Frankfurter Aonverfationsblatt.
Belletristische Beilage zur Postzeitung.
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Freitag, den 15. Februar
1836 .
Mozart in Mainz.
Anecdote, mttgetheilt von Dr. C. *
t Es war im Herbst des Jahres 1777, als die kunstfreundliche Welt in Mainz ans ihrer bisherigen Lethargie, in welche sie die fast ausschließliche Absorption alles Kunstinteresse's von Seiten des kurfürstlichen Hofes seit Emmerich Josephs Hinschei- den versetzt hatte, durch das plötzliche Erscheinen eines glänzenden Sternes erster Größe, wie durch einen Zauberschlag herausgerüttelt wurde. „Mozart wird uns in den nächsten Tagen besuchen!" so ging es wie ein Lauffeuer nach allen Kreisen, wohin der bedeutende Ruf des jugendlichen Salzburger Componisten bereits hatte dringen können; und selbst in der niederen Klasse, welche zu jener Zeit auch nicht den geringsten Antheil nahm an dem, was außer der Sphäre ihres Gewerkes vorging, fand die überraschende Botschaft frohen Widerhall.
Es war an einem regnerischen Mittwoch Nachmittag, als Mozarts schwerfällige Reisecarosse an der Herberge „zur weißen Burg" vorfuhr. Letztere lag am rothen Thor auf der Stelle, welche jetzt der hessische Hof einnimmt, gegenüber einem andern Wirthshaus ersten Ranges „die hohe Burg" genannt, und diente gemeinlich niederrheinischen Schiffern und Kaufleuten zum Absteigequartier. Wie wenig die damaligen Begriffe von Comfort und Eleganz in den rheinischen Hotels unfern heutigen entsprochen haben würden, mag daraus ersichtlich werden, daß unser berühmter Reisende mit seiner Mutter, welche ihn, beiläufig bemerkt, auf seiner zweiten Reise nach Paris begleitete, um die deutsche Heimat für immer zu verlassen, sich erst durch eine gedrängte Reihe von zweiräderigen Flechtkarren und schmutzigen Futterböcken und über einen Haufen eben so schmutziger Kinder des Rheins einen Weg nach der baufälligen Doppeltreppe des Wirthshauses bahnen mußte, deren Erreichung durch einige an ihrem Geländer angebundene Reitklepper sogar noch lebensgefährlich wurde. Keine Teppiche, keine Blumen deuteten darauf hin, daß man einen des jungen Meisters würdigen Empfang vorbereitet hatte, wie das vor sieben Jahren Italiens Städte gethan.
Kein jubelndes „eviva il maestrino!" begrüßte seinen Einzug, wohl aber der derbe Fluch eines Fuhrmannes, dessen Roß Mozart auf die Bitten seiner Mutter etwas unsanft mit seinem großen rothseidenen Regenschirm auf die Seite gedrängt hatte. Der Gastwirth übrigens, ein lebendes Bild des Reichthums und der behaglichen Selbstzufriedenheit, dessen geübtes Ohr das Raffeln der Fuhrmannskarren wohl von jenem einer Carosse zu unterscheiden vermochte, war dem fremden Besuche unter die Hausthüre entgegengetreten, die Mozart eben erreicht hatte, wäh
* Dem mit der Mainzer Geschichte Vertrauten wird es nicht schwer fallen, den historischen Faden aus dem dichterische» Gewebe hcraus- zufinden.
rend die betagte Frau, mit ihren zum Bergsteigen nicht besonders eingerichteten Reifrvcken, an des Sohnes Hand sich noch abmühte, die steile, schmutzige Steintreppe zu erklimmen. — „Wie kann ich der Herrschaft dienen?" begrüßte mit seinen durchdringenden Blinzelaugen und der freundlichsten Miene von der Welt der behäbige Wirth die Ankömmlinge, sie mit einer galanten Handbewegung zum Eintritt in das Gastzimmer auffordernd, dessen halbgeöffnete Thüre zur Linken ein rauchgeschwärztes dumpfes niederes und durch drei schmale Fenster von der Löhr- gasse aus spärlich erleuchtetes Innere zeigte. „Können wir logi- ren?" fragte Mozart etwas zögernd beim Anblick dieses nichts weniger als einladenden Speisesaals. — „Zu dienen, cs find grade noch zwei Zimmer frei. Bei gegenwärtiger Meßzeit hält es etwas hart mit dem Untcrbringen von Gästen," entgegnete artig der Wirth. — „So! nun gut, so lassen Sie uns dieselben schleunigst Herrichten. Appropos! haben Sie ein Clavier im Haus?" — „Thut mir leid, mein lieber Herr, aber ich könnte Ihnen auf ausdrücklichen Befehl ein solches beschaffen. Sie wünschen cs doch auf Ihr Zimmer? denn Musik in der Gaststube findet, ich fühle mich verpflichtet, Sie im Voraus darauf aufmerksam zu machen, wenig Theilnahme."
Mozart konnte sich bei diesen Worten des Wirths eines Lächelns kaum enthalten, der in ihni sicherlich einen jener vaciren- den Virtuosen zu entdecken glaubte, welche bis zum heutigen Tage, namentlich zur Zeit der Herbstmessen, in Schaaren die rheinischen Städte heimsuchen. „Nein, guter Freund," erwiderte der verkannte Künstler, „sorgen Sie mir für zwei reinliche Zimmer und lassen Sie so schnell wie möglich das besagte Clavier auf eines derselben bringen, ich bin Mozart!"
Der Wirth stand wie angedonnert bei dem Klang dieses Zauberworts. Aber Wirthe und Spitzbuben kommen nie in Verlegenheit. Die Freude über die außerordentliche Ehre, welche ihm mit der Beherbergung des großen Componisten zu Theil ward, richtete ihn im Momente wieder auf und legte ihm einen Strom von Entschuldigungen auf die geläufige Zunge, den er unter anhaltenden Verbeugungen höchst anständig gegen die hohen Gäste ergoß. „A. la bonheur", fuhr er mit einem Anstrich französischer Etiquette fort, nachdem sich die frohe Ueberraschung etwas gelegt und sein pausbackiges Antlitz wieder den unverwüstlichen Zug schmunzelnder Gemüthlichkeit angenommen hatte, der ihn unserer Wohlgewogenheit von vornherein so gut empfohlen hatte: „a la bonheur, toutefois ä votre disposition, wollen Ew. Gnaden mir nicht hier herein zu folgen belieben?" und er öffnete den Fremden seine eigene, sehr wohnlich eingerichtete Besuchsstube (in Mainz gewöhnlich Staatsstube genannt), eine Gnade, die wohl hinreichend den respcctirlichen Eindruck bekundete, welchen der Name Mozart auf den Gasthalter der „weißen Burg" gemacht hatte. „Eine gute Tasse Kaffee würde mich sehr erquicken, Wolfgang!" bat die Mutter, während sie sich in einen ledernen Armsessel niederließ. „Herr Wirth, bringen Sie meiner