bedachte er die herrschenden Patrizier, deren Übermut in kei­nem Verhältnis zu ihren geistigen Fähigkeiten und praktischen Leistungen stand; aber auch für den selbstbewußten Stolz des seif made man, der aus niederem Stande sich emporgearbeitet hatte, wie Goethes väterlicher Großvater, der Weidenhofwirt, fehlte ihm das Verständnis; ebenso wenig hat er sich in der Bewertung der politischen Emanzipationsbestrebungen der nicht- gleichberechtigten Einwohner, der Reformierten, Katholiken und Juden, über das Durchschnittsmaß seiner Zeit- und Bildungs­genossen erhoben; von der Verwaltung seines Instituts hat er die Katholiken und Juden, von der Aufnahme in sein Kranken­haus die Juden ausgeschlossen und damit durchaus in den An­schauungen seiner Zeit gehandelt.

Bei seinen Mitbürgern war Senckenberg geachtet, aber nicht beliebt; man bespöttelte seine Eigenheiten, man fürchtete seine scharfe Zunge. Wenn er wirklich so gesprochen hat, wie er schrieb, dann haben die Zeitgenossen mit Recht seinen bit- tern Spott gescheut. Zur kritischen Veranlagung, zur freudlosen Jugend kamen noch üble Erfahrungen, kam auch der Schmerz über seinen jüngeren Bruder Erasmus: wenn er auch im Grund seines Herzens dessen Kampf gegen patrizische Mißwirtschaft gebilligt haben mag, so mußte er doch seine skrupellose Kampfes­weise und besonders sein liederliches Leben verabscheuen. In seinen täglichen Aufzeichnungen hat Senckenberg der Verbitte­rung und der Verachtung vieler seiner Mitmenschen freiesten Lauf gelassen und somit eine unglaubliche Chronique scandaleuse des Frankfurt aus Goethes Jugendzeit zusammengeschrieben; eine Reihe von Moment- und Stimmungsbildern, die gar er­götzlich zu lesen, aber nur mit vorsichtigster Kritik zu ver­werten sind. Ihre erfreulichste Seite ist entschieden der stach- liclie Witz und Humor, der alle Blätter durchweht; ihn lassen ja auch so manche der Bestimmungen erkennen, die er bis in geringfügige Einzelheiten für seine Stiftung niederschrieb; wir finden ihn sogar auf dem Stock in seinem Schlafzimmer, in den er die Inschrift eingegraben hatte: Instrumentum pacis domesticae.

Sein äußerer Mensch ist uns allen aus der Schilderung Goethes bekannt:Er war immer sehr nett gekleidet, und man sah ihn nie anders auf der Straße als in Schuh und Strümpfen und einer wohlgepuderten Lockenperücke, den Hut unterm Arm;