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zum Studium der Yersteinerungskunde angeregt ; Leopold von Buch fing gerade an seine glänzenden Untersuchungen zu veröffentlichen und Graf Münster lieferte ans den Schätzen seiner für die damalige Zeit geradezu Staunen erregenden Sammlung eine Reihe von dankenswerthen Beiträgen.

Unter den deutschen Forschern hatte sich jedoch kein einziger von Bedeutung der fossilen Wirbelthiere mit Wärme angenommen. In Frankreich übte Cuviers Anregung auch nach seinem Tod noch immer einen nachhaltigen Einfluss aus und führten dem Studium fossiler Vertebraten stets neue Kräfte zu. Aber selbst diesen Epigonen hatte Deutschland keinen ebenbürtigen Ver­treter gegenüber zu stellen.

Meyer hat diese Lücke empfunden und ihrer Ausfüllung sein ganzes Leben geweiht. Es ist schwer zu sagen, ob innere Neigung oder äussere Nöthigung, bedingt durch die Ueberfülle des zuströmenden unverarbeiteten Materials aus Meyer den eminenten Specialisten machten, als welchen ihn seine literarischen Leistungen darstellen. Man möchte sich eher der letztern An­nahme zuneigen, wenn man berücksichtigt, dass gerade seine frühesten Arbeiten eine vielseitige Beschäftigung und gewisse Vorliebe für die Behand­lung allgemeiner Fragen bekunden. Wenn ein Mann von dem klaren Ver­stände Meyers in seinen reiferen Jahren allen generalisirenden Aufgaben entsagt und seine ganze Kraft der Detailforschung zuwendet, wenn er somit in seiner wissenschaftlichen Entwickelung einen der Gewohnheit geradezu entgegengesetzten Weg einschlägt, so dürfen wir an dem Vorhandensein gewichtiger Gründe nicht zweifeln.

Man klagt heutzutage allerwärts über wissenschaftliche Zersplitterung, über eine unmässige Specialisirung und Arbeitstheilung, über Mangel an Verbindung der Glieder mit dem Ganzen. Man wirft mühseligen syste­matischen Detailstudien Geistlosigkeit und Unfruchtbarkeit vor, und zuckt über derartige Leistungen vornehm die Achseln. Die Anmasslichkeit, mit welcher die Systematik Jahrzehnte hindurch auftrat, die Beschränktheit, mit der mittelmässige Köpfe die Beschreibung möglichst viel neuer Formen als das eigentliche Ziel der Naturgeschichte darstellten, hat eine berechtigte Reak­tion hervorgerufen und nicht wenig zu jenen Klagen Veranlassung geboten: aber immerhin werden Specialforschungen und Entdeckung neuer Thatsachen den Boden bilden, auf welchem die Naturwissenschaften am bessten gedeihen.