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Vergleichende Osteologie mit besonderer Berücksichtigung der fossilen Formen kann man den Wissenszweig bezeichnen, in dessen Ausbildung Meyer’s Hauptverdienst besteht. Unter den deutschen Forschern im gleichen Gebiete besass Meyer keinen ebenbürtigen Rivalen. Wenn ihn einzelne seiner jüngern Zeitgenossen an kühnem Flug der Ideen überragten, so erreichte ihn kein einziger an gründlichem und umfassendem Wissen; keiner auch nur von ferne an thatsäehlichen Leistungen in quantitativer Beziehung.
Wir müssen zum Gründer dieses Wissenszweiges, zu Cu vier selbst hinaufsteigen, um den richtigen Maasstab für Meyer’s Verdienst zu finden. Der universelle Einfluss des grossen Anatomen auf die Palaeontologie und speciell auf die Kenntniss der fossilen Wirbelthiere steht freilich über allem Vergleich, allein es dürfte nicht zu viel gesagt sein, wenn wir die Meyer’schen Arbeiten unmittelbar binter denen Cuvier’s anführen und ihnen für die Entwickelung unserer vaterländischen Palaeontologie etwa dieselbe Stellung zuerkennen, welche die von Cu vier in Frankreich beanspruchen.
Es war in der That Meyer beschieden, in Deutschland eine erloschene Thierwelt aufzufinden und gleichsam wiederzubeleben, von deren Vorhandensein vorher nur spärliche Andeutungen existirten. Vielleicht zwei Drittheil der deutschen fossilen Säugethiere, Vögel und Reptilien sind von Meyer entweder neu entdeckt oder doch sorgfältiger und allseitiger untersucht worden.
Seine Beschreibungen kommen durch ihre unübertreffliche, fast photographische Genauigkeit, welche sich bis auf die kleinsten Nebendinge erstreckt, durch ihre Klarheit und durch die sorgfältige Wahl der besten und bezeichnendsten Ausdrücke den klassischen Schriften Cuviers gleich, sie übertreffen jene aber weitaus in den bildlichen Darstellungen. Die mangelhaften, oft ganz unbrauchbaren Abbildungen der Cuvier’schen ,,Ossements fossiles“ mussten längst durch neue kostbare Tafelwerke, wie die von Blainville und Gervais ersetzt werden, die Meyer’schen Abbildungen dagegen besitzen gewissermassen monumentale Bedeutung und können schwerlich jemals besseren ihren Platz räumen.
Meyer legte seinen Zeichnungen selbst einen grossen Werth bei, wie aus wiederholten Bemerkungen in seinen Schriften und aus nachstehender Auf-
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