8
wollen sie zurecht kommen, müssen sie sich von den PfaSen zu Gott bekehren und ihre Glückseligkeit in sich selbst suchen, den lebendigen Gott ohne Kirchengötzen anbeten.“ Oder auch: „Man zankt um den Glauben, der nicht Gottes Glauben, sondern ein Pfaffengedichte ist .... ist der Glaube gut und Gotteswerk, so ist er nie ohne Liebe, welche ist basis christianismi“. In solchen und noch schärferen Wendungen bekämpfte er die Autorität der Geistlichkeit und der herrschenden Kirche.
In Senckenbergs Tagebüchern liegt seine wissenschaftliche und seine seelische Entwickelung offen vor uns: wir lernen an dieser Aussprache der innersten Gedanken vor sich selbst das Suchen der Zeit, das Ringen nach Ausbildung der Persönlichkeit, nach einer Weltanschauung kennen an einem hochgebildeten, im besten Sinne human denkenden Manne, der innerlich vereinsamt die öffentliche Betätigung scheute und als Eigen- brödler seine besonderen Wege wandelte. Sie haben ihn, der für keine Angehörigen zu sorgen hatte — seine drei Frauen und zwei Kinder sind vor ihm gestorben — man möchte sagen mit Notwendigkeit zu seiner Stiftung geführt: klar erkannte er die Mängel der ärztlichen Bildung seiner Zeit und die Notwendigkeit, ihnen im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt abzuhelfen; den Willen zum Helfen aber schuf ihm seine religiöse, humane Gesinnung und die Mittel der glänzende Erfolg seiner ärztlichen Praxis; an ihm hat sich das alte Wort als wahr erwiesen: dat Galenus opes.
Es darf nicht verschwiegen werden, daß dem lichten Bilde des Mannes auch reichliche Schatten nicht fehlten. Die scharfe kritische Betrachtung seiner Zeit und seiner Zeitgenossen hat ihn oft zu ungerechten Urteilen geführt: die Duldsamkeit gegen andere Ansichten war nicht seine starke Seite, und seinen Feinden war er ein ehrlicher, dauerhafter Hasser. Besonders verdächtig waren ihm Leute in hoher amtlicher Stellung, und leicht war er geneigt, wenn ihm ihr Verhalten nicht gefiel, unlautere Beweggründe zu suchen. Männer wie Goethes mütterlichen Großvater, den Stadtschultheißen Textor, konnte er nicht verstehen, wenn sie nicht mit fester Hand, sondern schwankend und sich windend zwischen den Anforderungen der politischen Mächte das Staatsschiff lenkten; rasch war er bei der Hand, ihnen Verrat und Bestechung vorzuwerfen. Mit ätzendem Spotte