Indignation. Die Presse wußte den englischen Vertrag mcht schwarz genug zu brandmarken. Sogar die zahme zweite Kammer in Darmstadt erklärte am 16. Dezember 1832 in ihrer Adresse:die öffentliche Meinung werde das Bestreben einzelner kleiner Staaten und Städte, durch Eingehung enger Vertragsverhältnisse mit nichtdcutschen Staaten zu Gunsten ihrer Sonderzwecke, namentlich ihrer lokalen Speditions- und Kommissions-Interessen, ein wohlbegründetes deutsches Zoll- und Handels-System zu untergraben, nach ihrem wahren Werthe zu beurtheilen und zu vereiteln wissen." Der Frank­furter Senat, welcher noch im Jahre 1833 in dem Umschiffen des Anschlusses an Preußen und an den Zollverein und in dem englischen Vertrageine neue Bürgschaft Englands für die politische Selbstständigkeit" des souveränen Staates Frank­furt zu finden glaubte, wurde schon im Oktober 1831 bestürmt mit einer Monstre-Petition der Bürgerschaft um rascheste Bewirkung des Beitritts zum Zollverein. Man war sehr schlau gewesen. Aber man hatte sich in seinen eigenen Schlingen gefangen, in denen eines kurzsichtigen und irratio­nellen Egoismus, welcher durchgrohdeutsche" Velleitäien und Idiosynkrasien irregeführt wurde. Im November reisten Bevollmächtigte gen Berlin. Nachdem sie aber bis Leipzig gekommen waren, wozu man, beiläufig bemerkt, damals noch im Eilwagen 15 Stunden brauchte, kehrten sie wieder um. Ob sie dort auf ein österreichisches Veto stießen, ob es ihnen ging, wie dem Peter in der Fremde:

Und wär' der Kreuzweg nicht gekommen,

Dann wär' ich jetzt, wer weiß, wie weit";

das war bis jetzt nicht zu erfahren, wird aber wohl jetzt bald aufgeklärt werden, da nun die Frankfurter Archive in preußi­scher Hand sind.

Im Dezember 1835 wurde das erste Hinderniß des An­schlusses beseitigt, nämlich der englische Vertrag. Das be­fische Ministerium gab Frankfurt eben so großmüthig als be­reitwillig frei von dem Rest der zehn Jahre, auf welchen die für beide Theile ziemlich wirkungslos gebliebene Konvention abgeschlossen war. DieTimes" goß die salzigste Lauge ihres Spottes aus über die englischen Urheber dieses alber­nen Vertrags. Sie erklärte es für unbegreiflich, wie ein englisches Ministerium einen S ch i f f a h r t s - Vertrag abschließen könne mit einer Binnenstadt von nicht 60,000 Einwohnern, selbst auf die Gefahr hin, es mit dem bis an die See rei­chenden Zollverein von 24,009,000 Einwohnern zu verderben; damit habe sich das Ministerium geradezulächerlich gemacht."

Erst am 2. Januar 1836 erreichte Frankfurt den Anschluß, um welchen es nun lange fuppliciren mußte, während er ihm früher auf dem Präsentirteller angeboten war, und zwar trat es ein unter proportionell weit ungünstigeren Bedin­gungen, als die Staaten, welche 1833 und früher beigetreten

waren. Die Geschichte der 'sibyllinischen Bücher wiederholte sich im Kleinen.

Allein mit dem Eintritt!in den Zollverein gab Frankfurt im Uebrigen keineswegs seine wirthschaftliche Absonderungs- Politik auf. Es konservirte auf das Sorgfältigste seinen kolossalen Zunftzopf bis 1663. Die Folge war, daß die Gewerbe Zurückblieben. So wurde z. B. vor einigen Jabren festgcstellt, daß von sämmtlichen Schuhen und Stiefeln, welche daö Pflaster von Frankfurt treten,, nur ein Viertel von den Franksartcr zunftgerechten Schustern gemacht, die übrigen drei Viertel aber imvortirt waren, von den unge­prüften Schuhmachern in Mainz, Ossenbach und andern Nachbarstädten, welche sich eines höheren Grades der wirth- schaftlichcn Freiheit erfreuen. Auch die Einführung der Ge­werbefreiheit hat hieran nichts Wesentliches geändert, weil man an den Beschränkungen der Zugfrciheit und des Nieder­lassungsrechtes festhält. Frankfurt snpplizirt gegenwärtig bei der preußischen Regierung um eine große Reihe von Sub­ventionen und Wohlthaten, uneiugedenk der Worte in Aug. Wilh. Schlegel'sPygmalion":

Suchst Du Rettung außer Dir vergebens!

In Dir fließt die Quelle reichen Lebens.

Frankfurt kann und muß die größte Wohlthat sich selber erweisen, dadurch, daß es nicht blos kleinstaatlich-österreichi- fcher Geldmarkt bleibt, sondern sich neben dem Handel mit Kredit und Geld auch auf den Handel mit Maaren, auf Gewerbe und Industrie wirft; daß cs den Köhlerglauben aufgicbt, es könne nicht mehr exisfiren, wenn fernerhin nickt mehr M. A. Rothschild die Bundestagsfonds zu einem billi­gen Zinsfuß genießt; daß es endlich seine ganze wirtb- sckaftliche Absperrungspolitik aufgiebt und seine Thore dem Zuzuge für alle Welt (nicht etwa blos für ostbemeldete österreichische Literaten) weit öffnet. Hättees das früher gethan, dann wäre es bei der außerordentlich günstigen Lage, j unweit der Mündung des Hauptnebenflusses des Rheins, an dem Knotenpunkt des Völkerverkehrs, längst eine blühende L>tadt von einer Viertelmillion seßhafter Einwohner, wäh­rend es jetzt, in Folge seiner verkehrten Wirthschaftspolitik, auf 37,000 Seelen einheimischer d. h. in Frankfurt hei- mathberecktigter Bevölkerung, 39,000 Seelen Fremdlinge, welcke sich dort nurauf Permission" aufhalten, zählt, so daß in der That numerisch die Heimathberechtigten in der Minorität sind, und die in der Majorität befindlichenPer« missionisten" stets geneigt und bereit sind, die Stadt, welche ihnen das Heimathsrecht und den Aufenthalt weigert und an die sie durch keinerlei Bande des Interesses oder der Sym­pathie gefesselt sind, zu verlassen, wenn derselben eine Kon­tribution, eine (Lteuerüberbürdung oder eine sonstige Kala­mität drohte. Im gegenwärtigen Augenblicke noch würden, wenn Frankfurt seine Stadtthore öffnete, wenn es seine Nie-

derlaflungsgesetze re/ormirte, wenn es dieselben Grundsätze hin­sichtlich der Zugfreiheit adoptirte, durch welche Berlin, Bres­lau, Köln groß und reich geworden lind, alsbald die Klagen verstummen, welche über das Lecrsteheu und die Entwerihung der Häuser, über die Kreditlosigkeit des städtischen Grund­besitzes u. s. w. erhoben werden. Es würden sich Käufer und Miethrr und folglich auch wieder Kapitalisten finden, welche auf Häuser-Hypothek leihen. Aber die Reform muß vorausgehen. Erst muß man einsehen, daß man selber kein Ganzes mehr bilden kann und daher alle Ursache hat, sich als williges Glied dem Ganzen anzuschließcn, wozu man gehört. Erst wenn dies geschehen, erst wenn der Jsolirungs- Politik der definitive Abschied gegeben ist, dann wird Frank­furt alle die Anziehungskraft ausüben, welche feine reizende und vorthellhafte Lage, seine reichen wissenschaftlichen und Kunstschätze seine gemeinnützigen und philanthropischen In­stitute, seine Schul« und Gemeindeanstalten, sein Wohlstand und sein korporatives Leben latent in sich tragen.

Alles begreifen heißt Alles entschuldigen" sagt irgendwo Madame von Stael-Holstein. Wer die Vergangenheit Frank­furts kennt, das wohl eine nicht unrühmliche soziale, wirth- schasfiiche, kommunale, korporative Geschichte hat, aber keine politische Geschichte lyenn es hat stets eine separatistische, centrifugale, und geradezu antistaatliche Richtung befolgt), der wird begreifen und wohl auch entschuldigen, daß es ihm schwer wird,die Kehr' zu kriegen", wie man das in Frank­furt nennt. Aber wenn er es wobt meint mit dieser freund­lichen alten Frankenstadt, dann wird er nicht müde werden, ihr so hart und so scharf vor den Kopf zu sagen, daß es Zeit, daß es die höchste Zeit ist,die Kehr' zu kriegen", und sich nicht abermals, im Zustande des Ver­drusses, der Verbissenheit, des Schmollen?, oder einer weibi'ch- elegischeu Trauerweidenstimmung, durch falsche oder verkehrte Rathgrber 1867 in eine ähnliche Sackgasse hineinreiten!zu lassen, wie 1832 durch den aus Borussophobie abgeschlossenen Englifch- Francofurtischen Zollbund. Hat doch Frankfurt unseres Wissens während der Zollvereins - Krisis von 186264 bereits eine völlig korrekte preuhenfreundliche Handelspolitik eingehalten. Warum also in der Politik noch schmollen, wenn man in der Handelspolitik schon lange versöhnt ist. Auch hierzwei Seelen in einer Brust"? ....

Doch, das Wohlwollen für Frankfurt, vielleicht auch ick gestehe es der Aerger darüber, daß es beharrlich fort­fährt, seine Aufgabe zu verkennen, hat mich so weit fortge» rissen, daß ich meine Parallele schier vergesien habe. Kehren wir deshalb zu Venedig zurück.

Ich erinnere an meinen Vergleich der antiken Städte mit denjenigen des deutschen Mittelalters. Letztere hatten stets etwas spießbürgerlich Banausisches, etwas Antistaatliches an sich. Erstere lebten in der Politik und von der