Frankfurt und Venedig.
„81 duo faciunt idem, non est idem.“ (Schluß.)
Doch, wird man fragen, was vaben denn die Frankfurter gemacht in den lausend Jahren, seit welchen Frankfurt steht? Das will ich Dir sagen, lieber Leser. Erstens Kreditgeschäfte. zweitens Prozesse und drittens Partikularismus. Ich kann diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne aus ein Buch ausmerksam zu machen, welches leider außerhalb des städtischen Weichbildes von Frankfurt viel weniger bekannt ist, als es verdient. Sein Verfasser ist der Frankfurter Professor vr. Georg Ludwig Kriegk, derselbe, der sich der Mühe unterzogen hat, Schlssoer's Weltgeschichte in lesbares Deutsch zu übertragen, — mit viel Glück und Geschick, aber nicht zum Danke des hochverdienten, aber mit etwas Eigensinn und außergewöhnlicher Schreibart behafteten Autors. Das Buch heißt: „Frankfurter Bürgerzwiste und Zustände i-m Mittelalter" (Frankfurt 1862). Es ist „dem hohen Senate der freien Stadt Frankfurt ehrerbie' tigst zugeeignet" und strotzt von freireichsftädtischem Lokalpatriotismus. Gleichwohl ist es ein ehrliches und gewissen° Haftes auf streng wissenschaftlichen und urkundlichen Forschungen beruhendes Werk; und wer sich vor dem Bischen gelehrten Ballast nicht fürchtet, der kann hier die ergötzlichsten Geschichten lesen von den mittelalterlichen Geldgeschäften, Han- . dels- und Spielbanken dieser Stadt nicht nur, sondern auch, wie sich deren ehrsame Bürger von 1300 bis 1800 post Christum ohne Unterbrechung gezankt und gebalgt und ohn' Unterlaß mit einander vrozeßt haben, — die Zünfte mit den Geschlechtern; der Rath der Dreiundsechzig mit der Bürg r- fchaft; die Stadt mit dem Klerus; die Bürger mit den Bauern und beide mit den Rittern; die Meister mit den Gesellen und Lehrlingen; eine Korporation mit der andern; die Christen mit den Juden und Juden mit den Christen; also daß auf je zweihundert Einwohner je ein Advokat kam und die Rubrik „Frankfurt wider Frankfurt" das tägliche Brod war bei den Gerichten des Reiches. Wer sich über diese „tausendjährige Geschichte" glorreichen Andenkens näher unterrichten will, findet bei Kriegk reichliche Nahrung. Dieses Feuilleton ist zu eng und jenes Buch ist zu gut, als daß ich letzteres in ersterem ausschreiben sollte.
Und was den PartikularismuS anlangt, so mag hier nur bemerkt werden, daß sich Frankfurt gegen den Beitritt zum Zollverein eben so hartnäckig wehrte, als irgend Einer der fchwarzgelbsten Kleinfürsten. Hessen - Darmstadt war schon 1828, Kurhessen 1831, Baiern, Thüringen, Würtemberg und Sachsen 1833, Baden 1835 dem Zollverein mit Preußen eingetreten. Frankfurt kam erst zu allerletzt 1836, nachdem ihm von allen Seiten der Paß abgeschnitten war. Denn auch
Nassau, welches noch 1833 nutz Frankreich auf einen Zeitraum von 5 Jahren einen Zollvertrcig abgeschlossen, welcher ihm den Beitritt zum deutschen Zollverein unmöglich machte, wußte sich auf eine geschickte Art aus den Schlingen dieser antinatio- ualen Konvention loszuwinden (Siehe Vierteljahrsfchrift für Volkswirthsch. und Kulturgesch. von Faucher und Michaelis Bd. XV. S. 55—85) und war Ende 1835 beigetreten. Frankfurt aber setzte seinen lokalen Meßverkehr und Zwischenhandel höher, als das Bedürfniß der Herstellung eines freien und einheitlichen Wirthschaftsgebiets in ganz Deutschland. Sodann aber glaubte es steif und fest an die „goldene Bulle Caroli Quarti". an diese geschriebene Konstitution, welche Kaiser Karl IV. dem sinkenden deutschen Reich verliehen, um darin dm centrifugalen Tendenzen der Territorialgewalten die offizielle Sanktion gegenüber dem Reiche zu geben, dieses Siegel, welches der Kaiser selbst seiner eigenen Ohnmacht aufdrückte. Ein im Uebrigen verdienter deutscher Geschichtsforscher, welcher in Frankfurt Bibliothekar und dabei beseelt war von jener Gesinnung, welche man von 1862—1865 „großdeutsch" genannt hat, schrieb eine Geschichte der Zölle in Deutschland, in welcher er nach langen Deduktionen voll außerordentlicher Gelehrsamkeit zu dem Resultat — ich wage nicht zu sagen zu dem „praktischen Resultat", denn, es war doch außerordentlich unpraktisch — kam, das Heil sei nur bei Oesterreich zn suchen, ein Beitritt zu dem von Preußen gegründeten Zollverein sei ein Verrath an Kaiser und Reich, und die freie Ltadt Frankfurt dürfe niemals vergessen, welche hohe Ehre ihr unter sämmtlichen deutschen Städten durch die aurea bulla Caroii Quarti widerfahren, und daß in selbiger ausdrücklich gesagt fei, neue Zölle anzulegen sei auf's Strengste verpönt. Der Frankfurter Bibliothekar, welcher ein trefflicher Historiker, aber ein schlechter National ökouom war, vergaß den Unterschied zwischen Außenzöllen und Binnenzöllen. Die goldene Bulle spricht von den Passage-Zöllen im Innern (thelonca pro transitu). Grade diese aber hat der Zollverein nicht durch Kreinw.g neuer vermehrt, sondern gänzlich vernichtet und durch eine gemeinschaftliche Zolllinienach Außen ersetzt.
Seiber bot die goldene Bulle kein Mittel zur Abwehr den Bedräng-.sie, welchen sich Frankfurt durch seinen Eigensinn u-d t>-ne Jsolirung exponnte. Rings von Zolllinien umgeben l alte es nur noch das ebenso eigensinnige kleine Nassau ;inb die Wasserstraße offen. Das hessische Städtchen Offenbach am Main, welches dem Zollverein seit 1828 angehörte und die von Frankfurt aus das Eifrigste abgewehrte Zug- und Gewerbcfreiheit sorglich pstegte, drohte die stolze Kaiscrftadt am Main zu überflügeln und deren Zwischenhandel und Meßverkehr an sich zu reihen. „Franksurüsche
Buden standen leer, während Offenbachsche Keller von Frankfurter Kaufleuten mit nicht geringen Kosten gemiethet werden mußten". (Prof. Wurm, Gesch. d. Zollvereins. S. 165.) Alles das wurde täglich schlimmer. Der hohe Senat tastete, wie ein vom Schwindel Ergriffener, rathlos um sich und glaubte endlich „sich an England halten zu können", statt an Preußen und Deutschland; 1832 ging er mit England einen Zoll-, Handels- und Schifffahrtsvertrag aus 10 Jahre ein, basirt auf wechselseitige Freiheit des Verkehrs und der Niederlassung, beiderseitiges Recht der meistbegünstigten Nationen, Gleichstellung der beiderseitigen Schiffe in Bezug auf Schiffsabgaben, Import, Export:c. Man schlug also eine Richtung ein, welche damit geendigt haben würde, daß das anderthalb Quadratmeilen große Frankfurter Gebiet mitten im Zollverein ein eminentes Schmuggeldepot bildete für Engländer, Franzosen und sonstige fremde Nationen. Die Debatten des Frankfurter gesetzgebenden Körpers über diesen Vertrag sind gedruckt und verdienen gelesen zu werden. Ein einziges Mitglied hatte Einsicht und Muth genug, schüchtern zu fragen, ob es nicht geratben sei, an Preußen und Deutschland zu denken, bevor man sich zu England flüchte. Er wurde niedergeschrien. Die Kommission erklärte, man wolle nun einmal partout von der „preußischen Plackerei" gar nichts wissen, der Anschluß an das preußische Mauth-System (lies: an den deutschen Zollverein) „verletzt das Lebensprinzip der Stadt und vernichtet ihre merkantile Existenz, in einem solchen Falle wäre Alles verloren." So heißt es wörtlich in dem nssiziellen Ausschuhbericht. Heute, vierunddreißig Jahre später, lacht selbst der partikulariftischste Stockfrankfurter herzlich über diese finstern Prophezeiungen, über welche Senat, gesetzgebender Körper und Bürgerschaft damals einig waren und an welchen zu zweifeln damals für schwarzen Bater- landsverrath gegolten haben würde. Es wird nicht lange dauern, dann werden auch die unheilweissagenden Stimmen von 1866 bei den Einsichtigen eine gleiche Heiterkeit Hervorrufen. Damals aber, am 20. Juni 1832 war man noch sehr von der Borussopbobie ergriffen und beherrscht, daß der gesetzgebende Körper sich kopfüber in die Arme Englands stürzte ^und mit 57 Stimmen gegen 11 beschloß, es solle dem vom Senat vorgelegten Vertrag die verfassungsmäßige Sanktion ertheilt werden. „Volentem fata2ducunt, no- 1 entern trahunt“ Dem Willigen reicht das Geschick die führende Hand, den Widerwilligen schleppt es an den Haaren. Das mußte auch die partikularistisch-frankfurtische Handelspolitik erfahren. Die wirthschaftliche Entwickelung der Stadt blieb weit hinter den kleineren Orten in der Nachbarschaft zurück, weil letztere schon lange dem Zollverein angehölten. Ihre pfahlbürgerliche Engherzigkeit erregte überall