Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergischen uaturforschenden Gesellschaft.
Samstag, den 6. Januar 1894.
-Der Vorsitzende» Herr Oberlehrer Blum, begrüßte die Versammlung zünt neuen Jahre und machte Mittheilung von den Veränderungen in der Direktion der Gesellschaft. Es hatten auszutreten die Herren Sanitätsrath Dr. H. Mn und W. Winter; an deren Stelle wurden gewählt die Herren- Dr,' med. I. P. Wirsing und Dr. Aug. Jassoy. Der Vorsitzende lenkte nunmehr die Aufmerksam-» keit der Versammlung auf die zahlreichen, ausgestellten- Säugethiere und Vögel, die aber nur einen kleinen Theil der Zuwendungen und. Erlverbungen bilden, womit das Mnse.:m im vetfl-.j.'-.u-'u ^ahr. öereich-'t wurde. Die -Henker sind: die Neue Zoologische Gesellschaft, die Herren Franz Fabricius, Vgl. Hammeran, Major Dr, Heyden-,- J.-Chr. Romeisen, Prof. Dr. M. Schmidt, «chrhardt a. d. Gehspitz, .Baron v. Erlanger in Jngel- I mt, Konsul v. Moellendorff in Manila, Dr. Radde in Tiflis, Kammerdiener Huth, Majc v. Guaita, Rudolf Henrich, Dr. W. Schauf, Jaquet, F. Derlam, l ebert Metzger und S. A. Scheidet. Besonders hervor- c hoben unter' den ausgestMen Thieren mögen werden d schönen. Papageien des. Herrn Bruno Strubell nebst. jt neu, die käuflich erworben Wörden sind. Man kennt i n Ganzen etwa 500 Papageiarten; davon besitzt das ? mseum ungefähr die Hälfte. Die Kusto/en der Gesell- s aft sind bemüht, diese Vogelfamilie möglichst zu vervoll- f mdigen. Der prächtige, männliche Hirsch wurde von Herrn '! )reae-Grumbach im Taunus erlegte und den Rehbock s «nfte Herr Oberförster HkÜerich in Mitteldick. Jnter- e'sant sind die 2 zusammeugewachsenen Feldhäschen, die der Güte des Herrn Dir. Conr. Binding zu verdanken sind/ und reizend nehmen sich die von Herrn F. Simon erworbenen jungen Eichhörnchen im Neste^sowie das Nest mit der Hühnerhabichtmutter und ihren 4 Jungen aus. Die große Trappe, von Herrn Schreinermeister I. Kraut n Isenburg geschenkt, wurde von ihm auf Jsenburger ielb an einem Waldsaume geschossen. Dieser Vogel, läufig in Südrußland und auf den weiten Ebenen Un» ;arns, wird bei uns selten beobachtet. Schließlich wies er Vorsitzende auf die schöne Wildkatze, eine Jagdbeute es Herrn I. Köllreuter, hin und gedachte der vortreff- ichen Präparation der Thiere durch die-beiden Kustoden, >e Herren Adam und August Koch.
He,. Oberlehrer Blum sprach hierauf über das Formol als Konservirungsflüssigkeit". In ■ :n letzten zwei Jahren war der Vortragende bemüht, ie geeignetere Konservirungsflüssigkeit für botanische id zoologische Gegenstände ausfindig zu machen/als sie is der Alkohol bietet. Nach vielen Versuchen mit den rschiedensten Flüssigkeiten, die aber zu keinem günstigen roebniß fitk'-ten, verwandte er Gelalinlösimgen, die mit einigen Tropfen Fvrmaldehyd steril erhalten wurden. Manche Präparate hielten sich recht schön;, allein auch diese Konservirungsflüssigkeit mußte wegen der schwierigen Herstellung be§ Materials, der Unbrauchbarkeit der Objekte zu Demonstrationszwecken und andern liebelständen fallen gelaffen werden.
An diesem Punkte waren die Versuche angelangt, als von dem Sohne des Vortragenden, dem Ör. med. F. Stunt, die inzwischen veröffentlichte Beobachtung gemacht wurde, daß dem.Formald'ehyd neben seiner antiseptischen Wirkung auch die merkwürdige Eigenschaft zukomme. in wässeriger Verdünnung dieGewebe zu Härten, ohne dabei ihre' mikroskopische Struktur und Färbbarkeit zu zerstören^ und, ohne eine neunenswerthe Schrumpfung zu' verursachen. Damit war selbstverständlich für den Redner die Veranlassung gegeben, die wässerigen Lösungen auch für seine Zwecke zu erproben.
Formaldehyd ist ein Oxydationsprodukt des Methylalkohols von der Formel H6Ü0; durch weitere Oxydation geht der Formaldehyd in Ameisensäure über. Die 40prozentige Lösung, ist diejenige Flüssigkeit, die von ^ Farbwerken vormals Meister, Lucius und Brüning in Höchst unter dem Namen Formol in den Handel kommt und lD n !}? ^ em VMragenden zu den Versuchen zur Verfügung gestellt war. Das Formol ist eine klare, schwach opali-
sirende, neutrale oder ganz schwach saure Flüssigkeit von stechendem Geruch. Bei den Versuchen wurde die 10fach verdünnte Flüssigkeit, zuweilen aber auch die 20- und 40fach verdünnte verwandt und in dieser Verdünnung wird der stechende Geruch gemildert. Redner zeigte nunmehr an histologischen Präparaten unter dem Mikroskope, an einem Kalbshirn, sowie an kleinen Säugethieren (Mäusen), Reptilien, Batrachiern, Fischen, Schnecken und ferner an Pflanzen (Blumen und Früchten) die hervorragenden Eigenschaften des Formols zu Konservixungs- zwecken. Die mikroskopischen Präparate zeigten sehr schön die Zell- und Kernstruktur. Fast alle Thiere waren in Form und Farbe wohl erhalten, auch die Pupille erwies sich unverändert und nur die Linse war schwach getrübt. Da der Schleim, den viele Thiere absondern, in Formol nicht gefällt wird, so verändern sich Fische und vermuthlich alle Nacktschnecken» nach einer vorliegenden Ackerschnecke zu urtheilen, in Färbung und Zeichnung nur wenig. Noch auffallender erweisen sich die Vorzüge des Formols bei den Pflanzen. Eine Sonnenblume und eine Passionsblume, schon längere Zeit in der Flüssigkeit aufbewahrt, sahen aus, als wären sie eben abgeschnitten worden und in gleicher Weise eine ^Anzahl Früchte. Chlorophill wird von Formol nicht aus- . gezogen und wenig verändert. Es ist klar, daß die ge- > eignetsten Konzentrationen für die einzelnen Thiere und E Pflanzen ausprobirt werden müssen; mitunter wird ein ! totel geringerer Prozentsatz Formol zweckmäßig sein, als bis jetzt angewandt wurde.
Als wesentliche Vorzüge des Formols vor deni Alkohol haben sich bis jetzt ergeben: Formol härtet die Objekte, ohne sie schrumpfen zu machen, das Mucin schleimabsondernder Thiere bleibt durchsichtig, und Formol erhält die Farbe besser als Alkohol. Ferner ist Formol nicht feuergefährlich, und dadurch, daß es in stark verdünntem Zustande angewandt wird, ist es wohlfeiler im Preise als Alkohol.
Alsdann sprach Herr D. F. He/emann über die ! afrikanische Flußmuschel-Gattung Aetherha j unter Vorlage der Exemplare- aus der Sammlung des ! Museums und der höchst merkwürdigen Stücke, welche bei ! Gelegenheit der Expedition Pechuel-Lösche an den Kongo- , fäUen gesammelt und Herrn Dr. Simroth in Leipzig zur j Beschreibung überlassen worden waren. Die Arbeit Sim- - roth's über die Kongomuscheln wird demnächst in den j Abhandlungen der Gesellschaft erscheinen und der Vortragende referirt über das Wesentliche der Ergebnisse.
’ Er bespricht zuerst kurz die Geschichte und die geographische Verbreitung der Gattung Aetheria, ihre noch I schwankende Stellung im System und die Schwierigkeit der Artbestimmung in Folge der außerordentlichen Veränderlichkeit der Formen. Er geht sodann zu den Muscheln der Kongofälle über, die in letzterer Beziehung ungewöhnliches Interesse in Anspruch nehmen. Die Form wird von Simroth mit dem Namen Meteromorpha belegt und von ihr zwei völlig von einander verschiedene Mutationen beschrieben. Die eine sitzt in Bänken festgewachsen auf dem Flußbett, die andere hängt links und rechts an den von dem Fluß durchströmten Felswänden. Jene, mit flacher u. .r Schale, hat die obere gewölbte Schale mit aus Schalensubstanz bestehenden Röhren - besetzt, deren Entstehung beschrieben und die zur Bezeichnung mutatio tubulifera benutzt wurden, während die andere diese Röhren nicht hat, und ihre untere schwalbennestförmige Hälfte daher mutatio nidus hirundinis, mit der flachen oberen Hälfte verschließt.
Diese große Verschiedenheit der Ausprägung wird von Simroth in geistreicher Weise durch die veränderten Lebensbedingungen erklärt. Die Form tubulikera fliegt innerhalb der stark mit Sedimenten versetzten Wasserschichten, kann — um die dem Thiere nöthige Nahrung aus dem Wasser zu nehmen — ihre Schalen nicht öffnen, sondern bildet mit dem Mantelrande am Schalenrande Röhren, die über die Sedimente hinaus- Mgen und die Nahrung durch ihre feine Oeffnung einlassen. Bei fortgesetztem Wachsthum werden die Röhren verlassen, mit Schalensubstanz verschlossen und eine neue