(Belletristische Beilage zur Oberpostamts-Zeitung.)

M 8V.

Freitag, den 21. März

1845.

Bürger.

Ein deutsches Dichterleben. Novelle von Otto Müller.

(Fortsetzung.)

Ein solcher Gast, der in alle Verhältnisse des Bestehen­den, wie ein Wolf in die Hürde brach und zwar, wohl­verstanden, mit einer Unbefangenheit, einer Lebensunkennt- rriß, daß man ihm unmöglich gram werden konnte, ein sol­cher Gast mußte in einem Hause willkommen seyn, wo alle Säulen wankten, und ein Bruch mit der Welt For­men und Ansichten unvermeidlich war. Sein ercentrisches Gefühl, das Maßlose und Fantastische in Allem, was er dornahm, sein brühheißes Temperament, sein romantischer Humor, der nichts verschonte, was eine Achillesferse hatte, und doch bei all diesen Auswüchsen und Schroffheiten seine sinnige, weiche Natur, sein unendlich tiefes, von schwär­merischer Sehnsucht verzehrtes und nach Innen sich ver­blutendes Herz, wie stimmte nicht Alles dies zu den Ver­hältnissen und Personen des Hauses, in dem er so zuver­sichtlich ein Asyl gesucht hatte.

Unser Jüngling aus anno Sturm und Drang hatte seine Kindheit und Jugend im Walde verlebt. Nwmals war­mer aus seinen Schatten hervorgetreten und die Welt hörte für ihn auf, wo es keine Bäume mehr gab und kein wald- grünes Träumen. In derWildniß seinerHeimath, indem donnernden Stur; des Bergstromes, in dem Widerhall am Felsen, in dem kühlen Waldesgrund, wo zwischen Felsge­stein und Quellenrieseln der Thymian duftet und glänzende Träume auf dem silbernen Farrenkraut sich wiegen, dort, wo es in blauen Düften im Laube aufwallt, sonnen-dun­stig zwischen den Aesten hängt, im Gold des Abends wie flüchtiger Tag über die Blätter hüpft, oder träumerisch durth die Schluchten über die Waldwiese schleicht, halb wie Mondesschein, halb wie Elfentanz dort sind uns die stillen Sympathien seines Lebens, die tiefen Echos sei­nes Gemüthes, und der schattenhafte, verzehrende Glan; seiner Augen kein Räthsel mehr. Die Wildniß hatte ihn großgezogen, mit dem Honig ihrer Bienen ihn genährt, mit dem Trunk aus harter Steinquelle ihn gekühlt; in ihren weichen Elfenarmen hatte er geruht, in ihrem Ber- gesdröbnen und Waldesschluchzen durfte er träumen; ja, sie war erst Wildniß geworden, als sie ein Her; hatte, das sie liebte, das seine Sehnsucht und Liebe zu ihr hin­austrug und an sie die Fragen seiner Ewigkeit richtete.

Aus" diesem Stillleben war er nun plötzlich hinausge­treten, der waldgrüne, träumerische Jüngling und wie Ge­bete für einen Verstorbenen rauschte es chm nach aus sei­nen dunklen Bergen; ehe acht Tage dahin waren, fand er sich in GöttingenS Mauern, zwischen schmutzigen Gassen, rm dürren Staube verknöcherter Wissenschaft, vor einem dretternen Kasten, aus dem der Oberkörper eines graduir-

ten Professors donsl-um ui-tium hervorragte, und es währte nicht lange, so waren die stillen Waldblumen seines Gemüthes verkümmert und verblichen, und in die blüthen- lose Oede seines Herzens zog ein stiller, verzehrender Schmer; ein. Alles was ein junges, heißes Leben vor der Zeit aufreiben kann, fanatischer Haß und dämonische Liebe, thatenloser Unmuth, unbändiger Ehrgeiz, stete feindliche Opposition gegen das Leben und zu all' dem noch das Unvermögen, die hohe Kraft seines Geistes, die Fülle sei­ner Fantasien und Gedanken bewältigen und sie in schö­nen Formen schöpferisch gestalten zu können, ließen ihn zu keinem Frieden, keiner Beruhigung kommen. Genießend ohne Genuß stürzte er sich zuletzt in den Strudel des wil­desten Burschenlebens; aber überall in das Maßlose grei­fend, und aus einem Ertrem in das ander überschweifend, mußte er auch hier bald erlahmen, und zu den Opfern, die ihm seine Ausschweifungen an Gesundheit und Jugend­frische gekostet hatten, kam nun noch ein bis zum Ueberdruß gesättigtes, lebensmüdes Herz. Er war einer der ersten blaset, die in der deutschen Literatur genannt werden; der Vulkan seines Geistes schien ausgesprüht; an seinem innersten Leben gebrochen, hatte er kaum noch die Kraft zu dem Entschlüsse, sich wieder in seine letzte Rettung, in die Wälder seiner Heimath zurückzuflüchten; da erschien Bürger, der von dem fähigen Kopfe gehört hatte, eines Abends in seiner Stube und nahm den verlorenen Liebling des Genius an seine Dichterbrust. Was Hahn mit aller Energie seines moralischen Bewußtseyns nicht vermochte, gelang dem liebevollen Zuspruch des verwandten Geistes, Bürger wußte ja, was die heißen Wunden einer Dichter­seele kühlt und heilt, der trübe, wilde Jüngling entsagte dem seitherigen Leben, und des Freundes Begeisterung ward ihm zum goldenen Schlüssel für die eigene, himmlische Welt des Schönen, die noch immer unentweiht in seiner Brust ruhte. Die mächtige Ruhe, die gehobene Stimmung des geweihten Dichtergeistes, womit Bürger ihn überragte, ward auch für ihn der Grundton seines Inneren, mit den Augen der Freundschaft schaute er wieder in's Leben, in die Zukunft, die verlorenen Ahnungen seiner Kindheit und Jugend kehrten zurück, und er begann wieder an seinen alten Muth zu glauben.

Die Genossenschaft des Hainbundes, in die er durch Bürger's und Boie's Vermittelung ausgenommen wurde, wirkte durch ihre ästhetischen Elemente und den Ernst, wo­mit die Poesie dort als ein Fach behandelt wurde, äußerst wohl- thätig auf seine Beharrlichkeit, wenn ihm auch das Sta­tuten- und Zunftmäßige einer solchen poetischen Korpora­tion und.die Nüchternheits-Tendenzen des Hainbundes so wenig zusagten, als Bürger. Aber bei aller seiner Be­kehrung blieb Hahn doch immer ein ercentrischer Kops, und me entschieden günstig auch die ungetheilte Beschäfti­gung mit Literatur und Poesie und der anregende Umgang mit Bürger auf seine äußere Lebensweise wirkten, manch­mal erfaßte ihn doch wieder sein alter Schwindel und der