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dx nichts destoweniger vorhanden sind, obwohl sie sich nicht mehr so deutlich aussprechen, und wo es un­gleich schwerer ist, etwas davon zu abftrahiren. ES ist ist aber möglich, daß ein wissenschaftlicher Mann durch eine große Reihe von Erfahrungen sei­ne Augen und Fingerspitzen dahin übt, auch die feinen Eindrücke der Natur zu sehen , von einan­der zu unterscheiden, und es mit Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, daß diese oder jene Erhöhung diesen oder jenen Sinn, und keinen andern bedeute. Diese Aufschlüsse sind es, welche wir von der Lehre des Doktor Galt erwarten, und wenn auch nicht jeder davon überzeugt wird, so ist doch durch dieselbe ein großer Schritt geschehen , worüber Zeit und Erfah­rung uns nähere Aufklärung verschaffen werden.

Es fragt sich aber, ob es nicht möglich sey, bis zu jener nähern Aufklärung jetzt schon einen Nutzen aus den Resultaten dieser seltnen Erfahrun­gen zu ziehen? Dieses wäre vielleicht unter den Händen einsichtsvoller Männer der Fall bey der Er­ziehung. -In der Jugend fängt die Natur

schon an, ihre Keime zu entwickeln, und eine feh­lerhafte Richtung in dieser wichtigen Periode hat schon manches Talent erstickt, und manche glim­mende Leidenschaft zum unauslöschlichen Feuer an­geblasen. Ein Fingerzeig mehr, diese Uebel zu ver­meiden , könnte daher von großem Nutzen seyn. Nur zweifle ich, ob man dazu so vieler Unterabthei­lungen der verschiedenen Sinne bedarf, als auf denjenigen Schädeln gezeichnet sind, die unter G a ll s Aufschrift unter verschiedenen Formen im Publi­kum zirkuliren. So scharf diese Sinne von ein­ander ausgeschieden sind, so würden sie doch den Er­zieher nicht selten verwirren, und ihn in große Ver­legenheit setzen, wenn er das, was vielleicht nur «in Spiel in der Natur ist, schon als den Hang zu einer bösen Leidenschaft ansehen wollte, der man entgegen arbeiten müßte. In der Meynung, die Sache schon am rechten Orte gepackt zu haben, würde er aufhören, kalt und ruhig zu beobachten.

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ja durch falsche Hülfen, die er dem jungen Gaule giebt, denselben erst recht hartmäulig machen. Als unsere Vorältern die vier Temperamente nebst ihren verschiedenen Abstuffungen als die vier Haupt­regenten des menschlichen Wesens und Treibens er­klärten , mochten sie zwar nicht im Stande seyn, eine Pracision in ihre Lehre zu legen, weil sie ss wenig, als wir, Augenzeugen bey der ersten Schö­pfung des Menschen waren. Allein man fand täg­lich neue Beweise, daß diese Lehre viele Erfahrun­gen in der Natur zum Grunde habe. Um wie vieles könnte die Erziehung des Menschen in jeder Hinsicht erleichtert werden, wenn man mit möglicher Gewißheit aus der Form des Hirnscha- dels und durch dessen Berührung entziffern könnte

1) den Sinn, Eindrücke von außen mit mehr, oder weniger Leichtigkeit zu empfangen,

2) den Sinn, diese Eindrücke mit mehr, oder weniger Leichtigkeit zu behalten,

3) den Sinn , diese Eindrücke mehr, oder weni­ger zu überlegen und zu vergleichen,

4) den Sinn, welcher uns schneller, oder lang­samer, lebhafter oder mäßiger zu unfern Hand­lungen antreibt.

Ein aufmerksamer Mann könnte auf diesem We­ge sich über alles, was seine Zöglinge umgiebt, über alles, wohin sie geführt, oder wovon sie wegge­führt werden sollen, (Wissenschaft, oder Leidenschaft) leichter berathen, und leichter in der Sache selbst die Mittel und Hülfen finden, die er bedarf.

Doch sind dieß nur die Worte eines Laien, der alles auf das heiligste ehrt, was der menschliche Geist Schönes und Nüzliches hervorbringt, und der, (ohne Recht haben zu wollen) zufrieden ist, wenn einsichtsvolle Menschen bessere, nähere, und man­nigfaltigere Wege kennen, das neuhervorgebrachte Schöne und Nüzliche geschwinder und sicherer zu» Gedeihen zu bringen.

München den 5ten April 1307.

Ant. Baumgartner.