zugestellt werden.
Dort bildeten sich die Städte zum Mittelpunkt der verschiedenen konzentrischen Kreise aus, woraus sich der damalige Staat aufbaute, des Kreises der Staatsbürger (cives), der Verbündeten (socii) und der Ännektirten, Unterworfenen und Unterjochten. Im germanischen Mittelalter aber bildeten die Städte jede für sich einen Kreis und diese vielen Kreise waren excentrisch. Sie hatten keinen gemeinschaftlichen Mittelpunkt, und da zu jener Zeit der Staat nicht sehr liebenswürdig war, so verhielten sich die Städte zum Mindesten gleichgültig, oft aber auch feindselig gegen denselben. Einen gut konservirten Ueberrest dieser mittelalterlichen Position finden wir z. B. in der privilegirten Stellung, welche die Stadt Rostock mitten in dem Feudalstaate Mecklenburg einnimmt. Die übrigen Reichsstädte, welche ihre Quasi-Sou- veränetät bis zur Stunde gefristet haben und deren Bürgermeister im August 1863 mit den Gesalbten des Herrn in Frankfurt den historischen Ochsen verzehren durften, zeigen eine höchst interessante Mischung von weltbürgerlichem Kos- mopolitismus und pfahlbürgerlicher Engherzigkeit. Der erstere wiegt vor an derjSee, im internationalen Freihafen, in Hamburg. Der letztere wiegt vor im Binnenland, auf dem Meßplatze und kleinfürstlichen Geldmarkt, in Frankfurt. Bis zur Stunde enthalten diese Städte noch die kostbarsten unbezahlbarsten Originale an Menschen, Einrichtungen und Dingen. Je mehr die deutsche Einheit eine Wahrheit wird, desto mehr werden diese Originale aussterben. Es hätte das größte Jn- terefie für die deutsche Kulturgeschichte, daß ein Sachkundiger diese merkwürdigen Ueberreste einer vorsündfluthlichen Zeit, diese Kuriositäten photographirte vor ihrem baldigen Ende.
Wer heute in Frankfurt weilt, der kann jeden Tag wenigstens zwölfmal sprechen hören von der sehr glorreichen tausendjährigen Geschichte dieser Stadt oder dieses „Staats". Ich glaube sogar, auch Herr von Patow hat bei Verkündigung des Einverleibungspatentes eine derartige Phrase miteinsließen lassen. Natürlich nur aus einer dem Mißverftändnifie etwas zu sehr exponirten Höflichkeit. Denn das Ganze ist nur „rine Fable convenue.“ Frankfurt hat überhaupt gar keine politische Geschichte; und nur von einer solchen könnte doch die Rede sein in dem Augenblick, wo man dem Verluste der staatlichen Selbstständigkeit seine Thränen weiht. Die deutsche Nation ist dieser guten Stadt tausend Dank schuldig, daßsieihr einen Feuer-! bach, einen Savigny und gar einen Göthe geschenkt hat/ Die Frau Rath Göthe ist namentlich so recht der Urtypus der frischen, leichtlebigen und doch so klugen, phantasiereichen
schen Bunde geltenden Einrichtungen auf die genannten
und doch stockrealistischen Race der rheinischen Franken; selbst der leise Anflug des spießbürgerlichen'Zopfs, den sie mcht verleugnen kann, steht ihr gut zu Gesichte. Wir wollen uns auch den braven, aber leidenschaftllch-kurzfichtlgen Ludwig Börne gefallen lassen, der als Löb Baruch in der Frankfurter Judengafle das Licht der Welt erblickte; und sogar die ebendaselbst geborene Bettina von Armm, ? geb. Brentano, das alte „Kind", das Jmmermann.in seinem unsterblichen Münchhausen so prachtvoll varodrrt hat. Wir wollen ferner nicht den Respekt verweigern den zahlreichen wissenschaftlichen und künstlerischen Instituten und Vereinen, namentlich dem Senkenberg'schen Institut und dem Stadel- schen Museum, den vielen trefflichen Wohlthätigkertsanstalten für Wittwen und Waisen, für Blinde, Taubstumme, Aussätzige, Epileptische, Geisteskranke, Arme und Verlassene, Mühselige und Beladene, welche die Frankenstadt am Maine ! aufzuweisen hat, obgleich wir die Bemerkung nicht unterdrücken können, daß Alles das weit größern Nutzen gestiftet haben würde, wenn die Stadt nicht auch eine, nur vermittelst der Verheirathung mit einer eingeborenen Indianerin — bitte um Entschuldigung: Frankfurterin, zu durchbohrenden chinesische Mauer um ihr Weichbild gezogen und die bürgerliche Niederlassung eines jeden Auswärtigen, der nicht Schätze aufzuweisen hatte, — ganz in Widerspruch mieden Traditionen der oben geschilderten mittelalterlichen Städte, der Asyle der Zugfreiheit — erschwert oder unmöglich gemacht hätte.
j Frankfurt hat, wie jede größere und günstig gelegene -Stadt, seine ehrenvolle Stätte in der deutschen Kulturgeschichte; aber in der politischen Geschichte steht seine ! Nolle weit hinter den von Straßburg, Worms, >Lpeyer, Mainz, Köln und anderen rheinischen Städten zurück. Allerdings hat Karl der Große hier ein Kircken-Konzilium gehalten. Ludwig der Fromme hat hier gebetet. Die Kaiser wurden hier gewählt und gekrönt. Napoleon I. etablirte hier ein „Grohherzogthum", indem er Hanau , Fulda und Aschaffenburg mit Frankfurt verewigte. Auch hat seit 1815 (abgesehen von der kurzen Episode des „verfassungsgebenden" deutschen Reichstages, welcher leider keine Verfassung gab, weil er nicht aus Staatsmännern, sondern aus Gelehrten bestand, jenem Jugendtraum, der so schön anfing und so kläg- 1 lich endigte), seit 1815 also hat hier der schließlich ! in den „Drei Mohren" in Augsburg selig im Herrn ^ entschlafene Bundestag seine permanenten Ferien gehalten, ! welche er, in frivoler Nachahmung des Stuttgarter Rumpf- Parlaments, mit der Proklamation des levee en masse, der
Beitritt des Grotzherzogthums zum Zoll- und Handelssystem .
allgemeinen Volksbewaffnung schloß, und zwar an dem selbigen Tage, an welchem er selbst vor den anrückenden Preußen auskratzte, weil „Vorsicht der bessere Bestandtheil der Tapferkeit ist", — so sagt wenigstens Falstaff.
. VAlles das find historische Ereignisse; aber bei allen diesen Weltbegebenheiten hat Frankfurt nur zugesehen. Die Stadt und der Staat waren immer nur Publikum. Mitgespielt haben sie niemals.
Auch später hat hier der Abgeordneten-Tag und der Kongreß der Handelsvertretungen, der Sechsunddrcißiger Ausschuß, ferner der großdeufiche Reform-Verein unter Varn- büler, Lerchenfeld, Gagern, der Nationalverein unter Bennigsen, Schulze-Delitzsch, Lang, der Fürsten-Kongreß unter Kaiser Franz Joseph von Oesterreich, der Katholiken-Kongreh unter dem Freiherrn v. Andlaw, der volkswirthschaftliche Kongreß unter Braun, die Schutzzöllner unter dem Augsburger Baumwollspinner und Hofrath v. Kerstorf, und die Sozialdemokratie unter Lassalle, getagt. Bei alledem aber waren die Frankfurter im Wesentlichen nur Zuschauer, „kübl bis anS Herz hinan". Nur bei dem letzten Abgeordnetentag, welcher auf Pfingsten 1866 hier abgehalten wurde und sich weigerte anzubeißen auf den faulen Zopf der österreichischen Heeresfolge, Namens der deutschen Mittel- und Kleinstaaten, für welche allein er zu sprechen berechtigt war, zeichnete sich „allhiesiger Publicus" durch äußerst wilde Gesten und un- ziemliches Brüllen ans, so daß ängstliche Gemüther des Schicksals des Fürsten Lichnowsky gedachten, — jedoch, wie es mir bedünkt, ohne allen Grund. Man brannte zwar Mordschläge ab, die viel Geräusch machten und Niemandem etwas zu Leide thaten; aber gegenwärtig behaupten die Frankfurter, auch dies hätten etliche schwäbisch- österreichische Literaten gethan, welche in Frankfurt niemals ansässig gewesen, und wahrscheinlich auch nirgends sonstwo, so daß wenn sie bei Sonnenschein auf einen Baum stiegen, sie auf Erden Nichts, so sie ihr Eigen nennen könnten, zurückließen, mit alleiniger Ausnahme ihrer Schulden und ihres eigenen Schattens; und diese gegenwärtige Betheuerung der Frankfurter hat wenigstens nichts gegen sich, weil damals die Sache nicht ordentlich untersucht wurde, und Etwas für sich. Denn es schwärmte allerdings damals hier „der Malandrinen wildes Volk", wie Schiller in seiner Ueber- setzung eines italienischen Dramas weniger richtig, als wohlklingend sagt. Denn,.maIan(lrjno^ ist kein Volk, sondern ein italienisches Begriffs-Wort, das auf Deutsch akkurat -„Straßenräuber" heißt, — und weiter gar nichts.
(Fortsetzung folgt.)