Politik und hatten von Haus aus die Richtung, sich! zu einem Staate auszubilden, auch selbst dann, wenn^ sie vorzugsweise Handelsplätze waren, zum Beispiel' die Städte der jonischen Inseln. Der letzteren, der antiken Richtung folgten, abweichend von den deutschen, verschiedene italienische Städte, wie z. B. Genua und vor allen Venedig. Letzteres erhob sich von einer Pfahlbaulen- Stätte zu einer Stadt und von einer Stadt zu einem Staate ersten Ranges; und als es 1866 über sich zu entscheiden hatte, da verfuhr es nach dem entgegengesetzten Geschmack, wie Frankfurt. Es verschmähte die behäbige Sonderstellung des ftädtifchen Partikularismus und ordnete sich mit Eifer und Bereitwilligkeit der Nation und der Politik unter; es unterwarf sich einer Dynastie, die zu einer Zeit, da die „bella Venezia“ schon weithin über Länder und Meere im Osten und Westen gebot, nur erst über ein Paar arme Ziegenhirtcn und Marmotter,.Fänger, in einem unwirth- lichen Gebirge regierte. Nicht nur die italienischen Geschichtsschreiber Tentori, Quadri und Romanin erzählen von Venedigs Ruhm und Grobe, sondern die Literatur aller civilisirten Völker des Erdenrundes, ein Daru unter den Franzosen, ein Heinrich Leo und Leopold Ranke unter den Deutschen; und wenn man die Geschichte Frankfurts neben die Venedigs stellt, so gleicht jene einem behäbigen Hauszwerg in Schlafrock und Pantoffeln, diese eineu grobem gekrönten Herrscher der Meere.
In Venedig ging der Mensch im Staatsbürger aus, die Gesellschaft im Staat. Diese Stadt liegt nach Leos Vergleich gleich einem riesigen Schiff in den Lagunen vor Anker, San Marco's Platz die große, die Piazetta die kleine Kajüte, der Campanile der Mast, die Riva de' chiavoni das Verdeck, und wie ein Schiff ist diese Stadt regiert worden von einer konsequenten, harten, klugen, ungemüthlichen Aristokratie, die kein anderes Ziel vor Augen hatte, als die Gröbe und den Ruhm ihrer Stadt, und die wußte, daß auf dem Schiffe eine eiserne Mannszucht unentbehrlich ist. Diese von Hause aus hochpolitische Stadt wurde ein grober Staat. Sie eroberte nicht nur Theile von Italien, sondern auch Kandia und andere griechische Inseln, Konstantinopel (1202 unter Enrico Dandolo), Morea, Korfu, Dalmatien, Zstirien, sie vermittelte zwischen Orftnt und Oceident und beherrschte beide.
Durch den Frieden, von Campoformio verfiel fie der Fremdherrschaft Oesterreichs.
Kaum hatte das Jahr 1848 Italien zu neuem nationalen Leben aufgerufen, so erhob sich auch wieder die Republik von San Mastes, den Diktator Daniels Manin ander Svitze. Als in Italien die nationale Erhebung bereits nre- dergeworfen, als die Schlacht von Novara geschlagen, die Abdankung des Carlo Albefto erfolgt, als Pio Nono und Re Franzosen in Rom eingezogen waren, da wehrte sich immer
noch der Löwe von San Marco. Maiin hoffte auf Preußen und auf Ungarn. Unterhändler gingH zwischen ihm und Kossuth hin und her. Unterdessen wurte das FortMalghera der Art beschossen, daß am 26. Mai 1849 die Venezianer den Schutthaufen räumen mußten. Der nordwestliche Theil der Stadt wurde mehr als drei Wochen lang mit einem ununterbrochenen Eiseubagel überschüttet. Dazu kam die Hungersnoth und die Cholera. Allein die stolze Königin der Meere harrte aus. Erst am 22. August 1849 kapitulirte Manin, nachdem vierzehn Tage vorher Görgev sich und sein Heer den Russen übergeben hatte und der letzte Hoffnungsschimmer geschwunden war.
Danielo Manin, welcher von der bei, der Kapitulation gewährten Amnestie ausgeschlossen war, ging nach Paris in's Exil. Während er dort, jede Beihülfe verschmähend, durch harte Arbeit, durch Privatunterricht, seine und seiner Familie Existenz und Unabhängigkeit sicher stellte, sann er unermüdlich nach, wie seinem aus tausend Wunden blutenden theuren Vaterlande zu helfen sek. Und er fand, daß u und Mazzini auf falschem Wege gewesen seien, und daß nur durch die Pforte der Einheit zur Wiederherstellung oer Nation zu gelangen fei. Er, der stolze und starre Republikaner, der ruhmvolle Diktator nnd Vertheidiger Venedigs, hatte Selbstüberwindung genug, seinen Jrrthum zu bekennen und vom Exil aus seine Landsleute mit den beredtesten, Worten zu beschwören, sie möchten das Ideal der,Republik aufgeben und sich den realen Gewa-ten, dem Königreich Sardinien und dem König Viktor Emanuel anschließen, denn nur auf diesem Wege gelange die Nation zur Einheit.
Manin starb in der Verbannung^ Er erlebte nicht einmal das Jahr 1859, das zum großen Theile sein Werk war. Ec glich der Fackel, die den Weg durch die Finstermß gezeigt hatte und die erlosch, als der Tag zu dämmern begann. Aber seine Lehren waren nicht verloren gegangen, namentlich auch nicht für seine Vaterstadt Venedig, die sich 1866 gegen die „Republik von San Marco" und für die „Italia una“ erklärt hat.
Werden unsere Landsleute in Frankfurt es übel nehmen, wenn ich sie bitte, sich Trost zu holen in Venedig, und etwa eine Parallele zu ziehen zwischen dcm Diktator Manin und dem Senator Bernus?
, Aber freilich, die Leser in Berlin oder sonstwo werdcn mich fragen: Wer ist Bernus? Nun, die Frankfurter wissen cs, und den Andern wollen wir es sagen.
Herr, Bernus stammt aus einer Hugenotten-Familie, welche ihres Glaubens wegen den Süden Frankreichs verließ nnd in Deutschland ein Asyl suchte nnd
fand. Sie ließ _ sich in Frankfurt nieder und ge
langte dort zu Ansehen und Wohlstand. Ihr gegenv tiger Chef zeichnete sich aus durch eine enragirt „grotz-
deutsche" Gesinnung und eine gute Küche. Ec wurde von dem Kaiser von Oesterreich zum Freiherrn gemacht. Sein Haus war das Centrum der österreichischen Partei. Dort war es, wo der würtembergische Minister Varnbüler, der Wäter,, bevor er gesiegt, batte, unkluger Weise sein verfrühtes Vae, vielte erschallen ließ, zur Zeit der Generalversammlung des inzwischen entschlafenen „großdeutschen Reform-Vereins" die Parole: „Lieber französisch, als preußisch" (i. e. Deutsch) wiederholte, die , schon früher aus einem noch weit höherem Munde in Schwaben „erflossen" und in dem „Wür- temb-rger Staats-Anzeiger" in einer Reihe von Aufsätzen variirt worden war, über welche sich jetzt Herr Pastor Faber in Stuttgart und Herr Julius Fröbel (weiland radikales Mitglied, der Paulskirche und im November 1848 in Wien in Gemeinschaft mit Robert Blum zu Pulver und Blei verurteilt, aber begnadigt) in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung" und, in würtembergischen Blättern mit einander berumzanken, indem ein Jeder die Ehre der Autorschaft von sich ab- und dcm Andern zuwälzt, — wie Birgilius sagt:
„— Arcades ambo,
Et cantare pares et respondere parati“.
Ais die Preußen in Frankfurt einrückten, nahmen sie Herrn Bernus nicht von der Amnestie aus. Er hatte daher auch gar keine Ursache, in's Exil zu gehen. Auch gab er keinen Privatunterricht, denn er hatte es ja, abgesehen von andern Erfordernissen, gar nicht nöthig. Dagegen schrieb er, an den, Kaiser der Franzosen und begehrte dessen Einmischung in deutsche Angelegenheiten. Er protestirte gegen die Einverleibung Frankfurts, weil die Stadt keinen Soldaten in's Feld gestellt und weil nur österreichische Literaten den Lärm in der Frankfurter Presse gemacht hätten. Beides ist wahr. Aber die österreichischen Literalen hätten nicht gelärmt, wenn das Frankfurter Publikum nicht geklatscht hätte. ^ Und die Stadt stellte keinen Soldaten, weil sie keine Söldner hatte, die man brauchen konnte, und weil die Bürgerschaft weder tauglich noch pflichtig, weder fäbig noch willig zum Kriegsdienst war, obgleich sie so oft „Feigheit und Verrath" geschrieen hatte über diejenigen, welche dem zur Beiheiligung am Kriege aufhetzenden kleinstaatlichen Maul- heldenthume entgegengetreten waren. Der österreichische Baron gab sein Frankfurter Bürgerrecht auf, griff zum Stabe, schüttelte, den Staub von feinen Schuhen und wandelte von dannen, indem er als Trost zurückries: „Das erste freie Lüftchen führt mich wieder in Euere Mitte!" Woher denkt der Baron (der, wenn wir nicht irren, auch den Hugenotten - Glauben abgelegt hat) soll wohl dies Mailüfterl' wehen? ...
Wer gefällt Euch besser? — Manin oder Bernus?
Und sollte nicht endlich einmal Frankfurt denken:
Levius fit patientia Quidquid corrigere est nefas?“