieser Riesen zu gelangen, und außerdem ging mein Proviant zu Ende. Ich hatte mich schon ein paar Wochen lang mit dem Fleisch der abgebalgten Vögel ernährt, so daß ich ernsthaft an die Heimreise denken mußte. Wir segelten deshalb am neunten Tage unserer Abreise von Galela quer übers Meer nach Ternate zu, halten unterwegs einen Sturm, der uns drohte umzuwerfen, weshalb wir Mast, Segelstangen und alles bewegliche Holz über Bord werfen mußten, um uns zu halten, und kamen am 2. Mai Nachmittags in Ternate an. — Welche Wohlthat nach 7 Wochen in einem Bette schlafen zu können!
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Herr Dr. I. HflBechhold hielt nunmehr den ange- kündigten Vortrag: Naturwissenschaftliche und technische Beobachtungen auf einer Reise in Schweden und Norwegen.