Frankfurt und Venedig.
„8i äuv taciunt iäeru, non est idem."
Zwei alte Republiken find 1866 für immer untergegangen, um bewältigt durch dasBedürfniß der einheitlichen staatlichen Zusammenfassung der Nation, jede in eine größere Monarchie aufzugehen; Frankfurt ist in Preußen und Deutschland, Venedig ist in Italien anfgegangen. Aber wenn auch Zwei das Nämliche thun, so ist es doch nicht das Nämliche, sondern es vollzieht sich meist in sehr verschiedener Weise. Frankfurt regierte bis dahin sich selbst, oder glaubte wenigstens,. daß es dies thue, während es indirekt von Oesterreich regiert ward; Venedig stand unter direkter österreichischen Fremdherrschaft. Frankfurt ging direkt an Preußen über, Venedig indirekt, durch Vermittlung Frankreichs an Italien. Frankfurt wurde nicht gefragt und würde, wenn es über die Einverleibung abzustimmen gehabt hätte, mit tausend Zungen „Nein" geschrien haben. Venedig wurde gefragt. Es hatte mit „Ja" oder „Nein" abzustimmen, ob es dem Italien unter der Dynastie von Piemont angehören wolle, oder nicht. Hätte es mit „Nein" gestimmt, so wäre es gewiß nicht an Oesterreich zurückgefallen, sondern es hätte die Möglichkeit vor sich gehabt, anknüpfend an seine glorreiche Vergangenheit als Republik wieder auferstehen zu können, wenn auch unter französischem Protektorat. Allein die Venezianer faßten letztere Möglichkeit gar nicht ins Auge. Sie hatten die Wahl zwischen der formellen Freiheit, dem Selbftbestimmungsrecht, der Republik, auf der einen Seite, und der materiellen Einheit, dem Staate, der Nationalität in. Form einer Monarchie, auf der andern Seite. Sie schwankten keinen Augenblick. Sie wollten lieber Italiener als Venezianer, lieber Monarchisten, als Republikgner fein. Sie brachen mit ihren eigenen republikanisch-legitimistifch-partiku- laristisDen Reminiscenzen, um sich dem 'modernen nationalen Kulturftaat in die Arme zu werfen.. Schon Tage lang vor der Abstimmung sah man in Venedig nur die bunte italienische Tricolore, hin und wieder mit der ernsten preußischen Standarte gepaart. Das Emblem des Löwen von San Marco, dem Herzen eines jeden Venetianers sonst so theuer, war diesmal verpönt, weil es als antinationaler Partikularismus hätte mißdeutet werden können. Tagelang vor der Abstimmung trugen die Venetianer Zettel an den Hüten, worauf mit großen Buchstaben „81" (Ja) geschrieben stand. Wenn sich auf den Kanälen die Gondeln und Barken kreuzten, wenn die Leute auf der Piazzetta, der Piazza, den engen, für Wagen und Pferde unzugänglichen Straßen, den steilen Brücken an einander vorübergingen, dann rief man statt des
üblichen Grußes: „8i, si, si!" oder „Viva Italia una!“ Und doch wußten die Venezianer recht gut, daß die Steuern und der Kriegsdienst in Italien mindestens eben so hart auf ihnen lasten werden, als in Oesterreich, und jedenfalls weit härter, als wenn sie ein Duodezrepublikchen für sich geworden wären und für dieses das Recht der Neutralität in Anspruch genommen hätten, wie die Kantone der Schweiz. Sie wußten, daß Oesterreich keine seiner Provinzen mehr geschont, mehr, wie man dort sagte, „nur mit der Sammetbürste gestrichen" hatte, als Venezien, daß dagegen die piemontesischen Beamten mindestens eben so stramm find, wie die preußischen, und dadurch bei den Übrigen italienischen Racen, welche theils aus weicherem^ Stoffe gemacht find, wie die Toscanesen, theils, an gemächliche und zuweilen auch sehr ungemüthliche Anarchie in öffentlichen Dingen gewöhnt, dem Staatsbegriffe widerstreben, wie die Süditaliener, vielfach Anstoß erregt haben und noch erregen. Sie wußten, daß ihnen Oesterreich die Brenner Bahn baute, durch welche vielleicht der Handel Venedigs mit dem mitteleuropäischen Festlande einen Abglanz feiner alten Blüthezeit wiedergewinnen konnte. Aber sie vergaßen das Alles über der nationalen Ehre. Sie dachten
nichtswürdig ist die Nation,
Die nicht ihr Alles cinsetztfür die Ehre!"
Sie riefen: 81, si, si. Sie stimmten: 81, si, si; und als sie aus Venezianern Italiener wurden, pochte ihnen das Herz vor Freude, anstatt in Schmerzen zu brechen.
Anders in der Republik FrLrikfurt. Hier herrschte und herrscht heute noch Heulen und Wehklagen. Man verzweifelt an der Zukunft. Man trägt rothweiße Schleifen und Armbänder aus den für das unbewc-ffnete Auge nur schwer sichtbaren kleinen Frankfurter Silberkreuzern, die man vergoldet. Man supplizirt öffentlich bei dem Sieger in demselben Augenblick, in welchem man ihn heimlich verwünscht. Man verabscheut die allgemeine Wehrpflicht, man denkt mit Grausen an die Steuern, an die preußischen Beamten, an die Zugfreiheit, welche die Stadt mit „Gesindel^füllen wird, das am Ende gar, ohne eine eingeborene Voll^ut-Frankfurterin zu heirathen, „Borjer" werden und den Alt-Angeseflenen [mit frecher zudringlicher rühriger Konkurrenz, die Nahrung vor dem Mund wegfchnappen, den Brocken schmälern, das Leben sauer machen, die behäbige Gemüthlichkeit stören will. Man will nicht preußisch.werden. Man sagt, man wolle '„deutsch"' bleiben. Aber „Deutsch" ist nur ein Euphemismus für „Frankfurtifch". Man kann nicht begreifen, daß Frankfurt am Main hinsüro nur noch eirwStadt und nicht mehr ein
„Staat" sein soll, was es in Wahrheit doch niemals war. Freilich, wir in Deutschland waren immer ein wenig geneigt, Stadt und Staat mit einander zu verwechseln, weil Beide im griechischen und römischen Alterthum, dem wir unsere erste Bildung verdanken, identisch, uud weil wir selber in der politischen Zerklüftung, an welcher wir seit Jahrhunderten leiden, dem Staatsbegriff etwas entfremdet sind. Die Geschichte Griechenlands und der jonischen Inseln beginnt, soweit unsere urkundlichen Nachrichten reichen, mit handeltreibenden Städten, welche den Charakter von Kleinstaaten anzunehmen streben, ohne jedoch den von Städten ablegen zu wollen; selbst den Namen (no'Xtc, raXirefa) leitet der Staat von der Stadt ab. Auch die römische Geschichte ist lange Jahrhunderte hindurch nichts als die Geschichte einer Stadt, die gleich einem ins Wasser geworfenen schweren Steine, immer größere, aber auch immer schwächer werdende konzentrische Kreise um sich zieht, so lange, bis dieselben die ganze damals bekannte Welt bedecken. „Urbi et orbi", der Stadt und dem Erdenrund, giebt noch heute der römische Papst seinen Segen. Aus der „Bürgerschaft" — civitas — und dem „Gemeinwesen" — res publica — war seit Julius Cäsar ein Weltreich — imperium — geworden.!
, Aber in Deutschland verhält es sich geradezu umgekehrt. Hier war der auf die Agrarverfaffung, zuerst auf die Gau- und dann auf die Lehnsverfassung, welche beide ihre Basis in dem Grundbesitz haben, aufgebaute Staat Jahrhunderte lang vor den Städten da. Erst lange nach der von Cäsar und Tacitus geschilderten Flur- und Gauverfassung, erst lange nach der Kaiserkrönung Karls des Großen, erst im elften und zwölften Jahrhundert erscheinen die Städte gleichzeitig mit der Entwickelung der sich in die Natur alwirthschaft eindrängenden Geldwirthschaft, — jene wie diese eines die Ursache und gleichzeitig auch die Wirkung des anderen bildend. Noch Jahihunderte lang haßt der Germane die Städte, weil er glaubt, die Freiheit köune nicht in einer Bastille wohnen. Als aber auf dem flachen Lande Lehnswesen und Hörigkeit immer mehr um sich griff und die ur- germanische Freiheit unterdrückte, da eilten die Leute, die der Leibeigenschaft bereits verfallen oder von dieser oder von anderen Unbilden Seitens der kleinen Herren bedroht waren, in Schaaren in die Städte, um don persönliche Freiheit, reichen Erwerb und gesicherten Besitz zu finden, die ihnen draußen verloren gegangen waren.
Im Alterthum wuchsen die Städte zu Staaten empor. In Deutschland wuchsen die Städte, Anfangs als Element, in den schon vorher vorhandenen Staatsverband hinein.