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Fließendes Wasser ist noch merkwürdiger fürs Mikros­kop, als Quell- und Brunnwasser, weil die darin lebenden Thierchen schöner gebildet, größer und stärker gebaut sind. Sie sind oft so auffallend gestaltet, daß der Zuschauer beim ersten Anblick wie getroffen hinstarrt. Die Thiere selbst schei­nen uns einen Augenblick zu besehen, aber im Nu und mit Blitzesschnelle verschwinden sie wieder unserm Blicke.

Ein anderes Thier in demselben Tropfen ist so durchschei­nend, daß man darin, gleich in einem offenen Buche, studiren kann. Die Alten sagten, es habe an der Spitze des Kopfes ein Rad, welches sie nach Belieben drehen könnten. Letzteres habe ich gleichfalls bemerkt, aber daß es ein Rad sey, ist nicht wahr. Es ist sein Auge, welches die Form einer Halb­kugel hat, um deren Rand 10 kleinere Augen sitzen, die das Thier willkürlich, das eine um das andre, öffnen und schlie­ßen kann. Man sieht eine Menge Fäden, von zwei Seiten des Auges kommend, sich vereinigen, die sichtbarlich das Dre­hen bewirken. Der ganze Körper ist mit einer durchsichtigen schnppenartigen Hülle nmgeben; die Beine sind wie die Aeste der Bäume in Zweige getheilt, und faßt jedesmal sieht man 5 bis 7 Eier, größer als Straußcneier, in ihrem Körper, ans welchen die Zungen herausschlüpfen. Ein schö­ner Anblick gewährt in dieser Hinsicht das Ei oder die Nisse einer Laus, welche, von der Größe eines dreijährigen Kin­des, sich mit sichtbarer Anstrengung herauszuwinden sucht, aber erst nach langem Arbeiten, Treten und Drücken den Leib herausbringt und alsdann einiger Ruhe genießt.

Andre Thiere in demselben Wasser tragen ein Auge vor der Stirne, gleich den Cyklopen. Ihre Hinterfüße sind ästig und an jedem Fuße ist ein Sack befestigt, der die Iun- gen oder Eier enthält.

Den 14ten April 1834 sah ich in Gegenwart des Herrn dAvruI, Professor zu Lüttich, alle Eier in Zeit von einer halben Stunde anfbrechcn und die Jungen ihrer Mutter nachschwimmen.