IX
inäfsig und keusch lebten, wenigstens nicht leichtsinnig oder vorsetz- lich auf die Gesundheit dieser Organe losstürmten, so finden wir sie oft im entgegengesezten Extreme es versehen: durch fleissiges Studiren und sitzende Lebensart, Harnblase und Harnröhre nicht nur zu anhaltend in einer erzwangten Lage, und Pressung auf dem Stuhle lassen, sondern ihnen durch Mangel an Leibesbewegung die Wechselwirkung der benachbarten Organe entziehen. Die Harnblase sollte nicht, wie doch bey dieser Gelegenheit geschieht, blos wie ein gefüllter todter Sack in gesenkter Lage ganz ruhig unterstüzt bleiben, sondern durch gehörige sanfte Leibesbewegung ebenfalls sanft bewegt werden, und öfter das ihr nöthige Lebensspiel der Muskeln erfahren, welche sie sowohl im Becken zunächst ringsum umgeben, als sie in einiger Entfernung, wie der Zwerchmuskel, die Lenden- und die Bauchmuskeln, zu einer lebendigen sanften Pressung zwischen sich nehmen.
Die Harnröhre sollte nicht, wie doch in sitzender Stellung geschieht, in den ohnehin durch die dermalige Mode viel zu straff hinaufgezogenen Beinkleidern , wie in einem Tragbeutel ruhig liegen, sondern mitunter, wie beym Aufseyn, frey herabhängen.
Hat nicht der Kreislauf des Blutes in den Gefäfsen der Harnblase und Harnröhre eine merklich andere Beschaffenheit bey anhaltendem Sitzen, als beym Aufseyn und Gehen ? Leiden dadurch nicht selbst die Geschäfte der Nervengeflechte im Becken, welche die alleransehnlichsten im ganzen Körper ausmachen, und welche Dr. J. A. Schmidt so unvergleichlich entwickelt und so schön abgebildet hat*), und die crewifs in mancher Wechselwirkung mit den Gebilden der- Harnblase und Harnröhre sich befinden ?
Wie manche Aerzte werden nicht mit den zunehmenden Jahren immer merklicher an sich selbst gespürt haben, welche Unbiegsamkeit
*) Commentarius, de Nervös lumbalibtts eorumque plexu logicus. Vindobonac 1794* 4 tü -
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anatomico-patho-