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Wissenschaftliche Sitzung der Senckenbergischen natursorschenden Gesellschaft.

Frankfurt a. M., den 21. Oktober.

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Der Vorsitzende, Herr Oberlehrer Blum, begrüßte die Versammlung zu dem Wiederbeginne der wissenschaftlichen Sitzungen und berichtet hierauf über das Reise-Stipendium der Rüppell-Stiftung. Herr Professor Willy Kükenthal aus Jena, dem dieses Stipendium zuerkannt worden ist, wird seine Seereise übermorgen, am 23. Oktober, von Genua aus auf dem ReichspostdampferOldenburg" an- treten und sich direkt nach Singapore und Batavia be­geben. Rach einem kurzen Aufenthalte auf Java, der hauptsächlich dem botanischen Garten in Buiteuzorg und dem Feuerberge Gedeh gewidmet sein wird, gedenkt der Reisende sich seinem Ziele, der kleinen molukkischen Insel Ternate, zuzuwenden, um von hier aus die benachbarte, noch wenig bekannte Insel Halmahera zu durchforschen.

Da Herr Prof. Kükenthal bedeutende wissenschaftliche Leistungen aufzuweisen und durch seine Reisen nach Spitz­bergen und in das Eismeer viele Erfahrungen gesammelt hat und Strapazen zu ertragen gewöhnt ist, überdies durch Vermittlung Ihrer kgl. Hoheit der Frau Erb-Groß- herzogin von Sachsen-Weimar ihm ein Empfehlungs­schreiben des holländischen Kolonialministers an den nieder­ländisch-indischen Generalgouverneur ausgestellt wurde, so sind nach menschlicher Berechnung alle Vorbedingungen für eine glückliche, erfolgreiche Forschungsreise gegeben.

Ferner theilt der Vorsitzende mit, daß Herr Dr. F. Kinkelin mit dem zu vergebenden v. Reinach-Preis für eine geologische Arbeit, die ein Gebiet unserer engern, Heimath behandelt, auf Vorschlag einer Kommission von der Direktion mit einein Preise gekrönt worden ist und zwar, für die AbhandlungAltes und Neues aus der Geologie unserer Landschaft" im Bericht über die Senckenb. naturf? Gesellschaft 1892. Diese Arbeit enthält die wesentlichen Resultate der Forschungen, die Herr Dr. Kinkelin in dem umfangreichen WerkeDie Tertiär- und Diluvial-Bild- ungen des Untermainthales, der Wetterau und des Süd­abhanges des Taunus. Mit 2 geologischen Ucbersichts- karten und 12 Abbildungen im Text" niedergelegt hat.

Herr Professor Dr. H. Reichenbach hielt nunmehr seinen angekündigten Vortrag: Ameisen st udien im Frankfurter Wald.

In der Einleitung bespricht Redner die Grundzüge des ( Baues, die systematische Stellung und die nachembryonale Entwickelung der Ameisen mit kurzen Bemerkungen über ihr Zusammenleben in Kolonien, ihre Bauten, ihre Er­nährung und Brutpflege.

Der erste Thcil des Vortrages behandelte seine Be­obachtungen an Nestern des Frankfurter Waldes, die er seit Juli dieses Jahres angestellt hat. Die betreffenden Arten, etwa 18, werden sowohl aufgesteckt, als auch in Spiritus, mit ihren Eiern, Entwickclungsstadien und Gästen nach einer einfachen neuen Methode präparirt, vorgezeigt; auch eine Reihe mikroskopischer Präparate liegen vor.

Von den beobachteten Arten ist besonders die Amazonen­ameise (Polyergus rufep^*# Latr.) bemerkenswerth. Hier wurde sie noch nicht gesehen. In den 50er Jahren beobachtete sie Kirschbaum bei Mombach, auch bei Soden wurde sie einmal gesehen. Das Nest befindet

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sich in der Nähe bcS Grafenbruchs. Von selteneren Arten Wurde noch Ä örmica exsecta und pressilabris Nylliii je einer Kolonie nachgewiescn. Von den ge­schilderten Bauten verdient eine Kolonie der rothen Waldameise bei Schwanheim in einer Eiche Erwähnung; die Thicre haben da in einer Höhe von mehreren Metern große Steine an den Vorsprüngen des Stammes zu Wällen aufgehäuft; hinter diesen Wällen liegen dann Vlattreste, Blüthenstände. Holzstücke u. a. So sind eine Anzahl Verandas geschaffen, wo die Puppen der Ameisen in die Sonne gelegt werden können; Abends und bei schlechtem Wetter werden sie rasch in die Wohnräume im Stamme zurückgebracht. Dann schildert Redner die malerischen Bauten der rothen Waldameisen an den Baumstrünken in der Nähe des Goldsteins, die Holzbauten der schwarzen Holzameise (Paoius kuliginosus) bei Schwanheim, die ans Sand und Mörtel aufgcführten kunstvollen Schlösser der kleinen schwarzbraunen Ameise (Lasius niger) am Grafenbruch, die mit Gallerien, Tunnels, Viadukten und weithin sich erstreckenden Landstraßen und Feldwegen ver­sehen sind. Auf den über */a Meter hohen Sand-Bauten hat sich eine reizende Vegetation von kleinen Farnen, Moosen, Flechten, Gräsern u. a. entwickelt, die als hoch­gelegene Parkanlagen dienen. Im zweiten Theil schildert

Dr. Neichenbach die am 5. August, Abends 5 Uhr, von ihm und einem Freunde beobachtete Sklavenjagd der rothen Amazone auf die in der Nähe wohnende gran­schwarze Waldameise j^formica fusca L.) am Grafenbruch und zeigt die präparirten Belegstücke zu diesem merkwürdigen Ereigniß vor: Amazonen-Arbeitcr 1nou8 a non lucendo denn sie arbeiten gar nicht, wenn man nicht das Puppen­stehlen eine Arbeit nennen will), knooa-Herren und Sklaven und geraubte Larven und Puppen.

Im dritten Theil wirft Redner die Frage auf, wie man die Sklavenhalterei mancher Ameiscnarten verstehen soll, und wie sich dieser sonderbare Instinkt hat ent­wickeln können. Behufs Erörterung dieser Frage bespricht er die übrigen Formen des Zusammenlebens von Ameisen verschiedener Arten, zusammengesetzte Nester, Diebsameijen, Gastameisen und die übrigen Sklaven haltenden Arten nach Wasmanns Werk: Die zusammengesetzten Nester und gemischten Kolonien der Ameisen. Münster 1891.

Zum Schluß erörtert er die Theorie dieser Erschein­ungen. Hier stehen sich zwei Ansichten schroff gegenüber. Nach der einen liegen ausschließlich reine Jnstinkthand- lungen vor ohne wirkliche Einsicht (Intelligenz); nach der anderen Meinung sind beide Momente wirksam. Je nach­dem man sich für die eine oder die andere Theorie entscheidet, wird in der Regel auch die Antwort auf die Frage aus- fallen, ob und wie sich diese verschiedenen Formen des Zusammenlebens im Laufe der Zeit entwickelt haben. Jedenfalls sind dies sehr schwierige Probleme, und was vor allem dem echten Naturforscher nöthig erscheint, sind ^ nicht mehr oder weniger geistreiche und phantasievolle Hypothesen, auch nicht mittelalterliche Axiome, sondern weiter zu beobachtende Thatsachen, die den Weg zur Wahrheit langsam aber sicher ebnen werden.