Herrn
Dr, 1. Happel (23) Bentheim
Löwenstr. 7
21 . 2 . 45
Mein lieber Lutz !
Als ich am Donnerstag gegen 22 Uhr von. Frankfurt nach 20 stündiger Abwesenheit zurückkehrte, fand ich bei der eingegangenen Post Deinen Brief vor. Hoch vor dem Essen habe ich dann Deinen Brief gelesen , und meine Gedanken durchliefen im Fluge die Jahre unseres Zusammenseins. Studentenzeit - Studium - Doktorarbeit. Heute kehrt unsere Erinnerung nur in kurzen Augenblicken zu diesen schönen Zeiten zurück, und wir zehren von der Vergangenheit.
Die Verantwortung für die gesamte SNG, die Lage an den Fronten haben mir weitere graue Haare gebracht. Die meisten Stunden der Nacht wälze ich mich schlaflos im Bett herum. Man hört von ferne die Sirenen, das Brummen der ein- und ausfliegenden feindlichen Flieger. Ich und die meisten anderen Gefolgschaftsmitglieder bleiben ruhig in den Betten. Fernab der Stadt, mitten im Walde können wir uns dies erlauben. Wir werden ob dieser Möglichkeit des Ausschlafens von den in Frankfurt zurückgebliebenen Gefolgschaftsmitgliedern mit Recht stark beneidet und sind bemüht, diese Gunst durch Mehrarbeit wett zu machen*
Deine Annahme hinsichtlich des 18. Januar trifft vollauf zu. In der Nacht kamen mir die Reichsgründungs-Kommerse, die Feiern in der Aula der Universität in den Sinn. Ich sah Ferdi, Dich und mich in Wichs einer Wohllöblichen im G.I.. Ich knipste Licht an und schrieb mir Deinen Namen auf. Am anderen Tag habe ich Dir ganz kurz geschrieben. Der Brief ist aus zwei Gründen so kurz ausgefalle». Erstens hatte ich keine Anschrift und wollte erst einmal ein Lebenszeichen von Dir haben. Zweitens war ich gerade von einer längeren Dienstreise von Berlin und Celle zurückgekehrt und hatte im Zuge der zahlreichen Besprechungen und der während meiner Abwesenheit eingelaufenen Post zahlreiche Briefe zu schreiben und wollte Deinen Brief so schnell wie möglich herausheben. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie gross meine Freude war, als ich auf dem Briefumschlag Deine Schrift erkannte.
Mit Bedauern habe ich von Deinem Schicksal, den Verlusten an Hab Und Gut gehört. Hoffentlich hat es dabei sein Bewenden. Aber leider stehen uns noch schwere Zeiten bevor. Wir werden noch manchen Weg ira Dunkel der Nacht bis zur endgiltigen Entscheidung zurücklegen müssen.
Hoffentlich hast Du inzwischen von Frau und Kind gute Nachricht. Ich kann verstehen, dass man bei dieser lähmenden Ungewissheit in Angst und Sorgen lebt. Höge für den jungen Erdenbürger das Licht der Sonne scheinen !
Vom Chef erhielten wir Mitte November durch die Schwedische Gesan&schaft ein Telegramm aus Bukarest • Wir hatten damit die Gewissheit, dass er unter den Lebenden weilt. Anfang September bin ich nach Berlin gefahren und habe beim Kultus-Ministerium einen