Gshelmrat Gustav Adolf Spieß, I80L 1875 gemalt von Dorbsrt Echrödl

Archiv: Frankfurter Bolksblart

aber nicht auf den Gedanken, für den Raum das gesamte Collegium, das aus etwa 12 Ärzten bestand, in der Art der holländischen Anatomiebilder malen zu lassen. In Holland, vorzüglich in Amsterdam und Leyden, bestand diese Gewohnheit seit dem 16. Jahrhundert. Am berühm­testen sind die beiden Anatomiebilder Rembrandts geworden, welche die Aerzte als Lehrende und Lernende, gleichsam auch in die Ausübung ihres Handwerks vorführen. Durch ihren Bestim­mungsort wurden in Frankfurt die Einzelporträts als Bildnisse von Aerzten gekennzeichnet. Aber herausgerissen aus ihrem Milieu sind nur wenig Anhaltspunkte vorhanden, in ihnen gerade diesen Stand zu erkennen. Am häufigsten wird noch bei den Bildnissen des 17. Jahrhunderts durch irgend einen attributiven Gegenstand der Beruf des Dargestellten zum Ausdruck gebracht, aber bei den späteren Bildnissen fallen diese Hilfsmittel ganz fort. Der Beschauer der Aus­stellung ist darauf angewiesen, physiognomische Studien bei diesen bürgerlich gekleideten und aus­sehenden Männern zu treiben. Er wird sich fragen, ob es möglich ist unbefangen in ihnen wirklich den Beruf zu erkennen. Die Frage bleibe hier unbeantwortet. Sicher ist, daß wir in

den meisten Fällen außerordentlich intelligente und charaktervolle Köpfe vor uns haben, und daß

die Beschäftigung mit den Persönlichkeiten unser besonderes Augenmerk verlangt, ein stärkeres als die Beschäftigung mit den rein künstlerischen Problemen. Da häufig zwei, einige Male sogar drei Aerztegenerationen einer Familie auf der Ausstellung vorhanden sind, ergeben sich außer der Frage nach dem Stand auch Probleme der Generation. Das einzigartige Zustandekommen dieser Bildnissammlung bedingt eine besondere Einstellung des Besuchers. Sie wird dadurch erleichtert, daß das von Senckenberg begonnene Werk durch die Zeiten hindurch lebendig in die Gegenwart hineingetragen worden ist. Unter den lebenden Aerzten, die wir kennen und die unser Wohl betreuen, finden wir öfters die Söhne und Enkel derjenigen wieder, deren Wesen auf die Lein­wand gebannt, aus der Ferne her an uns sich wendet und uns mahnt, in allem Werdenden, das

von Krankheit und Tod umlauert ist, das Unvergängliche zu schauen.

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