* Wiesbaden, 4. August.

Die Uebersicht der Tagesereignisse müssen wir heute dem geneigten Leser selbst überlassen. Frankreich wird das Wichtigste bieten. Eine Säbeloffaire fehlt natürlich nicht (s. Marburg). In Spanien noch alles im Unklaren. Aber aus Aegypten eine wichtige Nach­richt: Der Erbprinz, Mechmed Tefwik Pascha acht Jahre alt, ist zumMinister des Innern" ernannt, jedoch Ragheb Pascha, der dieses Amt vor zwei Jahren versehen, ihm zur Seite gestellt.

Die finanzielle Calamktät,

in welche das Land Nassau durch seine Vereinigung mit dem preußischen Staate gestürzt worden ist, erfor­dert einer zusammenfassenden Darstellung, damit es be­griffen werde, d. h. von Denen begriffen werde, die es nicht schon aus eigenem Wissen und Nachdenken erkennen, daß unser einst reiches und blühendes Ländchen unter den neuen Verhältnissen unaufhaltsam seinem wirthschaft- lichen Ruin entgegengeht.

Von unserer Hundert-Millionen-Domäne wird uns voraussichtlich (und selbst das ist noch nicht festgestellt, da zum Staunen unserer ganzen Bevölkerung über das Schicksal des so und so vereinbarten communalständischen Werkes noch immer Nichts verlautet) nicht mehr übrig bleiben, als ein dürftiges Pour-boire, welches den Er­heischungen und Anforderungen gegenüber nicht einmal für den Augenblick, geschweige für später ausreicht,

Dieser ehemals ausschließliche Bestandtheil unserer Provinz ist also fort auf Nimmerwiedersehen!

Kommt dann das Communalvermögen. In Alt­preußen besitzen die Gemeinden als solche so zu sagen kein Vermögen. In diesem kleinen Ländchen (Nassau), 84 Quadratmeilen haltend, hat eine gute Gesetzgebung und Verwaltung ein Gesammtvermögen der 900 bis 1000 Gemeinden des Landes im Werthe von zweihun­dert Millionen Gulden ausgespeichert.

An diesen Vermögensbestand ist die Axt gelegt; daß es überall mit Absicht geschehen, wollen wir nicht und dürften wir (im Falle des Wollens) nicht sagen aber die Axt ist daran gelegt, mehrfach und tiefeinschneidend.

Zahllose Lasten, die früher bei unendlich billigerer Staatsverwaltung der Fiscus trug, wurden nach und nach den Gemeinden aufgehalst. Unsere Landstände verweigerten der nassauischen Regierung jahrelang hartnäckig ein paar Tausend Gulden zur Renovation eines Militärhospitals in Weilburg. Es kommen die Preußen man spricht von Verlegung der Garnison und die Stadt Weilburg erklärt sich zu weit mehr bereit, als was früher der nassauische Staat nicht leisten konnte. Wie in dem einen Beispiel, so ging's in un­zähligen Fällen. Ein Regierungscommissar kommt in die ärmste Gegend des Landes, er verlangt von der Ge­meindevertretung des Amtsortes die unentgeldliche Be­schaffung aller der dikasteriellen Räumlichkeiten, welche die preußische Vielschreiberei (siehe: Bureaukratie, Sub­alternwesen , Controle, Mißtrauen u. s. w.) nöthig macht unter der Ankündigung, daß ansonst der Gerichts- sitz in ein am äußersten Endpunkte des Amtsbezirks be- legenes, der Gräfin N-L-W. gehöriges Schloß verlegt werde! So in Wiesbaden mit dem Pferdestall (80,000), so an der Lahn, so auf dem Westerwald, am Taunus

und am Rhein. Ein großes Verdienst wülde sich in unseren Augen ein Statistiker erwerben, welcher sich die Mühe nähme, diese Entnahmen aus Gemeindemit­teln zu Staatszwccken zusammenzustellen.

Das Gem eindeverm ög en (wir sind und bleiben noch eine Zeit lang an Punkt Zwei) hat weiter empfind­liche Schädigung und Minderung erlitten durch die Ein­führung der preußischen Medizinalorganisation. Immens sind die Summen, welche nunmehr unter Beibehaltung, ja Erhöhung der früheren Taxen vorab von den Gemeinden bezahlt werden müs­sen , um einen Doktor in näherer oder nächster Nähe zu haben.

Die Gemeinden zahlten zu Nassauischer Zeit im höchsten Fall drei sogenannte Steueriimpla (d. h. nach dem gesetzlich adoptirten Verhältniß der letzten Jahre Nassauischen Regiments ungefähr zwei Dritttheile der Staatssteuern). Jetzt ist das Ende unbegrenzt; die Gemeinden müssen bezahlen, soviel sie und Andere für nöthig, gut oder geboten halten.

Die ärgste Schädigung aber, welche dem zu Freude undErgötzlichkeit" jetziger oder einstiger Erben so hoch angewachsenen Communalvermögen beigcbracht werden konnte, ist die Beseitigung der obersten Centralbehörde, der Rechnungskammcr, welche ebenwohl dem ersten Sturm und Drang deutsch-preußischen Einigungsbedürf­nisses zum Opfer fiel. Ein Institut (gleich manchen andern namentlich der gleich zu erwähnenden Landes- bank) so angepaßt auf unsere Verhältnisse, wie es nicht besser zu wünschen. Wir sind gewiß nicht Freunde staatlicher Bevormundung in Dingen, wo sie entbehr­lich ist; aber hier ist die Oberaufsicht unbedingt nöthig das bedarf für verständige Nassauer keines Beweises.

Wie's die neuen Herren des Landes ansehen, wissen wir nicht; wir können uns deßhalb nur an Thatsachen halten. Und da ist uns außer von leeren Versprechun­gen in offiziösen Organen und offiziösen Vorschlägen zur Ordnung der Angelegenheit ohne Intervention des Staates (durch freie Vereinigung der Gemeinden zu gegenseitiger Beaufsichtigung einer Controle, was uns natürlich lebhaft an das Geschäft der Berliner Eckensteher erinnern muß, die per Compagnie ein Füßchen Branntwein acquiriren und verwerthen resp. consumiren) bis jetzt nichts kund geworden. So geht's mit Dingen, die man nicht kennt.Der Bauer ißt sie nicht" aber der Staat sollte doch das Beste, zumal wenn es für ihn von Vortheil ist, zu wählen wissen!

Nun zum Schlimmsten, wenn auch keineswegs zum letzten, zur Nassauischen Land es bank dem Institute, das dem gesummten wirthschaftlichen Le­ben unseres LandesPulse lieh". (Schluß folgt.)

Ei.i Capitel vom Eäbel.

Unter dieser Aufschrift macht dieNeue Fr. Presse" folgende Bemerkungen:

Wenn nicht schon ein Hausknecht, ein Schuhmacher, ein Eisenbahn-Beamter ihr armes Leben lassen müssen, sondern nur ein Bursche einen Hieb über den Kopf oder ein Mädchen einen Stich in die Wade erhält, so geht man mit verbissenem Aerger flüchtig über die alte Ge-