Blätter für Grift, Gemüth
u;n:t> Publizität.
N". L72.
Donnerstag, den 2» Oktober
18 LS.
Die Abkömmlinge Heinrichs deS Zweiten.
(Fortsetzung.)
»Wenn meine gnädigste Gebieterin,* versetzte Madame Campan, die trotz ziemlich ftivoler Lebensweise schon damals gern im Gouvernantenton sprach, »sich mehr der Lektüre widmen wollte..."— »Geh' mit Deinem ewigen Lesen," siel Maria Antoinette ein. »Das ist Dein Universalmittel, feit der Zeit, wo Du Vorleserin bei den Tanten meines Gemahls warst; ich mag aber nicht lesen* — »doch vielleicht die Schriften des Herzogs von Coigni?" flüsterte Madame Campan, und zog ein parfümirtes Briefchen aus der Tasche. Maria Antoinette griff rasch und lächelnd darnach, doch ehe sie lesen konnte, erloschen im selben Moment die beiden andern Kerzen, und der falbe Schein des Mondes fiel gespenstffch in das hohe Gemach. Maria Antoinette erbleichte, und warf, von unbestimmten Ahnungen peinlich erschüttert, das Billetdoux auf den Boden, während die philosophische Madame Campan solche kindische Furcht heimlich verhöhnte.
Als der Vorhang das. Fenster, an dem die Königin stand, verhüllte, hatte jene wunderlich geschmückte Frau sich auch nicht länger aufgehalten. Sie schritt rasch vorwärts, aber wenn ihr reichgeputzte Frauen begegneten, oder glänzende, mit Wappenschildern verzierte Carrossen an ihr vorüberflogen, zuckte sie zusammen, der giftigste Neid, der bitterste Haß malte sich in ihren Zügen, und leise Verwünschungen brachen durch die zusammengekniffenen Lippen. »Mir wird ganz ängstlich bei Dir,' sagte schüchtern der junge Mann, »andere Weiber jammern und weinen, wenn es ihnen schlecht geht, aber Du wirst so wüthend; es ist freilich betrübt, daß Andere Champagner trinken, während wir kaum das schlechte Seinewaffer bezahlen können, aber das ist nun der Welt Lauf, und man muß sich darein ergeben.* — »Nein, das muß man nicht,* antwortete die Frau ingrimmig, »ich wenigstens will für meine Person das Glücksrad umdrehen, und sollte es mir den Kopf zerschmettern. Bin ich nicht aus dem Geschlecht der Balois, die glänzender und älter als diese Bourbons waren? Soll die Urenkelin Heinrichs des Zweiten vergebens am Thron um Hülfe flehen? Soll sie sich begnügen, daß man ihr ein paar Livres, ein schmähliches Almosen wie jedem Bettler hinwirft? Soll ich diese Oestreicherin in jeglicher Ueppigkeit schwelgen sehen, wenn ich hungere?* — »Das sind große Worte, * entgegnete der Mann, »aber mein liebes Kind, Du vergissest immer, daß Du und Deine Schwester nur Balois von der linken Seite seyd, daß Heinrich der Zweite hübsch für seinen Sohn Heinrich von Saint-Remy von Balois gesorgt mit Gütern und 30,000 Goldthalem, daß aber Deine sämmtlichen Ahnherren nicht viel taugten, daß sie die schönen Besitzungen verpfändeten, und Dein Vater, der den letzten Rest der Herrschaft Fontette verkrümelte, im Hotel Dieu ". ..." — »als Bettler starb," siel die Frau zähneknirschend ein, »das brauchst
Du alberner Mensch mir nicht vorzuwerfen, ich war doch eine gute Partie für Dich, den Unterlieutenant, den man wegen Schuldenmachen aus dem Dienst gejagt, der mir durchgebracht, was mir gute Menschen schenkten, der ... ." — »Erzürne Dich doch nicht, mein Liebchen," bat der Mann, »es fuhr mir so heraus.* In diesem Augenblick verwandelte Frau von la Motte ihre Mienen wie durch einen Zauberschlag, das süßeste Lächeln spielte um ihren Mund, sie senkte die Augen, deren zornige Blitze in wehmüthigen Thränen erloschen, sie verneigte sich so tief, daß der Knix fast in eine Kniebeugung überging. Ihr Mann zog auch dm Hut mit tiefen Referenzen ab, aber er brauchte seine Haltung nicht zu verändern, denn diese war schon vorher erbärmuch unterwürfig.
Vor ihnen stand ein großer, hagerer Mann mit schlaffen Zügen, ganz in Schwarz gekleidet, ohne irgmd ein Abzeichm seiner hohen Würden. »Guten Abend meine liebenswürdige Kleine," grüßte er freundlich, »ich habe gute Nachrichten für Sie, meine Tante Marfan will sich bei der Gräfin von Artois für Sie verwenden, Ihre Pension muß vermehrt werden; es ist schimpflich, daß Sie um diese kleine Gunst so lange solicitiren müssen, während goldmer Regen die Polignacs überschüttet. Doch still, ich will ja nicht mehr zur Opposition gehören. Haben Sie heute Abend die anbetungswürdige Maria Antoinette gesehen?" Madame la Motte deutete verstohlen auf ihren Mann, als ob sie in seiner Gegenwart nicht Alles zu sagen wage, und flüsterte dann: »Ihre Majestät haben mich vom Fenster aus gesehen und mit gnädigem Gruß nebst huldvollen Worten beglückt, das Weitere will ich Euer Eminenz an einem passenderen Ort als hier mittheilen." Der Kardinal küßte ihre Hand; »Dank mein scharmantes Frauchen, ich habe in der Ferne gesehen, daß Sie unter dem Balkon der Königin standen, Sie sind unermüdet, mir zu dimen, ich werde das nie vergessen; aber die reizende Königin hat doch seltsame Launen, den Polignacs wirft sie das Stsatsvermögen hin, und Sie müssen trotz aller ihrer Gewogenheit darben. Hat die Königin meine Ver- theidigungsschrift günstig ausgenommen?" — »Die Zeit wird Alles auftlären, * erwiederte Madame la Motte in orakelmäßigem Ton, »jetzt muß ich nochmals Euer Eminenz bitten, hier nicht länger mit mir zu sprechen, denn wir möchten beobachtet werdm." Der Kardinal nickte mit wichtiger Miene und verschwand in einem Seitengang.
»Nun zu der Gruppe Grisetten, die dort tanzen," sagte Madame la Motte zu ihrem Mann, und beflügelte rhre Schritte, — »dort ist also das Wunderthier, welches Du neulich im Palais Royal entdeckt hast; ich habe zwar wenig Vertrauen zu Deinem Scharfblick, aber zuweilen findet der Dümmste, was der Klügste vergebens sucht." — »Gewiß, mein Täubchen,' sagte der geduldige Gemahl, »die Aehnlichkeit ist staunenswürdig, freilich nicht wie in Goldonis Zwillingsbrüder, aber ich war doch ganz starr vor Verwunderung, ganz dumm vor Erstaunen.* — »Das ist so ziemlich Dein gewöhnlicher Zustand," verfitzte die Dame, und blieb