* Wiesbaden. 6. März.

Ein großes rheinisches, nicht um jeden Preis natio­nal liberales, aber wie fast sämmtliche altpr ußischen Preßorgane partikularistisch-borussisches Blatt schließt eine Betrachtung, überschnellenEröffnung des Reichstags", mit folgender Sentimentalität:So mag denn der Reichs­tag im Schatten des Friedens an die Fortsetzung seiner am 20. Juni v. I. abgebrochenen Arbeiten yerantreten mit jener Zuversicht, welche ein Rückblick auf das Ge- deihen der Früchte seiner früheren Arbeiten ihm einflößl. Nicht im Fluge, mit der Schnelle des Ge­dankens, kann er fein Ziel, den deutschen National staat, zu erreichen hoffen; aber im Hinblicke auf seine zweijährige Vergangenheit und auf seinen Stand in der Gegenwart kann er sich an dem Worte des Dichters er- muthigen:

Liegt dir gestern klar und offen,

Wirkst du heute kräftig, frei

Darfst du auf ein Morgen hoffen,

Das nicht minder glücklich sei."

Die MahnungNicht im Fluge, mit der Schnelle des Gedankens" läßt sich, so unendlich bescheiden sie klingt, hinnehmen, wie aber die Feder des Artikel-Verfassers das Mortfrei" zu Stande bringen konnte, das ist in der That nicht wenig räthselhaft.

DieKreuzzeitung" droht denNational- Liberalen", falls sie entschiedene Opposition im Reichs­tage machen würden, mit der Auflösung. Sie hätte sich diese Drohung ersparen können, denn entschlossene Oppo­sition werden die National-Liberalen unter keinen Um­ständen machen, und wenn es geschähe, würde Graf Bis­marck nicht auflösen, weil die Wahlen jetzt unbedingt nicht conservativer, sondern liberaler ausfallen würden, als 1867.

Wir theilen in der Beil, den durch den Telegraphen berichteten Wortlaut der Ansprache mit, welche der neue Unionspräsident Grant zu seinem Amtsantritt gehalten hat. Die knappe Kürze des Ausdrucks, eeren sich Grant besieißigt, sticht vortheilhaft von der schwülstigen Rede­weise Johnsons ab, während der Charakter offener Ehrlichkeit, welchen die Antrittsrede Grant's zur Schau tragt, sie günstig von der gewundenen Inhalt­losigkeit europäischer Thronreden, wie man sie so häufig findet, vortheilhaft unterscheidet. Am Klarsten und Er­freulichsten lauten die Worte des Präsidenten, die sich auf die Staatsschuld der Vereinigten Staaten und auf die Tilgung derselben beziehen. Zurückweisung jedes Repudationsgedankens, Zahlung jeder Regierungsschuld in Gold, wenn nichts Anderes contrahirt worden, bald- möglichste Rückkehr zur Metallwährung, und als Mittel, dies Alles zu erreichen, ehrliche Erhebung der Steuern, strenge Rechenschastsablegung an das Schatzamt und größtmöglichste Einschränkung der Ausgaben das sind die Punkte, die in Europa am Angenehmsten berühren werden. Die besondere Erwähnung es Veto des Präsidenten sucht ihre Veranlassung in dem Miß­brauch, den der Amtsvorgänger Grant's mit diesem letz­ten constitutionellen Auskunftsmitteln getrieben hat.

Die offiziösePatrie" bestätigt, daß die fran­zösische Regierung das belgische Cabinet aufgefor­dert hat, mit ihr in Unterhandlung zu treten, um zu einer Lösung der Eisenbahnsrage zu gelangen. Das belgische Cabinet habe diesen Vorschlag angenom­men, jed och unt er dem Vorbehalte, die Punkte festzusetzen,

über welche man zu verhandeln habe. Seit dieser Zeit haben, laut derPatrie", die Verhandlungen, welche blos mündlich stattgefunden, keinen Schritt vorwärts gemacht. Da keine Lösung zu erhalten gewesen, so sei Herr v. Lagueronniere nach Paris gekommen, um sich mit seiner Regierung zu benehmen.

Der ^-Corresp. derKöln. Zeitung" schreibt jedoch zur Erläuterung: Was die französischen Blätter gestern und heute wieder über belgisch-französische Verhandlungen wegen der Eisenbahn-Angelegenheiten melden, dürfte sich auf die von der französischen Regierung unterstützten An­strengungen der betheiligten Gesellschaften beschränken, über welche Ihnen vorgestern von hier aus mit dem Hinzufügen geschrieben wurde, daß dieselben schwerlich Erfolg haben werden.

DerPatrie" schreibt man aus Athen, daß das Ministerium Zaimis für die neuen Kammern einev Gesetzentwurf, betreffend die Reorganisation der helleni­schen Armee, vorbereite. Rach bekanntem Muster soll eine Reserve hergestellt und dafür das Effektiv der stän­digen Armee herabgesetzt werden. Die griechische Armee würde demnach in Friedenszeiten 5000 (statt der bis­herigen 8000) Mann und in Kriegszeiten 40,000 M. stark sein.

Der Frankfurter Recefi und der Nas- sauifche Oeceß.

Der Stadt Frankfurt ist durch eben abgeschlossenen Vertrag in der Auseinandersetzung mit dem preußischen Staat der Summe nach Dasjenige geworden, was ihre Körperschaften verlangt haben. Allerdings zum Theil auf einem Umwege: der Staat gibt 2 Millionen, Se. Majestät der König, sei es direct oder indirect, die dritte Million, welche ausdrücklich als einGnadengeschenk" bezeichnet wird. Ob die Frankfurter Bürgerschaft gegen­über dem von ihr auf Grund des Gutachtens eines der namhaftesten Staatsrechtslehrer seither conscquent fest- gehaltenen Rechtsstandpunkte den Ausgleich gutheißen wird oder gutheißen soll, darüber vermögen wir kein Urtheil abzugeben. Die Ausgleichssumme ist offerirt, und man braucht also blos zuzugreifen. Die pessimistische Insi­nuation insbesondere, als ob die Rathgeber der Krone zu diesem Auskunftsmittel in Erwartung der Nichtannahme des offerirten Geschenkes gerathen hätten, kann bei einem so wichtigen Staatsacte ebenso wenig zu einer ernstlichen Betrachtung Raum geben, als die anderweite hin und wieder gehörte Unterstellung, daß diese Art und Weise der Erledigung lediglich politische Gründe zur Un­terlage habe, daß man so gewissermaßen eine Probe ma­chen wolle auf die Loyalität der ehemals freien Reichs­bürger, sie zu ewigem Stillschweigen verurtheilt wissen wolle. Wie nimmt es sich für den affektlosen Beobachter aus, wenn Blätter wie dieKölnische Zeitung" (in ihrer heutigen Wochenschau) bei Besprechung über die Receß- affaire sich äußern wie folgt:Das Ministerium hatte erklärt, zwei Millionen Gulden wären das Aeußerste, was der Staat hergeben dürfe; die Vertreter der Stadt hatten sich damit zufrieden erklärt, als die Hetzer in Frankfurt eine Volksversammlung beriefen und decretir- ten:Nicht unter drei Millionen!" und dann im Weiteren dieHetzer in Frankfurt" mitdenEhren^

neunenFrankfurt's Schreier und Quäcker (?)" beehrt, diebald im Trockenen sitzen, wie die Frösche in einem drainirten Sumpfe (!) *)."

DerKönigliche Gnadenakt" wird in den Himmel erhoben und Diejenigen, die doch zugestandenermaßen die alleinige Ursache waren, daß Frankfurt die dritte Million bekommt, in den Sumpf ab- und zur Ruhe verwiesen!

Genug also vom Receß diesem Receß, den die Demagogen", denFrankfurts Schreier und Quäcker", Frösche und andere Reptilien denn doch ganz entge» gen sogar dem Ausspruch des Krönsyndikats zu Wege gebracht haben.

Was haben wir in Nassau unterdessen erreicht durch unsere Deputationen, durch unterthänigste Bücklinge und Petitionen, durch unsereLoyalität"?

Wer kann es bestreiten., daß unter allen Provinzen gerade unserem gehorsamsten und loyalsten Nassau das Meiste genommen, daß uns das Wenigste gegeben, daß unsere werthvollsten Institutionen am Wenigsten geschont wurden; daß wir dagegen mehr als alle Andere mir altpreußischen, auf unsere Verhältnisse nicht passenden, uns unliebsamen und wiederstrebenden Ein­richtungen gesegnet wurden? Daß die finanziellen Kräfte und sogar die unerläßlichen Bedingungen unserer wirth- schaftlicken Fortentwicklung großeutheils dahin sind und daß der Rest auch bald dahin gehen wird?

Wer hat nun besser gethan, die FraükfurterDe­magogen" oder die unterwürfigen und loyalen Nas­sauer? Uud wer sieht es jetzt noch nicht ein, daß man in Preußen ganz anders auftreten, sein Recht ganz anders betonen muß, um Erfolg zu erreichen, als wie es Nassau gethan, einschließlich seiner ruhmreichen Führer von ehedem!

Deutschland.

* Wiesbaden, 7. März. Die mehr erwähnte Petition der Anwälte des Avpellationsgerichtsbezirks Wiesbaden, deren entschiedener Ton gegen sonstige große und kleine Aktionen in gesammtstaatlichem wie partikularem Interesse in erfreulicher Weise absticht, lautet wie folgt:

Wir haben, wie allbekannt, durch Einführung der auf unsere Verhältnisse und Rechtsentwickelung vielfach nicht pas­senden preußischen Gesetzgebung über die Gerichts- und An­walts-Kosten und deren uns ungünstige Interpretation bis­her fortwährend gelitten, ohne durch das Notariat, welches von dieser Gesetzgebung doch vorausgesetzt wird, wie die An­wälte in den alten Provinzen, entschädigt zu sein. Der eben, wie wir heute aus der Presse ersehen, vor das hohe Haus gebrachte neue Gesetzesentwurf über die Vergütung der Reisekosten der Rechtsanwälte in den neuen Provinzen, dessen plötzliche Vorlage jede öffentliche Discussion abschneidet, schä­digt die Existenz-Fähigkeit des Standes, wenigstens in dem Appellations-Gerichtsbezirk Wiesbaden neuerdings wieder in einer Weise, daß wir uns zu dieser dringenden Petition an das hohe Haus genöthigt sehen.

Sind wir bereits durch die Nichtverleihung des Notariats viel schlechter gestellt, wie die Collegen in den alten und fast allen neuen Provinzen, so sollen wir nun in dem. was noch geblieben war, nochmals und zwar unter das Maaß der den besoldeten subalternen Staatsdienecn bewilligten Reisekosten und der den Naffauischen Anwälten schon vor 46 Jahren (1822) zugebilligten Vergütungen herabgesetzt werden.

*) Daß mit diesemSumpfe" das nach bekanntem Aus­spruch nicht blos in Kirchen- und Schulsachen, sondern in jedem Zweige der Staatsverwaltung einem Sumpfe glei­chende Nassau gemeint ist, nehmen wir nicht an.