Blatter für Geist, Gernüth und Publizität.

N" 79. Montag, den 19. März 1832.

Der Oheim als Brautwerber. (Fortsetzung.)

Für dießmal war der Baron von Schwarzenfels schon rin alter Bekannter. Er mußte sich setzen und da es noch früher Vormittag war, ruhte die Tante nicht, bis er eine Lasse Ehocolade annahm, die ihm Mariens kleine Händ­chen bereiteten. Eine Verweigerung des gastfreundlichen Anerbietens lag nickt in dem Plane des Oheims, d r eine Annäherung und Bekanntschaft beabsichtigte, und da der nächstfolgende Tag gerade ein Sonntag war, benutzte er diesen Umstand und den der genossenen Erquickung. so ge­schickt, daß die Tante ihm versprechen mußte, bei Gele­genheit des sonntäglichen Spaziergangs von ihm die Ge- genchocolade in einem Garten anzunehmen.

Wir wollen die nähere Beschreibung dieses Spazier­ganges , so' wie der anderweitigen Schritte und der Unter­redungen übergehen, die der Oheim mit der Tante hatte. Als Ergcbniß derselben begnügen wir uns, folgenden Brief mitzutheilen, den er am Ende der ersten Woche nach der Abreise des Neffen an dessen Vater schrieb.

Liebster Bruder. Es ist ein alter, überaus richtiger Spruch, daß alles auf der Welt dem Wechsel unterliegt. Der Vornehme kann erniedrigt - werden, der Geringe stei­gen , der Reiche verarmen, der Dürftige zu Tonnen Gol­des kommen. Gleichfalls rann es,, und zwar mit noch größerer Leichtigkeit oder viel geringerer Zufälligkeit gesche­hen, daß ein Verheiratheter seine Frau verliert und ein Lediger eine- nimmt. Nach diesen allgemeinen Betrachtun­gen, die sehr gewöhnlich, jedoch auch sehr richtig sind, wird es dich vielleicht nicht sehr wundern, n«nn ich dir, sage, daß ich sm Begriffe bin, zu -- heirathen. Zwar war es feit einer Reihe von Jahren mein fester Vorsatz, unbeweibt zu bleiben, doch eben, weil Alles auf der Welt wandelbar ist, so -haben sich auch meine Entschließungen verändert. Meine Braut heißt Marie Braun und ist die verwaiste Tochter öines vormaligen königlichen Beamten. Wenn die Wahl', die ich getroffen, nicht den herkömmlichen Standes­rücksichten entspricht, so wird dr' Mißverhältnis, gleich dem des Vermögens, durch die Vorzüge des Geistes und die Schönheit Marien's, mehr als ausgeglichen. Uebrigens, lieber Bruder', aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtet, passen meine Braut und ich recht eigentlich zu einander.

Sie ist arm, und nährt sich kümmerlich von der Arbeit ihrer Hände; ich besitze so viel, daß ich kaum zwei Dn't- theile meiner Einkünfte verzehre, und täglich reicher werde. Sie ist jung und ich bin alt, wodurch in unserer Verbin­dung ein gewisses mittleres Verhältniß der Jahre entsteht. Mit einem Worte ich bin überzeugt, sehr gut gewählt zu haben, und da ich bejahrt genug bin, um nicht mehr viel zu zögern, auch offen gestanden zu verliebt, so habe ich meine Vermählung auf den künftigen Donnerstag angesetzt, was ich Dir hiermit brüderlich anzeige, indem ich zugleich die herzlichste Einladung beifüge, meine Hochzeitfeier durch Deine Gegenwart zu vervollständigen. Du schlägst mir dieses nicht ab, und ich bin gewiß, Dich bald an mein froh bewegtes Herz drücken zu können.

Max vo.l Weißenfels."

Der Oheim harte die Wirkung des Briefes richtig be­rechnet.. Kaum hatte der Bruder ihn gelesen, so klingelte er mit solcher Heftigkeit, daß Kammerdiener und Jäger zu gleicher Zeit von verschiedenen Seiten in das Zimmer stürz­ten, Diese dienstfertige, unordentliche Eile gab dem über­raschten Weltmann ferne Fassung wieder. Schon stand er aufrecht im Zimmer, hatte die rechte Hand leicht aufgeho­ben und betrachtete ruhig den Siegelring am Zeigefinger. Johann," sprach er nach einer kleinen Pause,sage er dem Kutscher, daß ich in einer Stunde nach Berlin fah­ren werde. Ein Postzug geht sogleich voraus und erwartet, mich in Werneuchen, ich will noch heute in der Stadt ein- treffen und fahre mit gewechselten Pferden. Ihr, Hcllwr'g," so wandte er sich zum Kammerdiener,besorgt das nöthige Gepäcke, nicht zu viel, durchaus keine Gallakleider, hört ihr, keine Gallakleider. Jetzt geht und sagt dem Koch, daß ich frühstücken will."

Die Diener traten ab, und der Freiherr ging mit gros­sen Schritten im Zimmer auf und nieder. Obgleich dem äußern Ansehen nach gefaßt, war er jedoch in einem auf­geregten Zustande, und einzelne, halbausacsprochene Ge­danken bildeten eine Art von Selbstgespräch:Nein, nein, unmöglich, das kann ich nicht zugeben, es ist eine doppelte Thorheit, ein vollständiges Unrecht eine Nätherin zur Schwägerin, und das große Vermögen in fremder Hand! Wie er doch auf den unglücklichen Gedanken gekommen ist das verwünschte Berlin! Hätte er meinen Rath gehört und wäre er auf seinen Gütern wohnen geblieben,